Simon Pfeiffer

Etikettierung durchbrechen

Die Oekumene, die Einheit aller Christen, ist und bleibt ein frommer Wunsch. Die Einigkeit aller Christen ist noch weiter entfernt. Unterschiede und Differenzen zwischen Konfessionen und Freikirchen sind jedoch einem grossen Teil des kirchlichen „Fussvolkes" nicht mehr wichtig oder gar nicht mehr bewusst. So können reformierte Kirchensteuerzahler in vollster Überzeugung aus ihrer Kirche austreten, weil der Papst dies oder das gesagt habe und sie eh mit der Institution Kirche Mühe hätten. Andererseits sind auch reformierte Christen gerne auf dem Jakobsweg unterwegs nach Santiago de Compostela, oder sie machen vor Ostern eine persönliche Fastenzeit.

Was individuell an der Basis kaum mehr problematisch scheint, wird komplizierter, wenn man ganze Gemeinden und kirchliche Gruppen miteinander in Beziehung setzt. So pflegen wir als reformierte Kirchgemeinde Kontakte zur katholischen Pfarrei wie auch mit der Chrischona-Gemeinde. Mit den Katholiken feiern wir regelmässig oekumenische Gottesdienste, organisieren gemeinsam den Basar und den Besuchsdienst für Betagte, Kranke und Einsame. Mit der Chrischona gibt es ebenfalls gemeinsame Gottesdienste unter dem Titel „Allianz" und gemeinsam organisierte Vortragsabende. Lange war es nicht denkbar, beides zu vereinen. Die römisch-katholische Kirche ist nicht Teil der schweizerischen evangelischen Allianz, welche ein Netzwerk reformierter Freikirchen ist, die Chrischona ihrerseits stellt sich klar gegen den Papst und grenzt sich so von der oekumenischen Bewegung ab.

Bewegung in die Fronten kam erst, als sich ein katholischer Seelsorger, ein reformierter Pfarrer und ein freikirchlicher Prediger trafen, um einen gemeinsamen Gottesdienst zum Jugendfest zu entwerfen. Oekumenisch oder Allianz? Weder noch. Wir nannten das Projekt „Dorfgottesdienst", das alle kirchlichen Gruppierungen im Dorf gemeinsam gestalteten. Das vierjährlich stattfindende Jugendfest bot den geeigneten Vorwand, alte Abgrenzungen über Bord zu werfen. Das Projekt wurde zum Erfolg. Am Jugendfestsonntag füllte sich die reformierte Kirche mit Menschen von jung bis alt. Auch die letzten Sitzplätze wurden besetzt. Kritik war keine zu vernehmen. Das Dorf freut sich schon auf den nächsten „Dorfgottesdienst" spätestens in vier Jahren beim nächsten Jugendfest.

So findet man zusammen. Die Etikettierungen bleiben unbeachtet, eine Gemeinschaft besteht nur aus Menschen, einem Quartier, einem Dorf, einer Stadt oder einer Schweiz. Jeder Anlass kann dazu dienen, das Gemeinschaftsgefühl zu feiern. Und die Gemeinschaft muss sich nicht auf christliche Gemeinschaften beschränken.

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