Bettina Wiesendanger

Die vergiftete Taube und der Heilige Geist

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"Wir sind die seufzende Kreatur; Menschen und Tiere." (vgl. Röm 8,19-22)

Gegen Ende des Jahres 2017 ist ein kosovarischer Taubenzüchter zu einer bedingten Gefängnisstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt worden (vgl. NZZ Artikel "Massiv härtere Strafe für Taubenzüchter" Stand: 16.06.2018). Er wollte Falken töten, um seine Tauben zu schützen.


Dazu setzte der Taubenzüchter eine Opfertaube ein, die später vor Gericht als «Kamikaze»-Taube bezeichnet wurde. Sie sollte mit einem Giftstoff auf ihren Federn ausgesetzt werden. Als Köder hätte sich z. B. ein Wanderfalke an ihrem Verzehr vergiftet. Dieses Vorgehen wurde gemäss dem Zeitungsbericht in einer «entsprechenden Szene» bereits praktiziert. In diesem Fall kam es nicht zur Vergiftung, da der Taubenzüchter zuvor festgenommen wurde und zunächst rund einen Monat in Untersuchungshaft bleiben musste.


Gemäss Paulus sind wir die seufzende Kreatur, Menschen und Tiere. Wir wissen nicht, was wir beten sollen – aber der Geist vertritt uns mit unaussprechlichen Seufzern.


Im Fall des Taubenzüchters sprachen die Richter von einem «heimtückischen» und «niederträchtigen» Versucht, einen Greifvogel zu vergiften, von «Frechheit» und von «Selbstherrlichkeit» (vgl. NZZ). Eine ganze Tierart zu dezimieren, nur um einem Hobby zu frönen – das sei purer Egoismus.


Wir haben hier, bei uns, im Kanton Zürich auf dem Land einen bestimmten Stand der Diskussion um die Frage, was «Natur» ist und was «Kultur», um die Frage, was «natürlich» ist und was «künstlich». In den 60er Jahren hat man mit Lärm von Vogelkanonen viertelstündlich die Vögel von den Kirschbäumen vertrieben. Das habe ich als kleines, protestantisches Mädchen in den siebziger Jahren im Kanton Zürich noch erlebt. Es wäre heute undenkbar. Der Wolf ist hingegen bis in unsere Tage ein Diskussionsthema. Dürfen Wölfe frei leben? Dürfen sie Schafe reissen?


Wanderfalken sind bei uns in der Schweiz geschützt. Sie zu töten ist in unserem Rechtsstaat nicht erlaubt. So weit ist die Lage eindeutig.


Wir sind die seufzende Kreatur, und wir wissen nicht, was wir beten sollen – doch die Kraft des Geistes vertritt uns mit Seufzern. Wenn die Kraft des Geistes uns im Gebet vertreten würde, wie würde dann ein Gebet für unseren Taubenzüchter lauten? Wie würden wir als Reformierte für ihn beten? Wer wäre uns in diesem Gebet nahe: Der Mensch? Der Falke? Die Taube?


Der Rechtsstaat ist zu respektieren. Tiere sind zu respektieren. Aussterbende Tiere sind zu schützen. Aber könnte es zum Stand der Diskussion in diesem Rechtsstaat nicht einen Anfahrtsweg geben für Menschen, die andernorts gross geworden sind? Für Menschen, die heute vielleicht ihre eigenen Kinder hier grossziehen? Einen Anfahrtsweg zu unserem Stand der Diskussion?


Einen solchen Anfahrtsweg zu gewähren, das könnte unsererseits darin bestehen, zu respektieren, dass Fragen um schützenswerte Vögel nicht überall und zu allen Zeiten gleich beurteilt werden und dass deshalb nicht zwingend von «Frechheit» und «Selbstherrlichkeit», von «Niedertracht» und «Heimtücke» gesprochen werden muss.

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