Joe M.

Erziehung mit christlicher Moral?

Die Einwohner des kleinen luzernischen Bauerndorfes - wo ich aufgewachsen bin - waren erzkatholisch. Sie versäumten nie die sonntägliche Messe oder den Kirchgang an den vielfältigen katholischen Feiertagen. Bei Wallfahrten nach Einsiedeln oder zu Niklaus von Flüe beteten sie den Rosenkranz und waren im allgemeinen davon überzeugt, die besseren Christen zu sein als die Protestanten im nahe gelegenen Kanton Aargau.

Unser Bauernhof lag am Ende des Dorfes, der Schulweg war dadurch fast eineinhalb Kilometer lang. Ich war Erstklässler, als auf dem Heimweg ein Schulgschpänli mich fragte, ob ich meckern könne. Nichts einfacher als das - und schon meckerte ich wie eine Ziege. Der Dorfschmied, der am Wegrand stand und als besonders frommer und ehrbarer Mann bekannt war, kam wutentbrannt auf uns zugelaufen und fragte, wer da eben gemeckert habe. Mein Gschpänli verdrückte sich, als ich sagte, ich sei es gewesen. Da schrie der Schmied mich an, ich hätte ihn beleidigt und ich solle meinen Eltern erzählen, dass ich den Schmied „angeschissen" habe. Er wiederholte dies wild gestikulierend mehrere male und musste sich beherrschen, um mich nicht zu schlagen. Ich verstand gar nichts, nahm aber an, dass er hoffte, dass ich zu Hause für mein Verhalten eine Tracht Prügel bekommen sollte. Völlig verstört erzählte ich die Geschichte später meinen Eltern und erfuhr, dass der Kinnbart (Ziegenbart) des Dorschmieds der Grund für seine Rage gewesen war.

Der Posthalter war ein grosser, starker Mann. Eines Tages hatte er die rechte Hand im Gips als er seine Posttour machte. Die Leute im Dorf waren neugierig zu erfahren, was passiert war. Da erzählte der aufrechte, gottesfürchtige Mann folgende Geschichte: Beim Versuch, seinem Sohn (er ging in die 2. Klasse) eine Ohrfeige zu verpassen, habe dieser sich gebückt worauf er, der Posthalter, seine Hand gegen den Tisch geschlagen und gebrochen habe. Schallendes Gelächter – natürlich habe der Bengel später ein paar Schläge mit der anderen Hand gekriegt. Beim Gedanken, wie brutal der fromme Vater seinem Sohn ins Gesicht schlagen wollte, musste ich als Kind leer schlucken und ich fand diese Geschichte gar nicht lustig.

Da gab es noch eine Familie im Dorf, die lebte wie Amische, fromm und rückständig. Als alle Bauern schon längst einen Traktor besassen, verwendeten sie noch immer ihr Pferdefuhrwerk. Es war selbst Mitte der Sechzigerjahre nicht mehr alltäglich, wenn der Wagen mit den zwei Pferden gemächlich die Strasse entlang holperte. Ich war neun, es war Winter und ich hatte meinen Schlitten dabei. Da ich nach der Schule noch einen Umweg zur Bäckerei machen musste, um ein Brot zu besorgen, war ich alleine auf dem Nachhauseweg, als plötzlich dieser alte Mann mit Pferd und Güllenfass auftauchte. Weil die Strasse anstieg, eilte ich herbei und hängte meinen Schlitten mit der Schnur hinten am Wagen an. Hei, war das toll, sich auf diese Weise bequem durch das Dorf ziehen zu lassen! Kurz bevor sich unsere Wege trennten, öffnete der Alte den Schieber des Güllenfasses und ein grosser Schwall stinkender Jauche ergoss sich über mich und das Brot. Entsetzt sprang ich auf und hängte den Schlitten ab. Gedemütigt, voller Scham und Ekel trottete ich weinend nach Hause - das höhnische Lachen des frommen, alten Mannes hallte mir noch nach.

Ich weiss nicht, ob sich diese Männer anders verhalten hätten, wären sie weniger gottesfürchtig gewesen. Ich kann aber mit Bestimmtheit sagen, dass ihre Frömmigkeit sie in keiner Weise veranlasste, Kinder verständnis- und liebevoll zu behandeln – das Gegenteil war der Fall! Beten, Beichten, den Leib Christi empfangen und den Predigten des Pfarrers von der Barmherzigkeit und der Liebe Jesus zu lauschen, schien kein Hinderungsgrund zu sein, Kinder zu schlagen, zu erniedrigen und zu verhöhnen.

Im Vergleich zu unseren Eltern hatten wir es aber noch gut. Mein Vater kriegte als Kind eine Tracht Prügel bloss weil er eine „falsche" Bemerkung machte oder im „falschen" Augenblick lachte. Das war ganz normale Züchtigung im Sinne der abendländisch-christlichen Tradition.

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