Philipp Höhener

Ein anderer Blickwinkel auf die Charta christlicher Kinder- und Jugendarbeit, Teil 1

Ein anderer Blickwinkel auf die Charta christlicher Kinder- und Jugendarbeit, Teil 1

Für jene, welche meinen vorderen Blogartikel nicht gelesen haben, empfehle ich, dies hier zuerst nachzuholen. Es ist mir ein Anliegen, dass sich meine Leserschaft nicht nur anhand von einseitigen Informationen meinerseits ein Bild über diese Thematik machen kann. Auch möchte ich Interessierten die Publikationen meiner ehemaligen Kirche zugänglich machen, über die ich mich heute als ehemaliges Kirchenmitglied der weltweiten Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten kritisch in der Öffentlichkeit äussere. Dazu gehören auch unzählige Zitate Ellen G. Whites, darunter auch solche zur Kindererziehung. Glaubenspunkt 18 der Adventisten beschreibt den Stellenwert der Schriften Ellen G. Whites u.a. folgendermassen: "Ihre Schriften sprechen mit prophetischer Autorität und geben der Gemeinde Trost, Führung, Unterweisung und Zurechtweisung."



Keine Frage, als Kind und später Jugendlicher adventistischer Eltern habe ich damals sehr gerne an den Lagern und Jugendveranstaltungen der Gemeinde teilgenommen. So freute ich mich zum Beispiel immer sehr auf die jährlichen Pfingstlager der "Adventwacht", so die Bezeichnung der weltweiten Pfadfinderorganisation der Kirche in dder Schweiz. Es war toll, sich mit so vielen Kindern und Lagerleitern anderer Ortsgemeinden derselben Kirchenvereinigung zu treffen. Dieses besondere Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl war in meinem Leben als Siebenten-Tags-Adventist tief verwurzelt. Wie es zu diesen Empfindungen kam und was dafür verantwortlich war, werde ich in einem anderen Blogbeitrag erläutern. In diesem Artikel geht es mir vorwiegend darum, meine Sichtweise zur Charta christlicher Kinder- und Jugendarbeit darzulegen. Diese ist Bestandteil des am 30.Januar 2018 gegründeten Verbands AF+ und wurde – wie im letzten Blogartikel bereits erwähnt – von der Jugendabteilung der Adventisten unterzeichnet. AF+ steht für "Ausbildung" und "Formation" (französisch). Vor kurzem konnte AF+ eine Partnerschaftsvereinbarung mit Jugend + Sport (J+S), dem grössten Sportförderungsprogramm des Bundesamts für Sport (BASPO) unterzeichnen. Gemäss der Medienmitteilung des adventistischen Pressedienstes vom 02.04.2018, plant die Adventjugend, Jugendorganisation der Adventisten in der Deutschschweiz, auch einen Verein zu gründen und Mitglied von AF+ zu werden.


Zum Vorwort der "Charta christlicher Kinder- und Jugendarbeit", Abschnitt 1

Entgegen der Aussage der Charta, dass sich die unterzeichnenden Organisationen grundlegend gegenüber der angeborenen Würde jedes Kindes und Jugendlichen verpflichten, ist diese gemäss adventistischer Literatur nur unter einer Bedingung möglich, nämlich dann, wenn der Mensch eins mit Christus wird. Entgegen der Aussage der Charta, dass die Grundfreiheiten und Rechte allen Menschen zustehen, soll gemäss adventistischer Literatur der menschliche Verstand geschwächt und die Freiheit des Menschen zerstört werden:


"Die Freiheit des Menschen ist nur unter der Bedingung möglich, dass man mit Christus eins wird. 'Die Wahrheit wird euch frei machen' (Johannes 8,32b), und Christus ist die Wahrheit (vgl. Johannes 14,6). Die Sünde kann nur dann Erfolg haben, wenn sie den Verstand schwächt und die Freiheit des Menschen zerstört. Unterstellen wir uns jedoch Gott, wird unsere eigene Persönlichkeit wiederhergestellt - zu wahrer Herrlichkeit und Menschenwürde. Das göttliche Gesetz, dem wir unterworfen werden, ist das 'Gesetz der Freiheit' (Jakobus 2,12b)."
Ellen G. White, Der Sieg Der Liebe - Das Leben Von Jesus Christus, Seite 451

Eine Frage, die sich mir beim Lesen der Charta gestellt hat, ist: Kann grundlegend von angeborener Würde gesprochen werden, wenn diese gleichzeitig an eine Bedingung geknüpft wird und durch die Indoktrinierung der adventistischen Glaubenslehre genau das Gegenteil passiert? Ich beantworte diese Frage heute mit einem klaren "Nein!". Ich hatte als Kind kein Recht auf mein Selbstbewusstsein, einem anderen Wort für Würde. Mir wurde schon von klein auf gepredigt und eingeimpft, dass der Mensch als Sünder und deshalb in Gefangenschaft geboren wird, und dass ich mir dessen bewusst werden, mein Leben Gott unterstellen und ihn als persönlichen Erlöser anerkennen soll. Dies, um dieser angeblichen Gefangenschaft und dem ewigen Tod zu entrinnen. Im vorigen Zitat wird von Schwächung des Verstands und Zerstörung der Freiheit des Menschen gesprochen. Für mich erübrigt sich die Antwort auf die Frage, ob die Organisation der Siebenten-Tags-Adventisten die Grundfreiheiten- und Rechte allen Menschen zusteht.


In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948 heißt es in Artikel 19: "Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten." Ich sähe grundsätzlich keinen Grund an die Öffentlichkeit zu gelangen, würden innerhalb meiner ehemaligen Kirche solche Rechte auch tatsächlich eingehalten. Kommt dazu, dass die weltweite Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in der Öffentlichkeit selbst immer wieder darauf hinweist, dass sie selbst als Weltkirche diese Rechte verteidigen will. Damit man mich nicht falsch versteht: Meine Kritik richtet sich nicht an Mitglieder der Kirche, welche beispielsweise ihren Kindern die Freiheit zustehen, selbständig Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und auch zu verbreiten. Doch im Sinne der Kirche ist dies, wie das folgende Zitat zeigt, nicht und in meinem Fall haben meine Eltern die Ratschläge Ellen Whites einfach nur beherzigt, womit sie eben nicht die EInzigen sind:


"Wir müssen die Gefahren sehen, die von bestimmten Büchern und Schriften ungläubiger Autoren ausgehen. Ihre Werke sind vom Feind der Wahrheit inspiriert; man kann sie nicht lesen, ohne sein geistliches Leben zu gefährden. Gewiss, manche Christen überstehen solche Lektüre ohne Schaden, aber jeder, der sich solchen Einflüssen aussetzt, begibt sich in den Bereich Satans, der das auszunutzen versucht. Wer ihm die Möglichkeit zur Versuchung bietet, schwächt sein Unterscheidungsvermögen und seine Widerstandskraft. Unglaube und Treulosigkeit gegen Gott sind die zwingende Folge. Wir wollen unseren Kindern auf keinen Fall Bücher zu lesen geben, in denen die Wahrheit verdreht wird. Sie sollen in der Zeit ihrer geistigen Entwicklung nicht mit Ideen gefüttert werden, die später einmal als böse Saat aufgehen können."

Ellen G. White, Glück fängt zu Hause an, Seite 155


Mein Fazit betreffend dem öffentlichen Bekenntnis der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten zu Aussagen der Charta christlicher Kinder- und Jugendarbeit ist: Ein öffentliches Bekenntnis ist erst dann etwas wert, wenn innerhalb der Kirche die gleichen Werte gelehrt werden.

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