Simon Pfeiffer

"Du Jud!" - Verlorene Wurzeln

Im Theologiestudium ist es spannend zu entdecken, wie sich unsere religiöse Tradition entwickelt hat. Woher der Ein-Gott-Glaube kommt, wie er sich gegen den Polytheismus durchsetzte, wie sich vom Judentum eine Sekte der Messiasanhänger abspaltete, sich zu Kirchen formierte und wie später aus Arabien ein Prophet kam, dessen klare Glaubensüberzeugung diejenige der theologisch zerstrittenen Christen mindestens zeitweise in den Schatten stellte.

Im Unterricht ist es für mich immer wieder erschreckend, wie wenig Wissen über die Wurzeln Kinder und Jugendliche von zu Hause mitbringen. Nicht nur biblische Geschichten sind kaum bekannt, auch Kenntnis über Zusammenhänge und „Verwandtschaften" unter den drei monotheistischen Religionen sind dünn gesät. Versuche meinerseits, die Dinge im Zusammenhang aufzuzeigen, enden meist in allgemeiner Verwirrung, da mein Religionsunterricht bloss mit verhältnismässig wenig Lektionen dotiert ist.

Trotzdem ist die Auseinandersetzung mit den Wurzeln gerade in einer Zeit, in der auf Pausenplätzen „du Jud!" als Schimpfwort unter Schweizer Jungs Beliebtheit erlangt, wichtig. Eine Zeit, in der sich junge Männer derart hitzig mit Nationalflaggen oder Fussballclubs identifizieren, dass sie für andere bloss Prügel übrig haben. Eine Zeit, in der sich „rechte" Jungs quer über den Pausenplatz mit dem Hitlergruss begrüssen und Lehrpersonen wegsehen, weil sie mit anderen Auseinandersetzungen schon genug am Hals haben.

Als Pfarrer habe ich in den Augen meiner Konfirmanden die Pflicht, etwas sozialer, etwas linker, etwas christlicher zu denken als die Mehrheit. Und ich „darf" meine Gedanken äussern. Allerdings muss ich das kurz und prägnant machen, am besten in Form von Werbeslogans oder Skandalschlagzeilen. So bin ich bereits froh, wenn „Jesus, ein Jude", in den meisten Köpfen hängen bleibt. Wenn dann auch noch Leitsätze wie „reden statt schlagen", „verzeihen statt hassen", „Gnade statt Vergeltung" am besten verknüpft mit einer kurzen Geschichte hängen bleiben, bin ich bereits mehr als glücklich.

Die Gelegenheit, bei Gruppen Jugendlicher ein paar wertvolle Samen christlicher Lebensart zu pflanzen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, Wurzeln zu schlagen, ist meistens kurz und wird von heftigen Abwehrreaktionen begleitet - sei es demonstrative Langeweile oder Provokation mit einer gegenteiligen Haltung von Atheismus über Rassismus zu Satanismus.

Umso mehr staune ich, wenn einzelne Jugendliche im Unterricht offen zugeben, die Bibel zu lesen, wenn sie plötzlich Fragen stellen und Sätze äussern, die gar nicht zu ihren „normalen" Äusserungen passen.

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