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In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Für und Wider das Burkaverbot

Anfangs habe ich gehofft, das Ganze verläuft im Sand, wie schon einmal. Aber das Thema zu Tode zu schweigen hat leider diesmal nichts gebracht. Eigentlich ist es ja erfreulich, dass die Schweiz keine grösseren Probleme hat als ein Stück Stoff, das von einer verschwindend kleinen Anzahl Frauen getragen wird. Wenn sich darunter wie bei einem Eisberg nicht etwas Anderes verbergen würde, was wirklich ein Problem ist: die allgegenwärtige Angst vor dem Islam. Als Muslimin bin ich betroffen davon, ob ich will oder nicht, auch wenn ich keine Burka trage. 

Eigentlich ist alles schon gesagt worden, was es zu diesem Thema zu sagen gibt und ich verstehe sowohl die Argumente der Befürworter als auch der Gegner und bin ebenso wie sie hin- und hergerissen zwischen persönlicher Ansicht, wie ich den Islam verstehe und der Verteidigung der Freiheit, sich so zu kleiden, wie man will. Ich bin keine Befürworterin der Burka. Für mich setzt die Burka unnötig Barrieren in den zwischenmenschlichen Beziehungen, weil die Person keine Identität hat und man die Mimik im Gesicht des Gegenübers nicht lesen kann, was einen echten Dialog unmöglich macht. Ausserdem ist sie im Koran nicht vorgeschrieben; im Gegenteil, es gibt sogar Verse, die nahelegen dass es unmöglich sein kann, dass die Bedeckung des Gesichts im Islam Pflicht ist. In 24/ 30 werden die Männer aufgefordert, ihre Blicke zu senken – was hätte das für einen Sinn, wenn die Frauen nicht sichtbar wären? In 33/52 wird dem Propheten Muhammad verboten, noch weitere Frauen zu heiraten, auch wenn ihm ihre Schönheit gefallen sollte – wie hätte er sie sehen können, wenn ein Gesichtsschleier Pflicht gewesen wäre?

Trotzdem beharren einige Gelehrte auf dem Standpunkt, dass die Frau sich komplett verhüllen müsse und beziehen sich auf Hadithe (ausserkoranische Überlieferungen, d.h. Aussagen, die dem Propheten Muhammad zugeschrieben werden.) Jedoch sind diese widersprüchlich und das ist der Grund, weshalb die Kleidervorschriften auch innerhalb der muslimischen Welt variieren. Eine inner-islamische Auseinandersetzung mit dem Thema wäre dringend nötig, erstens, damit keine Frau mehr gezwungen wird, mit solchen Einschränkungen zu leben, und zweitens auch mit Blick auf unnötige Provokationen in der Gesellschaft. Doch die Standpunkte liegen weit auseinander…

Auch ausserhalb der Länder, in denen der Niqab (Gesichtsschleier mit Augenschlitz) oder die Burka Pflicht ist, gibt es Frauen, welche diese Ideologie übernehmen, und manchmal gibt es auch Frauen, die sich als Zeichen ihrer Hingabe oder zur Selbstdisziplinierung (Absage an die Eitelkeit) dazu entschliessen, sich komplett zu verhüllen. Das ist kein politisches Statement, sondern in der Regel eine persönliche Entscheidung, zu welcher frau die Freiheit haben sollte. Auch wenn es nicht sehr hilfreich ist in der momentanen Situation, denn es existiert sowas wie eine Allergie gegen den Islam. ¨

Das Immunsystem der Bevölkerung ist überreizt. Attentate auf der ganzen Welt im Namen des Islam, Diktaturen und Bürgerkrieg in sogenannt islamischen Staaten, die Schreckensherrschaft des IS – all dies kann man nicht verhindern. Auch nicht, dass Muslime unter uns leben. Aber wenigstens die Burka, nach den Minaretten! - Diese Stellvertreterverbote sind ein Zeichen der Hilflosigkeit. Sie suggerieren den Bürgern, dass etwas getan wird. Doch jetzt mal ehrlich: tragen Selbstmordattentäter ihre Bombe unter dem Gesichtsschleier?! Das Verbot, sein Gesicht nicht zu zeigen wäre nur dort sinnvoll, wo Sicherheitsbedenken gibt, wie z.B. die Identifizierung an Flughäfen, vor Gericht, in der Schule oder Ähnliches. Dies sollte jedoch besser auf dem Wege der Argumente und Überzeugung angegangen werden oder mit dem Vermummungsverbot. Ein generelles Burkaverbot, bei dem viele Muslime sowieso das Gefühl haben, dass damit der Islam abgestraft wird, ist nicht zielführend sondern scheinheilig. Es bietet weder mehr Sicherheit, noch wird damit die Unterdrückung von Frauen aufgehoben. 

Nebst dem Sicherheitsaspekt wird oft noch die Integrationswilligkeit angesprochen. Da die meisten Burka- respektive Niqabträgerinnen sowieso Araberinnen sind, welche die Schweiz nur als Touristen besuchen, ist das kein Problem, weil sie sich ja nicht integrieren müssen. Was die anderen betrifft, denen man mit Zwang die "Freiheit" zurückgeben will, so befürchte ich, dass man das Gegenteil erreicht: dass sich diese Frauen dann in die eigenen vier Wände zurückziehen – oder zurückziehen müssen, falls der Gesichtsschleier vom Mann verordnet wurde. Das habe ich auch schon gesehen und mir gewünscht, es gäbe eine Integrationskurs- pflicht für solche Männer. Was in der ganzen Debatte untergeht, ist die Befindlichkeit der "normalen" Muslime. Auch auf muslimischer Seite gibt es Ängste: Zuerst will man die Burka überall verbieten. Und dann das Kopftuch? Und als Nächstes langärmelige Pullover und Jupes, die bis zum Knöchel reichen? Und folgt nachher die Make up und Maniküre-Pflicht? Dann das Koranleseverbot und das Ramadanverbot? Da wehren wir besser den Anfängen, indem wir uns gegen das Burkaverbot wehren…

Kampf gegen die Burka
Ein Gott, verschiedene Gewänder - oder die Weishei...

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