Simon Pfeiffer

In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Freiwillig Farbe bekennen

Was ist wichtiger: Ökonomisch zu haushalten oder unter Risiken Leben zu retten? Was würde der Mann aus Nazareth, das grosse Vorbild der Christen, sagen?

Flüchtende Menschen nehmen unermessliche Risiken auf sich, um in einem freien Land ihr Leben neu zu beginnen. In den Medien kursieren Begriffe wie „Flüchtlingsströme" oder „Flüchtlingskrise". Davon betroffene Staaten ziehen Grenzzäune hoch, legen Obergrenzen fest, oder versuchen, die aus ihrer Heimat Geflüchteten irgendwie zu versorgen und ansatzweise zu integrieren. Es geht um Hunderttausende von Menschen. Unzählige Beamte und Staatsangestellte bemühen sich nach Kräften und geben wohl ihr Bestes – allerdings innerhalb von geregelten Arbeitszeiten und gegen Lohn. Das kostet die Staaten viel Geld. Noch viel mehr Geld würde es die Staaten kosten, die geflüchteten Menschen nicht nur notdürftig, sondern menschenwürdig und ermutigend für den Neuanfang ihres Lebens aufzunehmen, mit den Gegebenheiten und Gepflogenheiten des Landes vertraut zu machen und letztlich zu integrieren.

Ich sehe leider in meinem Heimatstaat die Bereitschaft nicht, annähernd genügend Geld auszugeben, damit ein möglichst grosser Teil der verzweifelten Menschen bei uns eine neue Chance kriegen. Man sieht sich Bilder an von frierenden Kindern irgendwo auf dem Balkan, man sieht die Zelte im griechischen Idomeni im Schlamm versinken und man sieht wieder überfüllte Boote in Seenot im Mittelmeer. Man zuckt die Schultern und geht wieder zur Tagesordnung über. Sogar die reiche Schweiz könne es sich nicht leisten, ein grosses Herz zu zeigen und grössere Zahlen Flüchtlinge direkt ins Land zu holen. – Vielleicht stimmt das tatsächlich, wenn man damit rechnet, dass diese Menschen durchs Band weg von Beamten und Angestellten betreut und begleitet würden.

Das Geld ist aber nur die eine Seite. In unserem Land leben auch Menschen, die sich mit Herzblut einsetzen für Kultur, für Soziales, für Sportvereine und auch für Flüchtlinge. Ich staune, was bereits jetzt alles von Menschen in der Schweiz unentgeltlich geleistet wird: Kleiderspenden, gratis Deutschunterricht durch Freiwillige, offene Treffpunkte mit Musik, gemeinsamem Kochen und spielenden Kindern. Von Kirchgemeinden, gemeinnützigen Vereinen oder einfach engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Eine solch gewaltige Aufgabe kann gar nicht von einem Staat im Alleingang gelöst werden. Aber bei aller Professionalität sollte er seine Freiwilligen nicht vergessen, sehr häufig Frauen mittleren Alters, die ihre Freizeit für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft einsetzen. Der Staat allein wird es nicht schaffen, aber freiwillig Engagierte aus der Zivilgesellschaft werden es schaffen – auch ausserhalb von Bürozeiten, spontan auf Augenhöhe und immer wieder positiv überraschend.

Viele geflüchtete Menschen brauchen viele freiwillige Einheimische. Zu viele kann es bei den aktuellen Dimensionen gar nicht geben. Auch Sie sind eingeladen, sich zu engagieren. Es ist Zeit, freiwillig Farbe zu bekennen. Was ist wichtiger: Geld oder Leben?
Zwei Brüder
Buchauszug: Für ein besseres Miteinander III

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