Simon Pfeiffer

Direkt und authentisch

Bettwasche

Was können Religionsgemeinschaften zur Entwicklung und Pflege einer positiven erotischen Sprache jenseits der sexuellen Sprachlosigkeit beitragen? Nachdem ich in meinem kirchlichen Unterricht erlebt habe, dass Sexualität zur Sprache kam, dies aber vor allem in Zusammenhang mit ethischen Fragen und Stichworten wie Verhütung, Beschneidung oder HIV, versuchte ich als Jungpfarrer, meinen ersten Konfirmanden mit lustigen Aufklärungsfilmchen das Spektrum von Spass und Verantwortung beim Sex näher zu bringen.


Auf die Sprünge geholfen hat mir aber ein Koranexeget in Wien anlässlich einer Pfarrerweiterbildung. Er sprach von Sex als einer wichtigen Kommunikationsform zwischen Mann und Frau und belegte das mit Koranzitaten. Ich überlegte mir dann, wie ich eine bejahende Haltung zur Sexualität aus der Bibel belegen würde, stolperte über Paulus im Neuen Testament und fand im Alten Testament das Hohe Lied.


Das Hohe Lied ist ein üppiger Garten voller erotischer Bezüge. Gemüse und Früchte passen viel besser zu Lust auf körperliche Nähe als die korrekte Benennung der Körperteile. Wird so ein Erntedank-Gottesdienst erotisch? Oder mindestens sinnlich? Freikirchen, die gezielt junge Menschen ansprechen, thematisieren Sex sehr regelmässig – aber ob das in einem nüchternen reformierten Gottesdienst funktionieren würde?


Meinerseits höre ich gerne Menschen zu, wenn sie über Sex reden, sogar wenn dahinter ein konservatives Bild von Ehe steckt. Besonders eindrücklich wird es für mich, wenn das Erzählte bei mir als persönlich und authentisch ankommt. So nehme ich etwas von einer anderen Person wahr und kann mich selber davon anregen lassen oder mich davon distanzieren.


Ich denke, es ist unschätzbar wertvoll, dass seit Jahrzehnten Pfarrpersonen im kirchlichen Unterricht mit den Jugendlichen über Sex zu sprechen versuchen. Eine Fortsetzung davon wären Diskussionsrunden für Paare oder eine Auswahl von Partnerschaftsanlässen, wie sie von verschiedenen Landeskirchen angeboten werden. Oder warum nicht einmal die Sonntagspredigt über die Vorzüge der körperlichen Zärtlichkeit und die Schönheit eines menschlichen Körpers ganz aus der Nähe?


Zentral ist, dass die Predigenden, Moderierenden, Unterrichtenden authentisch sind und das auch leben, wovon sie reden. Sicher ist auch eine Prise Humor besser als missionarischer Eifer und tierischer Ernst. In der kirchlichen Personalpolitik wären Personen zu bevorzugen, die offen über ihre Sexualität kommunizieren können, ohne übergriffig zu werden. Sich selber zum Thema machen kann andere befreien vom Zwang, sich an lebensfremden hochstilisierten Idealen zu orientieren.


Aber ob ich der sonntäglich versammelten Gemeinde gleich freudig mitteilen würde, dass ich nicht wegen einer himmlisch-übersinnlichen Offenbarung von der Kanzel so in die Runde strahle, sondern wegen einer irdisch-sinnlichen Begegnung mit meiner Gefährtin in der vergangenen Nacht?

Ein anderer Blickwinkel auf die Charta christliche...
Die vergiftete Taube und der Heilige Geist

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