Katharina Meredith

Die Toten Hosen im Scheinparadies einer Sekte

Die Toten Hosen im Scheinparadies einer Sekte

Vor 20 Jahren sass ich im Dschungel fest. Ich war in einer Sekte, musste mit einem Mann im Alter meines Vaters schlafen und dem Guru ergeben dienen. Das Ganze, während mir ein scheinheiliges Geistwesen erzählte, was ich in vergangenen Leben so alles verbrochen hatte. 

Ich war damals 15. Heute, mit 35, gehe ich zu meinem ersten Konzert der Toten Hosen. Warum das was ganz Besonderes für mich ist? Weil ich Gefühlen nicht traute. Wut lange Zeit begrub. In der Sekte lernte, jeden Moment auf der Hut zu sein, mich selbst zu verneinen, die Kontrolle zu bewahren. Musik war gefährlich. Musik sprach zu meinem Inneren, das täglich von aussen bombardiert und zerstört wurde. Musik konnte die Wand, die ich vorsichtig um mein Herz und meine Seele gebaut hatte, sprengen. Ohne diese Wand, so dachte ich, würde ich sterben.


Dann drückte jemand, mitten im Dschungel von Belize, auf eine Playtaste. Statt wie sonst kam nicht die Musik, die der Guru toll fand, aus den Lautsprechern. Meine Musik kam da. Und ich hing dem Sänger an den Lippen.


Wer kann schon sagen, was mit uns geschieht,
Vielleicht stimmt es ja doch,
Dass das Leben eine Prüfung ist,
In der wir uns bewähren sollen.


Das verstand ich, denn täglich litt ich unter dem enormen Druck, den der Guru und das Medium auf uns ausübten. Immer mussten wir Jugendlichen und Kinder alles richtig machen, wie Erwachsene agieren, uns zu 100% im Griff haben.


Denn eines Tages sollten wir die Welt retten. 


Jeder Fehltritt könnte dazu führen, dass wir nach der kommenden Wendezeit die Welt nicht wieder zu ihrem Ursprung zurückführen könnten. Die Verantwortung war fast unerträglich.


Nur wer sie mit Eins besteht,
Darf in den Himmel kommen
Für den ganzen dreckigen Rest
Bleibt die Hölle der Wiedergeburt


Mit unseren Verwandten sprach ich nicht mehr als zweimal im Jahr und immer nur unter Beobachtung. Jeder Brief wurde vom Guru gelesen, bei den Telefonaten mitgehört. Der Rest der Welt bestand ja aus bösen Außenseitern, die bei der Wendezeit umkommen würden.


Als Tourist auf Ibiza,
Als Verkehrspolizist,
Als ein Clown in einer Zirkusshow,
Den keiner sehen will


Um diesem Schicksal zu entfliehen,
Sollen wir uns redlich bemühen,
Jeden Tag mit nem Gebet beginnen
An Stelle von Aspirin
Nur wer immer gleich zum Beichtstuhl rennt,
Als wär' es ein Wettlauf,
Und dort alle seine Sünden nennt,
Der handelt einen Freispruch aus


Nach fünf Jahren in der Psycho-Sekte ging ich davon aus, dass ich innen drin schlecht war. Nur der Guru und das Medium mich retten konnten. Ich ihnen alles beichten musste. Mein Innerstes nicht mehr meins war. Das ich keine Privatsphäre verdient hatte, von den Zahnbürsten, die alle teilten bis hin zu meinem Körper, der nicht mehr mir gehörte.


Ich will nicht ins Paradies,
Wenn der Weg dorthin so schwierig ist
Ich stelle keinen Antrag auf Asyl,
Meinetwegen bleib ich hier


Diese Zeilen berührten etwas in mir, aber ich konnte sie nicht verstehen. Was ist schon einfach?


Mein Weg war es zu leiden, mich aufzuopfern. 


Mich in dieser Gruppe komplett zu verlieren. Nichts war einfach! Und ich hatte keine andere Wahl! Ich steckte hier im verdammten Dschungel fest, baute an einer verdammten Zeitmaschine, weil der Guru nicht älter werden wollte und hatte meine Eltern verloren.


Wer Messer und Gabel richtig halten kann
Und beim Essen grade sitzt,
Wer immer ja und danke sagt,
Dessen Chancen stehen nicht schlecht
Wer sich brav in jede Reihe stellt
Mit geputzten Schuhen,
Wer sein Schicksal mit Demut trägt,
Dem winkt die Erlösung zu


Demut war angesagt. Als Frau war ich weniger wert. Mich einem alten Schleimer hingeben war angesagt. Lieb sein. Nett sein. Ja und Amen sagen. Fuck you.


Wir sollen zuhören und aufpassen,
Tun, was man uns sagt,
Unterordnen und nachmachen
Vom ersten bis zum letzten Tag
Immer schön nach den Regeln spielen,
Wie sie befohlen sind,
Wie sie im Buch des Lebens stehen,
In Ewigkeit Amen


Haha, wenn ich doch wenigstens Regeln gehabt hätte. Doch die änderten sich täglich. Immer wieder wurden wir aufs Neue bestraft, sobald wir den Regeln nicht folgten. Die es kurz davor noch nicht gegeben hatte: extreme autoritäre Erziehung ohne Grenzen, ohne Richtlinien. Es war psychischer Missbrauch.


Ich will nicht ins Paradies,
Wenn der Weg dorthin so schwierig ist,
Wer weiß, ob es uns dort besser geht -
Hinter dieser Tür


Die Wut. Ich hörte die Wut. 


Den Worten konnte ich kaum folgen. Denn das wäre Verrat gewesen. Zweifler wurden in unserer Gruppe in die Mitte des Kreises berufen, angeschrien oder schikaniert, bis sie sich wieder anpassten. Mitmachten. Aber besser ging es uns trotzdem nicht, obwohl wir doch die Auserwählten waren. Angeblich auf dem Weg zum Paradies.


Ich will nicht ins Paradies,
Wenn der Weg dorthin so schwierig ist,
Und bevor ich auf den Knien fleh',
Bleib ich meinetwegen hier


Ich will nicht ins Paradies,
Wenn der Weg dorthin so schwierig ist,
Wenn ich nicht rein darf, wie ich bin,
Bleib ich draußen vor der Tür


Ich will nicht ins Paradies,
Wenn der Weg dorthin so schwierig ist
Ich stelle keinen Antrag auf Asyl,
Meinetwegen bleib ich hier


Als ich zwanzig war, konnte ich die Sekte endlich verlassen. Doch meine Gefühle hielt ich fest verschlossen. Bis heute habe ich keine enge Beziehung zu Musik. Denn die ist zu intensiv, zu vielsagend. Doch wenn trotzdem ein Song durchkommt, zerbricht er ein Stück weiter diese Mauer um mein Herz. Und ich stehe ihm mit Schlaghammer zur Seite. Zusammen, mit dem Text, dem Sänger und der Melodie haue ich auf diese verdammte Mauer ein, die mich von der Welt trennt. Die mich schützen soll und doch isoliert, alleine einem Trauma ausliefert, das mich in Albträumen noch manchmal einholt. Gefangen in einem Echo der Gewalt. Jedoch immer weniger. 


Denn heute bin ich frei. 


Und heute Abend gehe ich auf mein erstes Konzert der Toten Hosen.

Von fliegenden Hasen und Isolierung in abgeschotte...
Wie echt ist unsere Realität?

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