Simon Pfeiffer

Die Vorreiter der Apokalypse

Die vier Reiter der Apokalypse preschen daher. Sie bringen lästigen Respekt und Rücksichtnahme, verwirrliche kulturelle Vielfalt, hohe Abgaben und alle Seuchen der Endzeit. Allein auf weiter Flur steht ein einsamer Verteidiger, rückt verzweifelt tapfer ein Zeichen in die Höhe, auf dem Rücken prangt ein Parteilogo.

Mit religiösem Eifer wird hier die Schweiz, das Christentum, die Welt vor dem Untergang gerettet. Zum wiederholten Mal, und jedes Mal dramatischer. Der auserwählter Retter fühlt sich einsam, obwohl ihm nicht geringe Massen den Rücken stärken. Er kämpft allein gegen alle, die nicht so denken wie er, die ihm sein Sendungsbewusstsein nicht zugestehen wollen.

Es wird sektiererisch eine Grenze gezogen zwischen „uns" und den „Anderen". Wer nicht zu „uns" gehört, wird abgekanzelt, ausgeschlossen, per Huftritt ins Out befördert, beschimpft und am besten für eine neue, noch einen Zacken schärfere Kampagne genutzt.

Gemässigte Kräfte innerhalb dieser Gruppierung haben schon längst das Sagen verloren. Der Gesandte und der Dienst am Geld regieren. Schärfe und Bosheit zahlen sich medial aus. In diesem Krieg ist alles erlaubt. Es geht um alles. Es wird gezeuselt, was das Zeug hält. Ein Geissbock, der Grüne „frisst", ist niedlich. Verrückte Spinner mit Zugang zu Waffen stehen nicht in „unserer" Verantwortung.

Halt!

Da muss ich als Vertreter der Kirche meine Stimme erheben, sonst verliere ich meine Legitimation, als Diener am Wort Gottes (Verbi Divini Minister) zu amten. Ein Pfarrer soll sich nicht in Parteipolitik einmischen, aber sicher nicht schweigen, wenn ständig auf dem Buckel von Minderheiten Machtpolitik getrieben wird, wenn eine Partei zur Sekte mutiert und sich zu Verteidigern christlicher Moral stilisiert, wenn die Starken Kreide fressen und arme Schäfchen dazu verführen, ihnen im Gleichschritt nachzumarschieren.

Der Platz eines christlichen Dieners am Wort Gottes ist klar auf der Seite der Schwachen, der Ausgegrenzten, der Verlierer. Zur Zeit riskiert man als Pfarrer bloss Kirchenaustritte und allenfalls eine leicht gereizte Ortspartei, bei Lokalpolitikern hört man schon von Drohungen auch gegen die Kinder. Die Stimmung ist ja schon angeheizt. Vielleicht wird in Zukunft auch die List der Schlangen notwendig, um der aufgeblasenen Kröte mit gezielten Stichen etwas Luft abzulassen, Lügen zu entlarven und die wahren Abhängigkeitsverhältnisse offenzulegen. Manchmal tut auch – offene und ehrliche – heilige Empörung gut.

Die christliche Kultur der Schweiz ist in Gefahr, nicht wegen Masseneinwanderern und Minaretten, sondern wegen Parolenschwingern und selbst ernannten Verteidigern der Schweiz ohne die Legitimierung durch das ganze Volk, das sie so gerne vertreten würden.

Christlich leben, das heisst: zuerst den Balken im eigenen Auge beseitigen lassen, bevor man den Splitter bei anderen Menschen kritisiert. Christlich leben, das heisst: Fremde, Kranke, Gefangene aufnehmen, pflegen, besuchen. Christlich leben, das heisst: Wunden verbinden und Feinde zu versöhnen, statt darin zu stochern, bis der Eiter aus der Wunde platzt oder die Wellen der Empörung hoch schlagen. Christlich leben, das heisst auch: den Feind, den Gegner lieben. – Und da, das gebe ich zu, muss ich bei mir selber anfangen.

AMEN.

Huis clos
Christliche Werte

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