Joe M.

Fertig lustig bei Religion und Glauben

Die überzeichnete, witzige Darstellung der Realität war schon den alten Griechen als gesellschaftskritisches Instrument bekannt, die antike Rhetorik bediente sich des Sarkasmus um Personen oder Ideen mit beissendem Hohn und Spott blosszustellen. Aber auch heutzutage verfehlt der spitze Bleistift als politische Waffe mithilfe der Karikatur nur selten sein Ziel.

Aus Pietätsgründen sind der Komik aber Grenzen gesetzt – verstorbene, behinderte, aber auch gläubige Menschen und ihre Götter dürfen nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Ich möchte hier der Frage nachgehen, warum Frömmigkeit und Glaube der Rücksichtsnahme bedürfen, obwohl die Irrationalität und Aberwitzigkeit vieler religiöser Angelegenheiten sich geradezu anbieten, diese zu hinterfragen oder darüber Scherze zu machen. Wie haben Religion und deren Heilsverkünder, die Propheten, es geschafft, diesen Respekt, diese Sonderbehandlung in der Gesellschaft zu beanspruchen? Klar ist, was für die einen nur ein lustiger Kalauer oder eine geistreiche Persiflage darstellt, ist für andere bereits Blasphemie. Da wird die bissige Bemerkung oder Satire schnell als Beleidigung oder Verletzung religiöser Gefühle angesehen. Diese spontane Abwehrhaltung ist ein Reflex auf die als Angriff empfundene, eigene Glaubensgewissheit.

Wenn jemand Kritik an religiösen Themen übt und diese Kritik mit Logik und wachem Verstand untermauert, wird trotzdem von Seiten Gläubigen darauf hingewiesen, dass ein Laie solche Themen nicht beurteilen kann und man dazu einen Theologen oder Bischof befragen muss, um kompetente Antworten auf Fragen zu Religion und Glauben zu erhalten. Dieses Unterstellen von Inkompetenz und nicht geeignet sein, Kritik zu üben, ist unabhängig von der Bildung dessen, der es wagte, kritische Fragen zustellen – es trifft den Professor für Physik genauso wie den Facharbeiter oder die Hausfrau. All diesen Menschen traut man durchaus und unabhängig ihres beruflichen Werdegangs eine eigenständige Meinung in den Bereichen Politik, Erziehung und wie ethisches Verhalten in der Gesellschaft sein soll, zu. Nur eben, Gott und religiöse Themen sind weitgehend unantastbar und dürfen nicht hinterfragt werden.

Ein Komiker wie Michael Mittermeier würde diesen Sachverhalt vermutlich in etwa so beschreiben: „Das ist ja wie, wenn jemand das Suchtverhalten eines Junkies kritisiert, worauf dieser erklärt, Fragen zu Drogenkonsum und dessen Folgen können nur der Dealer oder Drogenbaron kompetent beantworten."

Wie reagiert ein gläubiger Mensch wohl auf folgenden, scharfsinnigen Gedankengang: Das Kreuz war zu Zeiten Jesus eines der grausamsten Mord- und Folterinstrumente. Tausende von Menschen starben einen langsamen und qualvollen Tod am Kreuz. Wäre Jesus durch den Strang gestorben, hätten wir dann Galgen auf unseren Berggipfeln als Symbol des christlichen Glaubens? Oder wie Lenny Bruce fragte: „Hätte Jesus in der heutigen Zeit gelebt und wäre auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden, würden wir uns kleine, vergoldete Stühlchen um den Hals hängen?"

Ein religiöser Mensch wird solche Gedankenspiele durchaus als Provokation empfinden und kann der Komik darin nichts abgewinnen. Selbst wenn ihn ähnliche Wortspielereien zu Themen der Politik oder der Wirtschaft belustigen würden, darf er die Satire im Zusammenhang mit Religion und seinem Glauben nicht zulassen. Wie soll Kritik und sich lustig machen auch möglich sein bei einem Gott, der allwissend und allmächtig ist?

Dabei ist die Tabuisierung von Spott im Zusammenhang mit Gott natürlich nicht angeboren, sondern eine Folge der Konditionierung. Ein kleines Kind, welches das erste Mal vom lieben Gott gehört hat, wird mit kindlicher Leichtigkeit diesem Gott auch menschliche Eigenschaften geben und einen scherzhaften Umgang mit dieser imaginären Gestalt pflegen – genauso wie mit den unsichtbaren, lieben Gespenstern und Freunden, die in der Welt der Kinder ziemlich real existieren. Leider aber wird Kindern die Unschuld und ihre herzliche, kindliche Phantasie geraubt, sobald es sich um Gott oder den Propheten handelt. Gläubige Eltern werden schnell auf die Konsequenzen solch sorglosen Umgangs mit dem Allmächtigen hinweisen und dabei Fegefeuer als Strafe oder den Teufel als bösen Gegenspieler Gottes ins Spiel bringen. Kinder lernen somit schon früh den Ernst des religiösen Glaubens kennen und entwickeln nach Jahren der Suggestion ein sehr ungutes Gefühl bei Kritik und Spott bezogen auf Gott.

In meiner Jugend versetzte mich der Gedanke „Gott ist tot" oder „Gott existiert nicht" in helle Aufregung und eine tiefe Angst erfasste mich, vom Bösen vereinnahmt zu werden. Ich wurde ja von meinen gläubigen Eltern und später von der Kirche daraufhin konditioniert, dass an Stelle des abwesenden Gottes nur Satan treten kann. Ist man sich der Tragweite solcher Beeinflussung in der Kindheit bewusst, ist auch klar, warum religiöse Gefühle so schnell verletzt werden und warum Religion kein Thema ist, worüber man scherzt.

Heute weiss ich allerdings, dass es Menschen sind, die diese totalitären Eigenschaften ihren eingebildeten Göttern geben. Blindgläubige Anhänger handeln scheinbar im Namen Gottes, wenn sie die Fahnen anderer Länder verbrennen. In Wirklichkeit lassen sie sich aber von wenigen religiösen Fanatikern (wegen ein paar zugegebenermassen respektlosen, aber nicht von ungefähr kommenden Mohammed Karikaturen) zu hässlichen Tumulten aufhetzen und im Gedränge der tobenden Masse sterben aufgebrachte Demonstranten. Morddrohungen und der Ruf nach Vergeltung sind die Folge – die Spirale der Gewalt dreht sich unerbittlich weiter.

Abhilfe schaffen könnte, wenn Kinder Gott als Märchengestalt (wie den Weihnachtsmann oder den Osterhasen) kennen lernen dürften, um dann – sobald sie grösser sind – diese Fabelwesen auflösen zu lassen. Leider wird aber in den Schulen die religiöse Manipulation staatlich verordnet weitergeführt und ein Verblassen des Gottesbildes oder eine Light-Version ist natürlich nicht im Sinne der Kardinäle und Mullahs – es würde ihren Einfluss zu sehr schmälern.

Die Wirkung von tief verankerten Glaubenssätzen ist in allen Kulturen bekannt und die Mechanismen sind immer die gleichen, ob Gott/Teufel oder Voodookult. Findet jemand in unseren Breitengraden ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf an seiner Haustür, wird er vermutlich die ekelerregende Angelegenheit sofort mit primitivem Aberglauben in Verbindung bringen. Wer aber in einer Kultur aufgewachsen ist, wo Voodoo und Zauberei noch lebendig sind, wird wegen dem geköpften Huhn an der Tür vor Schreck erstarren und der festen Überzeugung sein, dass jemand seinen Tod herbeiführen will. Die Wirkung dieser auf suggestiver Ebene sehr machtvollen Fetischgegenstände wurde ja von den Eltern immer gepredigt und niemand traute sich, dies in Frage zu stellen oder darüber Witze zu machen. Die Konditionierung auf Voodoo hatte erfolgreich im Kindesalter stattgefunden und der Bann wirkt oft ein Leben lang. Ob nun Huhn oder Teufel, Voodoo oder Gott, Glaube oder Aberglaube spielt aus psychologischer Sicht nur eine untergeordnete Rolle.

Es gibt da noch den freundlichen, etwas harmloseren Humor eines Ludwig Thoma, der in seinem Sketch „Ein Münchner im Himmel" das irdische Dasein mit all seinen kleinen, menschlichen Freuden dem gestrengen, frommen Verweilen im Himmel gegenüberstellt. Da zieht Alois eine Mass Bier in geselliger Runde im Hofbräuhaus dem Frohlocken und Hosianna singen auf einer himmlischen Wolke vor. Diese Art liebevollen Humors verschreckt vermutlich kaum gläubige Menschen und die Absicht des Komikers ist auch nicht beissender Sarkasmus oder harsche Kritik. Der Satiriker Thoma persifliert hier die volkstümliche Form des Glaubens, deren Anhängerschaft sich gut mit der Landeskirche arrangiert hat und der Fanatismus im Allgemeinen fremd ist. Thoma zeigt aber auch das Dilemma jeder Religion auf, inwieweit Einschränkungen im irdischen Leben eigentlich gehen sollen um für das Leben nach dem Tod vorbereitet zu sein und, ob ein ewiges (und vielleicht langweiliges) Leben überhaupt erstrebenswert ist.

Die Antwort hängt immer sehr stark vom Leidensdruck ab, den die Menschen auf Erden verspüren. Ist das Leben im Diesseits angenehm und lustbetont, ist der Wunsch nach einem besseren Leben im Jenseits klein. Ist jedoch das irdische Leben mühsam und leidvoll, desto verheissungsvoller wird ein sorgenfreies, himmlisches Leben sein. Dies erklärt dann auch in ganz besonderem Masse die Lustfeindlichkeit und das Glorifizieren von Leid in der katholischen Kirche und all die irdischen Einschränkungen, die Gläubigen aller Religionen auferlegt werden. Da kommt vermutlich grosse, irdische Not den Heilsreligionen und ihren Erlösungsprophezeiungen ganz gelegen: Der Vatikan schweigt zu Verbrechen an Menschen, Priester segnen Panzer und Soldaten, ein frömmelnder Farmer aus Texas betreibt Kriegstreiberei und versucht sich als „war president" zu profilieren derweil auf der Gegenseite die Bereitschaft zur Selbstaufopferung „auf dem Weg Gottes" wächst.

Otto Waalkes machte sich in seinem witzigen Sketch „Das Wort zum Sonntag" über den Aberglauben in der Katholischen Kirche lustig. Da sinnierte er als Geistlicher mit dicker Brille: „Ich für meinen Fall habe immer eine geweihte Christopherus Plakette an meiner Orgel und bin seither noch nie mit einer anderen Orgel zusammengestossen! Sollte uns das nicht zu denken geben?"

Ja, wer im 21. Jahrhundert noch Aber- und Wunderglauben predigt, der muss sich nicht „wundern", wenn ein grosser Teil der Gesellschaft diese Mythen nicht mehr ernst nehmen kann. Der märchenhafte Charakter vieler Geschichten aus den heiligen Büchern erinnert an Fantasy Stories und hat durchaus Unterhaltungswert. Grotesk wird es aber, wenn Theologen uns weismachen wollen, dass sie die Antworten auf alle Fragen des Lebens kennen und uns vorschreiben, ihre abstrusen Erklärungen glauben zu müssen. Oder um es mit den Worten der „Mutter aller Religionswitze" zu formulieren: „Theologie ist, wenn jemand in einem dunklen Raum mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist und ruft: Ich hab sie!"
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