Krishna Premarupa das

Ganges-Wasser - äusserlich schmutzig, innerlich reinigend!

„Oh Swagatam Gange, Saranagatam Gange!" Gesänge zur Verherrlichung von Mutter Ganga erfüllen die Atmosphäre. „Gegrüsst seist du Ganga, Dir gebe ich mich hin, Ganga!" Die Gebete werden von Tabla-Rhythmen begleitet und laden zum Mitklatschen und Singen ein. Die jungen Studenten des Ashramas entzünden die schweren Butterfettlampen und ihr Guru eröffnet die Ganga-Verehrungszeremonie am Ufer des heiligen Flusses. Am Horizont verfärbt sich der Himmel rötlich und die grosse Shiva-Statue auf der gegenüberliegenden Brücke des Paramarth Gaths strahlt eine mystische Präsenz aus. Ohne Zweifel sind diese Zeremonien, wie die hier beschriebene in Risikesha, einer der Höhepunkte unserer jährlichen Ganges-Reisen. Aber weshalb verehren Hindus eigentlich einen Fluss?

In Indien hatten die Menschen schon immer ein tiefes Vertrauen in den Gangesfluss und die aussergewöhnliche Kraft seines Wassers. König Akbar nannte es "Wasser der Unsterblichkeit" trug stets etwas Reserven bei sich. Selbst britische Seefahrer schätzten das Gangeswasser, wenn sie ihre dreimonatige Schiffsreise nach England vornahmen, da es immer "süss und frisch" blieb. Ich selber erfuhr auf meinen Pilgerreisen immer wieder die reinigende Wirkung des heiligen Wassers. Auf der letzten Ganges-Reise hatten einige Teilnehmer diesbezüglich aber auch ihre Zweifel zum Ausdruck gebracht.

"Reinigende Wirkung?!" Leider ist der heiligste Fluss Indiens wohl auch einer der schmutzigsten Flüsse des Landes! Zwar hat der Ganges eine enorm starke selbstreinigende Kraft, aber allein in Kolkata werden täglich 320 Mio. Liter Abwässer in den Gangesarm Hugli eingeleitet. Die Belastung durch Kolibakterien soll 2000-mal höher sein als in Indien erlaubt ist. Man kann es also nicht abstreiten, der Zustand des Ganges ist eine ökologische Katastrophe! Daran konnte leider auch die ihm Jahr 1986 gestartete Initiative „Ganga Action Plans", welches das teuerste und umfassendste Umweltschutzprogramm in der Geschichte Indiens war, nicht viel ändern.

Aber was ist so speziell an diesem Fluss, dass bis heute täglich tausende Menschen an die Ufer des Ganges pilgern um dort ihr "reinigendes Bad" zu nehmen und den Fluss mit unglaublicher Hingabe, Blumen, Räucherwerk und Opfergaben darbringen?

In den heiligen Schriften wie dem Bhagavad Purana wird beschrieben, dass der Fluss Ganges als heilig und läuternd gilt, weil er aus der spirituellen Welt kommt und den Zeh Vamanadevas (einem Avatar des Gottes Visnu) berührte. Zuerst floss der Ganges nur auf den himmlischen Planeten. Dann bat der grosse König Bhagirath, dass der Ganges auf die Erde herabkommen möge um sie zu reinigen. Der mächtige Shiva war es dann, welcher sich bereit erklärte, das himmlische Wasser auf seinem Kopf aufzufangen.

Verehrt wird der heilige Fluss in der Form der Fluss-Göttin Ganga Devi: „O Mutter! Du hast eine Körpertönung so weiss wie der Herbstmond. Deine Krone ist dekoriert mit der Sichel des Mondes, die von weissen Schlangen umgeben ist. Deine Hände nehmen die Stellung ein, Segnungen und Furchtlosigkeit zu gewähren, und Deinen beiden anderen Händen hältst Du einen Krug und eine Lotosblume. Deine Schmuckstücke und Kleider gleichen einem Fluss von Nektar, und Du reitest auf einem weissen Krokodil. Wer über diese Form von Dir meditiert, wird von jeglichen Leiden verschont!" (Ganga-lahari) Ihre reinigende Kraft wird in unzähligen Schriften besungen: „Wer einfach "Gange! Gange!" ausspricht, wird von allen Sünden gereinigt und erreicht den ewigen Himmel, das Reich Gottes!" (Devi Purana) „In diesem Zeitalter des Kali ist das Heiligste Mutter Ganga...sie reinigt die ganze Welt mit ihrem Wasser" (Mahabharat / Garuda Purana)

Was ist nun aber die Schlussfolgerung? Ist der Ganges einfach ein schmutziger Fluss oder doch etwa eine flüssige Göttin? Nun, Ich muss zugeben, ein Bad in Devaprayag, im klaren Himalaya-Gewässer fühlt sich schon etwas anders an, als ein Bad einige hundert Kilometer weiter unten in Städten wie Varanasi. Und ich würde es mir wünschen, dass die Inder ihren heiligen Fluss genau so behandelten, wie sie ihn verehren! Dennoch hab ich immer wieder erfahren, wie der äusserlich schmutzige Fluss die Fähigkeit besitzt, die Unreinheiten im Innern zu beseitigen. Und dies bestätigen Jahr für Jahr selbst die skeptischsten Reiseteilnehmer!

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