Thomas Philipp

Eros und Verantwortung

Kirche. Ein Priesterfreund sagte mir vor Monaten, er bekomme schon schräge Blicke, wenn er einem Kind nur über das Haar fahre. In welche Atmosphäre, in welchen schleichenden Verdacht führt die katholische Kirche heute junge Menschen und auch die jungen Priester?

Auf lange Sicht ist die blosse Behauptung, die Missbräuche hätten mit dem System Zölibat nichts zu tun, nicht zu halten. Der Verdacht ist da - und er hat Macht. Er muss entweder seriös entkräftet werden oder die Missstände sind entschlossen zu bereinigen. Dazwischen gibt es keine glaubwürdige Lösung. Eine weiträumige, wissenschaftliche und unabhängige Untersuchung, die mit Zugang zu allen Quellen feststellt, ob bei katholischen Seelsorgern sexuelle Ausbeutung deutlich häufiger auftritt als bei protestantischen Pfarrern und bei Trainern in Sportvereinen, ist unvermeidlich geworden. Die Kirche muss ihre Verantwortung vor und mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts wahrnehmen.

Schon die Klugheit müsste es vorziehen, die Schande in Eigeninitiative anzuschauen, statt nach acht oder zwölf Jahren quälender Verteidigung vor aller Augen zu einer solchen Forschung gezwungen zu werden. Hier nicht sauber hinzuschauen, bedeutet die Hoffnung und das Engagement vieler Katholiken, die trotz allem noch immer loyal sind, für klerikale Interessen auszubeuten. Sollte unter katholischen Pfarrern Kinderschändung deutlich häufiger sein als in den Vergleichsgruppen, darf und wird die Ehelosigkeit allein lebender Pfarrer nicht aufrechterhalten werden. Der Verdacht könnte sich so auch als Vorurteil erweisen. Entsprechend sind die Internate der Orden mit jenen anderer Träger zu vergleichen.

Der Rektor des Berliner Jesuitengymnasiums, Pater Mertes, hat alle Ehemaligen angeschrieben und eine unabhängige Ansprechpartnerin beauftragt. Da kam noch manches heraus, aber seine Linie – die Interessen der Opfer haben Vorrang – überzeugt. Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch angesichts der Vorliebe, die der Mensch aus Nazareth gegenüber den Armen und Entrechteten hegte.

Gesellschaft. Ach, es ist so leicht, die Kinderschänder zu verurteilen, und im gleichen Atemzug Religion und Reformpädagogik den Stachel zu nehmen. Bequem, allzu bequem für die bürgerliche Selbstzufriedenheit. Denn die gleiche Welt erlebt zunehmende Gewaltexzesse junger Männer gegenüber Unbeteiligten. Offenbar haben sie viel mit der Gleichgültigkeit von Eltern und Lehrern gegenüber der Innen- und Freizeitwelt der Heranwachsenden zu tun. Ein leidenschaftliches Interesse an der jungen Generation, an ihrer Welt, ihren Erfahrungen und Wahrnehmungen ist ein hohes Gut. Gerade für eine Gesellschaft, in der junge Leute Bildungsinstitution als anonym empfinden, als Anstalten massenhafter Abfertigung und sich danach sehnen, in ihrer persönlichen Eigenart gesehen und bejaht zu werden.

Sexuelle Ausbeuter finden sich meist unter den Engagierten, die ein Feuer für die junge Generation haben. Gerold Becker von der Odenwaldschule und viele der verwickelten katholischen Seelsorger sind keine Gleichgültigen, die nur einen Job machen. Das entschuldigt nichts. Aber wie vermeidet man ein Klima des Verdachts, der das Kind, buchstäblich, mit dem Bade ausschüttet?

Der Mensch, cum grano salis, stammt vom Affen ab und die Kultur aus der Barbarei. Man beschneide die tragenden Äste. Sie abzusägen geht nach hinten los.

Konfirmationswunder und Depression danach
Erfreuliche Diskussion am SVP-Stamm mit Folgen

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