Joe M.

Dunkle Seite der Macht

Das Zölibat wurde im 11. Jahrhundert von der katholischen Kirche nicht zuletzt wegen des Erbrechts eingeführt – es sollte kein Kirchenbesitz mehr an die Frauen und Kinder der verheirateten Pfarrer vererbt werden. Obwohl die Kirche gerne die geistigen Ideale der Enthaltsamkeit und die Sublimierung der sexuellen Energie als die Vorzüge des Zölibats bekräftigt, spielt der Erhalt des Kirchenvermögens vermutlich auch heute noch eine wichtige Rolle und der Verzicht auf die Ehe ist nicht bloss „um des Himmelreiches willen". Was auch immer die Ursache für das beharrliche Festhalten an dieser Tradition ist: Die Kirche hat es sträflich versäumt, wirkungsvolle Techniken - sozusagen eine westliche Variante der 5 Tibeter – zu entwickeln, die den enthaltsam lebenden Pfarrer und Patres erlauben, ihre sexuelle Energie tatsächlich transformieren zu können.

Man darf jetzt aber nicht – auch bei berechtigtem Zweifel am Sinn der sexuellen Abstinenz auf Lebenszeit - Zölibat und Pädophilie in einen Topf werfen. Das Zölibat basiert auf einem bewussten Entscheid, Enthaltsamkeit als Vorbedingung für die Priesterweihe zu akzeptieren; bei Pädophilie handelt es sich um eine Persönlichkeitsseinsstörung, die bewusst oder unbewusst zu einem abnormen sexuellen Verhalten führt und daher behandelt werden muss. Es ist jedoch denkbar, dass eine unnatürliche Lebensweise ohne Intimkontakt zu Frauen in Verbindung mit der Glorifizierung geistiger Fantasiewelten, das Verehren von Maria als Mutter und Jungfrau und nicht zuletzt die einseitige Prägung des Lebens in Bruderschaften vielleicht doch ein Nährboden für latente Persönlichkeitsstörungen wie Pädophilie darstellt. Bietet vielleicht sogar das Zölibat jungen, sexuell verwirrten Männern Zuflucht vor gesellschaftlichen Normen?

Die katholische Morallehre definiert jegliches Sexualleben ausserhalb der Ehe als schwere Sünde. Durch die Verinnerlichung solcher Dogmen findet womöglich eine gefährliche Verschiebung der Wahrnehmung von richtig und falsch statt, wird doch natürlicher Sex zwischen Erwachsenen und Unzucht mit Kindern gleichbedeutend als schwere Sünde eingestuft und damit eventuell als ähnlich verwerflich angesehen. Wenn aber zwei erwachsene Menschen eine sexuelle Handlung in beiderseitigem Einverständnis ausführen – mit oder ohne Segen der Kirche - ist es sowohl aus ethischer als auch aus strafrechtlicher Sicht etwas total anderes als wenn ein Abhängigkeitsverhältnis von Minderjährigen ausgenützt oder Unzucht mit Kindern betrieben wird. Bei der einen Situation handelt es sich um ein freiwilliges, befriedigendes, gesundes Ereignis; bei der andern um eine abartige, von Schuldgefühlen genährte, kranke Aktion - also eine verabscheuungswürdige Straftat.

Natürlich ist auch immer (und vor allem) Macht im Spiel: Machtmissbrauch gegenüber schutzbefohlenen Kindern und Machterhaltung innerhalb des klerikalen Patriarchats. Wie sonst lässt sich erklären, dass Frauen in der katholischen Kirche nicht Priester werden können, obwohl bekannt ist, dass Frauen mit sexueller Enthaltsamkeit besser umgehen können als Männer, da sie weniger triebgesteuert sind? Weil aber die kultische Reinheit der Priester, die sexuellen Umgang mit Frauen pflegten, schon von alters her als beschmutzt galt, wie sollte dann eine Frau die Priesterweihe erlangen können? Scheinbar tut es aber der kultischen Reinheit keinen Abbruch, wenn Priester Kinder geschändet haben.

Entschuldigungsversuche der Kirche, die sexuelle Befreiung der 68er Generation sei auch schuld an den Übergriffen, kann als höchst deplazierter Wink mit dem Zeigefinger, ja sogar als Verhöhnung der Opfer angesehen werden. Den sexuellen Missbrauch in und ausserhalb der Kirche gab es schon immer, nicht erst seit den 70er Jahren. Was die sexuelle Revolution allerdings gebracht hat, ist - nebst dem Zerfall der traditionellen Gesellschaftsstrukturen - die Enttabuisierung sexueller Gewalt. Dies eröffnete den Opfern die Chance, über das Geschehene öffentlich sprechen zu können, ohne diskriminiert zu werden. Des Weiteren kritisierte ein Pfarrer unlängst, Eltern der 68er Bewegung erlaubten ihren Kindern nackt zu spielen, derweil das Kamasutra zuhause im Regal steht. Der Anblick eines nackten Kindes erregt jedoch niemanden, der nicht pädophil veranlagt ist! Wie krank aber muss man sein, um sich an Kindern zu vergreifen? Solche Perversionen ereignen sich in der Regel nicht durch Liberalisierung, sondern eher als Folge rigoroser Unterdrückung der Triebe und eines von Grund auf gestörten Verhältnisses zur Sexualität – Parallelen zu den katholischen Moralvorstellungen sind hier also nicht ganz von der Hand zu weisen.

Egal ob Triebtäter, die Kindern auf dem Schulweg auflauern, freundliche Onkel, die Kinder im Kreise der Familie begrapschen, Sextouristen, die sich in Bangkok oder Manila Kinder kaufen, Männer, die Kinderpornos ins Netz stellen und Lehrer und Pfarrer, die pädophil mit pädagogisch verwechseln: alle gehören sie angeklagt, verurteilt und hinter Gitter. Die Kirche darf keine Privilegien mehr geniessen, sexuelle Übergriffe eigenmächtig durch interne Versetzungen zu regeln, sodass die Täter ihr schändliches Handeln in einer anderen Gemeinde weiterführen können. Die Säkularisierung, also Trennung von Kirche und Staat, muss in diesem Punkt vorangetrieben werden - hier ist ein Vorstoss der Politik gefordert. Es darf nicht sein, dass Rudimente eines Gottesstaates in einem Rechtsstaat akzeptiert werden. Dies ist eine grobe Missachtung unseres demokratischen Rechtsverständnisses.

Die Kirche und insbesondere der Papst haben sich mitschuldig gemacht durch ihr systematisches Vertuschen der bekanntgewordenen Missbrauchsfälle, indem sie die Opfer durch Einschüchterung oder mit Geld zum Schweigen gebracht haben. In den meisten Fällen aber hat die Scham über das Unfassbare die Opfer von selbst verstummen lassen. Kardinal Ratzinger war mit grosser Wahrscheinlichkeit in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation von vielen der weltweit in der katholischen Kirche aufgetretenen Missbrauchsfälle informiert - seine Aufgabe war es aber damals, das „Problem" aus der Welt zu schaffen.

Wie alle totalitären Systeme ist auch die Kirche gefangen in ihren erhabenen Ritualen und den eigenen Dogmen mit ihrem Absolut- und Unfehlbarkeitsanspruch. Jedes Eingestehen eines Fehlverhaltens in dieser Institution Gottes würde nicht nur die Kirche fehlbar erscheinen lassen, sondern eben auch Gott. Und dies darf nicht sein. Darum wird gelogen, vertuscht, verleugnet, schöngeredet. Die Macht der Kirche und die Allmacht Gottes sind in Gefahr: Es ist die dunkle Seite der Macht.

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