Joe M.

Die Rechtfertigung Gottes

Die Vorstellung eines allmächtigen, allwissenden, gütigen und gerechten Gottes gab es schon in der vorchristlichen (jüdischen) Religion und wurde vom Christentum übernommen und verbreitet. Aber auch der Koran schreibt Allah allmächtige, allweise und allgütige Eigenschaften zu. Müssten Mensch und Tier also nicht frei sein von Leid und unerträglichen Qualen, wenn es diesen Gott gibt? Gott der Allmächtige liebt die Kinder, so habe ich es immer von der Kanzel gehört. Doch in den Entwicklungsländern sterben laut UNICEF täglich(!) fast 30'000 Kinder unter fünf Jahren an Hunger und Krankheiten. Gott liebt die Kinder? Wo bleibt seine Liebe, seine Fürsorge? Warum greift Gott trotz grösster Naturkatastrophen und Menschheitsverbrechen nicht ein, sondern schweigt und schweigt und schweigt?

Mit der grossartigen Wesensart ihres Gottes haben sich die Gläubigen der monotheistischen Religionen selbst eine Falle gestellt. Schon in der Antike formulierte angeblich der griechische Philosoph Epikur folgende Argumente gegen die Annahme, dass ein wohlwollender Gott das Schicksal der Menschen lenke:

  • Wenn Gott das Übel auf Erden beseitigen will, aber er kann es nicht, dann ist er nicht allmächtig.
  • Wenn Gott das Leiden von Mensch und Tier verhindern kann, aber er tut es nicht, dann ist er nicht allgütig.
  • Wenn Gott nichts weiss vom Leid auf Erden, dann ist er nicht allwissend.
  • Warum lässt Gott es überhaupt zu, dass es Mensch und Tier schlecht geht und warum hat er nicht schon längst geholfen?

Gottfried Willhelm Leibniz bezeichnete das Festhalten am Glauben an einem allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gott „angesichts des Leids in einer von ihm abhängigen Welt" als eine Theodizee, die Rechtfertigung Gottes. Leibniz vertrat die Meinung „die Welt sei so wie sie ist die beste aller möglichen Welten". Eine kühne Behauptung. Diese Welt mit all ihrem Schmerz und Leid soll die beste sein, die wir uns vorstellen können? Wie schlimm mögen dann wohl die anderen Welten sein? Wofür soll es gut sein, wenn Millionen Kinder erbärmlich verhungern oder in Kriegen umkommen? Leibniz meinte, „all dies sei notwendig, um das Verhalten der Lebewesen in die richtigen Bahnen zu lenken". Was sollen aber die hungernden und versehrten Kinder dabei lernen, wenn sie keine Chance haben, aus eigener Kraft etwas verändern zu können? Leibniz ging auch davon aus, „dass alle der möglichen Welten miteinander in Verbindung stehen, deshalb könne man Hunger und Schmerz nicht ausmerzen, ohne zu viel grösseren Nachteilen zu gelangen". Ich frage mich allen Ernstes, wem das Glück (Nichtleiden) dieser Kinder ein Nachteil sein könnte und welche grossartigen göttlichen Pläne dies durchkreuzen soll!

Menschliches Leid wird in religiösen Kreisen oft als „gerechte Strafe Gottes" angesehen. In diesem Punkt scheinen sich viele Religionen einig zu sein. Im Westen verhängt der persönliche Gott die angemessenen Strafen, im Osten sorgt das schlechte Karma für Gerechtigkeit. Wie zynisch ist es aber, hungernden oder sexuell missbrauchten Kindern zu sagen, sie hätten ihre wohlverdiente Strafe erhalten? Gläubige argumentieren auch häufig, „Leiden bringe Gutes hervor, Mitgefühl und Nächstenliebe würden gefördert, so dass die Menschen einander vermehrt helfen". Ich halte dies für theologischen Unsinn – wie auch die Erfindung der Erbsünde. Den Ärmsten der Welt hilft niemand, sie haben keine Zukunftsperspektive. Es ist definitiv nicht gut, wenn Menschen in Kriegen verfolgt, gefoltert und getötet werden. Fällt Gott als überlegenes Wesen nichts Besseres ein als Menschen zu quälen um andere damit zur Hilfe zu motivieren?

„Menschliches Leid könne auch der Reife dienen, so wie verantwortungsvolle Eltern ihren Nachwuchs gelegentlich schmerzvolle Erfahrungen machen lassen um daran zu wachsen" ist ein weiteres, gelegentlich geäussertes Argument Gläubiger. Dagegen kann ich als mehrfacher Vater einwenden, dass gute Eltern alles tun, ein Kind zu schützen, wenn es gesundheitsschädigenden Situationen ausgesetzt ist – dies gilt besonders wenn Lebensgefahr droht. Es ist auch nicht so, dass menschliches Leid am häufigsten dort auftritt, wo es die positivsten Auswirkungen hat – oft zerbrechen die Betroffenen bevor sie reifen könnten, oder sie sterben an ihren schmerzvollen Erfahrungen. Ich würde ein Kind nie bloss um des Reifens willen ernsthaft leiden lassen, wenn ich die Macht hätte, zu helfen. Auf solch absurde Gedanken kommt man nur, wenn es gilt, ein Dogma zu verteidigen.

Gerne wird auch „der freie Wille der Menschen" ins Feld geführt, um das Leid auf Erden zu rechtfertigen. „Weil der Mensch nicht wie eine Marionette von Gott geführt werde, müsse er die Folgen seines Handelns selbst tragen". Das heisst dann also, der freie Wille des Mörders zu töten gilt mehr vor Gott als der freie Wille des Opfers zu leben? Und was ist mit der Verantwortung bei Naturkatastrophen, die niemand gewollt hat? Sind die Tsunami Opfer an ihrem Unglück selber schuld damit sie der Vergebung und Erlösung bedürfen, wie es die christliche Botschaft verspricht? Es geht mir nicht darum, alles was geschieht, auf Gott abzuwälzen – obwohl das eigentlich die logische Schlussfolgerung auf die Aussage „Gott ist allmächtig" wäre. Indem ich die Existenz dieses allmächtigen und allgütigen Gottes anzweifele, übernehme ich die Verantwortung für mein Handeln selbst.

„Alles Gute kommt von Gott, das Schlechte kommt von Satan", könnte man einwenden, um nicht mit Gott hadern zu müssen. Gemäss Katechismus der katholischen Kirche ist die Tatsache, „dass die göttliche Vorsehung das Tun des Teufels zulässt, ein grosses Geheimnis". Ich würde eher sagen, wenn Gott die bösen Taten des Teufels nicht verhindern kann, dann ist er nicht allmächtig und wenn er es könnte, aber nicht eingreifen will, dann ist er nicht gütig. Wo ist hier das Geheimnis? „Wir wissen, dass Gott, bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt", zitiert der Katechismus aus einem Brief von Paulus an die Römer. Wir wissen es natürlich nicht, wir können es nur glauben – und somit anzweifeln, wie auch die Existenz Satans. Versucht hier der Katechismus Probleme zu erklären, welche es ohne die Kirche gar nicht gäbe?

„Das höchste Ziel des Menschen ist nach dem christlichen Glauben nicht das zeitlich-irdische Leben, sondern das ewige Leben nach dem Tod und dafür könne Gott auch Leiden einsetzen", so ein weiteres Argument. Solche Aussagen kennen wir auch von Jesus aus der Bibel: „Es ist besser für dich, als Krüppel in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das unauslöschliche Feuer." Bei solchen Aussagen muss man annehmen, Leiden sei nötig für den Eingang ins Himmelsreich. Ein mächtiger und gütiger Gott müsste aber verhindern, dass ein Mensch ins ewige Feuer gestossen wird. Als Gläubiger könnte man jetzt einwenden, „bestimmte Voraussetzungen für ein ewiges Leben im Himmel wären nötig" – wie wir das auch für das Eintreten ins Nirwana beim Buddhismus kennen. Doch bedingt die Güte Gottes bei Nichterfüllen dieser Anforderungen nicht Verzicht auf ewiges Leid als Strafe?

Im Johannes Evangelium antwortet Jesus auf die Frage, ob der blinde Mann gesündigt hat oder seine Eltern, so dass er blind geboren wurde: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden." Hier verbringt ein Mensch sein halbes Leben mit einer schweren Behinderung nur um durch eine Wunderheilung das Wirken Gottes zu offenbaren? Dieser selbstherrliche, ruhmsüchtige Gott ist weit entfernt von einem gütigen, barmherzigen Gott. Auch die Aussage, „Gott lenke die Menschen unter voller Respektierung der Naturgesetze" – wenn also ein Mensch vor ein Auto läuft und überfahren wird, ist das nicht das Werk eines grausamen Gottes – täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass ein gütiger Gott schützend eingreifen könnte.

„Gott bewerte manches anders als wir Menschen", mögen Gläubige einwenden. Doch, wenn es um die Entscheidung geht, wie es jemandem gehen soll, welche Gefühle und Bewertungen sind dann besonders wichtig? Natürlich die des Betroffenen! Jedes gütige Wesen würde es so sehen und es läge ihm fern, seine eigenen Vorlieben als das Mass aller Dinge zu halten und die Gedanken und Gefühle der Betroffenen als unwichtig abzutun. Ein allgütiger Gott würde die Gefühle eines leidenden Kindes in seine Bewertung einbeziehen und sich nicht selbstherrlich darüber hinwegsetzen.

Der Kirchenlehrer Augustinus erkannte den „Mangel an Gutem" als die Ursache allen Übels. Das Übel sei gar nicht vorhanden – so wie die Dunkelheit auch nur da ist, wenn das Licht fehlt. Wird behauptet, nur das Gute sei vorhanden, schliesst man zwingend daraus, der allmächtige Gott habe nur Gutes geschaffen. Das kommt der Theologie äusserst gelegen für die Rechtfertigung Gottes. Letztendlich sind es aber abstruse Gedankenspiele, die bloss dazu dienen, das Leiden von Mensch und Tier wegdiskutieren zu können. Würden Eltern ihren leidenden, versehrten Kindern sagen, dass es sich bei ihren Schmerzen bloss um die Abwesenheit angenehmer Gefühle handelt, müsste man sie zu Recht als Rabeneltern bezeichnen – wobei vermutlich nicht mal Raben ihre Brut dermassen vernachlässigen würden. Leiden sind Realität und können Mensch und Tier sehr quälen.

Wer sich mit der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leides in einer von ihm geschaffenen Welt befasst, setzt sich dem „Vorwurf der Anmassung über Gott zu richten" aus. Schon im Alten Testament bei Jesaja finden wir diesen Vorwurf: „Weh dem, der mit seinem Schöpfer rechtet, er, eine Scherbe unter irdenen Scherben… Wollt ihr mir etwa Vorwürfe machen wegen meiner Kinder und Vorschriften über das Werk meiner Hände?" Solche autoritären Aussagen widersprechen zutiefst der heutigen Ethik. Kinder dürfen das Handeln ihrer Eltern durchaus in Frage stellen, wenn sie sich unverstanden oder schlecht behandelt fühlen. In der Regel wird sich daraus ein klärendes Gespräch ergeben, welches dem gegenseitigen Verständnis und der Wertschätzung innerhalb der Beziehung dient. Ich persönlich bin absolut nicht der Meinung, die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts der Verhängung oder auch Zulassung von Übel und Leid sei eine „unverschämte Anmassung".

Kann das Theodizee Problems nicht gelöst werden ausgründen unzureichender Kompetenz? Kant meinte, „all das sei uns zu hoch, es übersteige die Möglichkeiten unserer Vernunft. Es gebe so vieles, was wir nicht wüssten und nicht verstünden." Muss man wirklich so viel verstehen, um festzustellen, dass Erdbeben und Krieg nichts Gutes ist und ein gütiges Wesen nicht damit einverstanden wäre und Hilfe leisten würde, wenn es die Macht hätte? Übersteigt es wirklich die Möglichkeit unserer Vernunft zu fragen, ob ein allgütiger und allmächtiger Gott existiert, wenn die Welt nun mal so ist, wie sie ist? Ich denke, es ist einfach nur eine Ausrede derjenigen, die sich sträuben, das Ergebnis dieser Überlegungen zu akzeptieren, weil nicht das herauskommt, was sie gern hätten und dadurch ihrer Lehre entgegensteht. Dass Gott mit unserem Verstand nicht fassbar sei und der Glaube sich hinter die Grenzen der Vernunft ins Unbegreifliche zurückzieht bemängeln moderne Religionskritiker als eine „Immunisierungsstrategie des Glaubens"

„Wir sollten besser auf das Wort Gottes hören und auf Gott vertrauen", rät die Kirche. Die Bibel als das Wort Gottes ist aber sehr umstritten. Selbst wenn Gott in reinen Worten zu Menschen gesprochen hätte, so waren es doch Menschen, die es aufgeschrieben und verfälscht haben. Die angeblich göttliche Herkunft eines Textes ist noch lange kein Grund, diesem Text mehr zu vertrauen als den eigenen vernünftigen Überlegungen. Auch wenn in der Bibel oder anderen heiligen Schriften steht, das Leiden auf Erden entspräche dem Willen eines gütigen Gottes, traue ich mir zu, dies anzuzweifeln und nicht blind auf Gott zu vertrauen.
Christen verweisen nicht selten auf „das Leiden und Sterben Jesu und dass Jesus das Leid bereits ertragen habe". Der Foltertod Jesus aber stellt an sich schon ein Theodizee-Problem dar: Warum musste Jesus so leiden und sterben, wenn Gott doch gütig und allmächtig ist? Hätte Jesus nicht auch ohne vorherige Kreuzigung zu einem neuen Leben auferweckt werden können? Auch wenn Jesus das Leid freiwillig ertragen hat, ist es gütig anzunehmen, das gleiche Leid anderen zufügen zu dürfen? Ein Masochist, der andere Menschen unter dem Vorwand, selbst gelitten zu haben, quält, würde wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit in eine Klinik eingewiesen und therapiert.

Auch wenn „Gott den Leidenden beiseite steht", ist es deshalb weniger skandalös, wenn er ihnen nicht hilft? Bin ich ein gütiger Vater, wenn ich meinem schwerkranken Kind die heilende Medizin vorenthalte, jedoch darauf hinweise, dass ich dem leidenden Kind in seiner Not beistehe? Wohl kaum, denn man könnte mir ohne weiteres das Sorgerecht entziehen und meinen Geisteszustand untersuchen wollen. Warum interpretieren Gläubige aber dennoch die unterlassene Hilfe Gottes als Akt der Liebe und Barmherzigkeit?

Ich habe die oben aufgeführten „Wichtigsten Argumente zum Theodizee-Problem" von Irene Nickel mit Herz und Verstand untersucht und komme zum Schluss: Falls Gott wirklich existiert, ist er weder allmächtig noch allgütig. (Genaugenommen führt das Theodizee-Problem nur zu dem Schluss, dass einem Gott, falls er existiert, mindestens eine der beiden Eigenschaften fehlen muss, die Allmacht oder die Allgüte). Ich denke aber, ein Gott, der das Schicksal eines jeden Menschen vorausbestimmt, ist eine menschliche Projektion und spukt daher lediglich in unseren Köpfen herum. Gott ist ein Konzept, ein geistiges Konstrukt – oder wie Ludwig Feuerbach es formulierte: „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. In der Persönlichkeit Gottes feiert der Mensch die Übernatürlichkeit und Unsterblichkeit seiner eigenen Persönlichkeit. Gott ist das an den Himmel projizierte Spiegelbild des Menschen, anrührend und illusorisch".


Viele Menschen wagen es aber nicht, solche Gedanken zu Ende zu führen, weil sie das Ergebnis fürchten. Sie bleiben vorher stehen, um nicht in einen Abgrund und Leere schauen zu müssen. Sie wollen ihren Glauben aus Kindertagen nicht verlieren und versprechen sich von der Bibel und der Kirche irgendwie ein „glaubwürdiges" Angebot, das ihnen Trost und Sicherheit verheisst.

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Mit der freundlichen Genehmigung von Irene Nickel verwendete ich Auszüge aus dem Aufsatz „Ein Gott, allmächtig und sehr gütig – zu schön um wahr zu sein" und habe sie teilweise mit meinen Kommentaren ergänzt. Es lohnt sich jedoch die klugen und stets um Verstehen der Gegenseite bestrebten Originaltexte zum Thema auf http://irenenickelreligionskritik.beepworld.de nachzulesen.

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