Simon Foppa

Die Radikalisierung der Welt durch Algorithmen

Algorithmus

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso sich unsere Gesellschaft immer stärker polarisiert? Und wieso es so scheint, als würden wir als Menschheit gerade kollektiv den Verstand verlieren? – Die Antwort auf diese Fragen lautet: Wir steuern gerade auf eine dystopische Zukunft zu. Und das ist ein Problem. Im Ernst.


 Düstere Vorahnungen

Wir Menschen sind uns ja schon seit längerem der Gefahr bewusst, dass uns eine dystopische Zukunft erwarten könnte, wenn wir uns nicht vor uns selbst in Acht nehmen. Manche gingen davon aus, dass die Dystopie wie in Huxleys "Brave New World" darin bestehen werde, dass wir unser kritisches Denkvermögen durch den exzessiven Konsum von Katzenvideos mit Glückshormonen wie Dopamin vernebeln. Andere meinten, die Gefahr gehe eher wie in den Terminator-Filmen von einer künstlichen Intelligenz aus. Wiederum andere argumentierten, die Dystopie werde wie in Orwells "1984" darin bestehen, dass ein totalitärer Überwachungsapparat die Spuren nutzt, die wir im Internet hinterlassen, um uns hin und wieder einer Gehirnwäsche zu unterziehen und uns gegen imaginäre Feindbilder aufzuhetzen. Inzwischen sieht es aber so aus, als würden gleich alle drei Szenarien auf einmal eintreffen…


Wurden Sie schon radikalisiert?

Die Dystopie, von der ich spreche, befindet sich nicht in einer fernen Zukunft, sondern sie ist schon längst Realität. Und ich bin mir fast sicher, dass wir ihr alle bereits auf die eine oder andere Weise zum Opfer gefallen sind. Angefangen hat alles ganz unscheinbar mit der Monetarisierung des Internets. Webseiten erhalten seither Geld dafür, dass sie Werbung aufschalten. Je mehr Klicks eine Webseite anzieht, desto mehr Geld erhält ihr Besitzer. So weit, so gut.


Dieses System artete jedoch ziemlich bald dazu aus, dass "Journalisten" ihre "Artikel" über zehn oder mehr Seiten verteilten, damit sie mit einem einzigen Beitrag zehnmal so viele Klicks generieren konnten. – Solche Artikel sind zwar eine grausame Qual für jeden Leser, doch sie sind noch nicht die Dystopie, von der ich hier spreche. Die eigentliche Dystopie begann erst, als selbstlernende Algorithmen mit ins Spiel kamen. Sie sollten unsere Interessen analysieren und uns personalisierte Klickköder unter die Nase halten, die uns dazu verleiten, möglichst viel Zeit auf ihrem Portal zu verbringen.


Was denken Sie, was die Algorithmen aus unseren Interessen gelernt haben?


Nun ja, gemäss meiner eingehenden "Analyse" haben die Algorithmen mindestens zwei Dinge über uns Menschen gelernt: Erstens, dass wir Katzenvideos lieben. Und zweitens, dass uns radikale Weltbilder wie magisch anziehen.


Sie glauben mir nicht? - Machen Sie die Probe auf's Exempel!

Sollten Sie meiner zweiten These keinen Glauben schenken, machen Sie doch einen kurzen Testversuch. Gehen Sie auf YouTube und geben Sie dort das Stichwort "die Pyramiden von Gizeh" ein. Sie werden sehen, dass ihnen die Algorithmen nicht nur Dokumentarfilme, sondern auch eine breite Palette von Verschwörungstheorien zum Verzehr anbieten.


Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Algorithmen gelernt haben, dass uns solche Videos besonders lange auf der Webseite beschäftigen. Egal, in welchen Interessen ihr Feuer schlummert, Youtube findet immer ein Video, um daraus einen Grossbrand zu entfachen. Ist der Brand erst einmal entfacht, werden sie die Videoplattform so schnell nicht wieder verlassen, sondern sich stattdessen ein Video nach dem anderen anschauen.


Bei jedem Besuch verführen uns die Algorithmen wie die Sirenen aus der griechischen Mythologie:

"Sie interessieren sich für Geographie? – Wussten Sie schon, dass die Erde eigentlich flach ist?"


"Sie interessieren sich für Politik? – Kein Problem, ob sie links oder rechts ticken, wir werden sie Klick für Klick zu den radikalsten Ideen ihres politischen Lagers führen!"


"Sie interessieren sich für Religion? – Hier sind ein paar Videos zur zionistischen Weltverschwörung, zur Islamisierung Europas sowie ein paar stichhaltige Beweise, dass der Papst einer ausserirdischen Reptilienrasse angehört, die die Menschheit versklavt. – Please enjoy yourself!"


Wo wir damit enden werden

Heute beobachten uns einfache Formen der "künstlichen Intelligenz" bei jedem Schritt durch das Internet, suchen unsere Aufmerksamkeit und versuchen uns mit Dingen zu ködern, die in uns starke Gefühle hervorrufen. Selbst wenn Sie nicht zu den Personen gehören, die sich dadurch schnell radikalisieren lassen, werden die Algorithmen Sie zielstrebig in diejenige Filterblase führen, wo Sie mit Informationen zugeschüttet werden, die Ihnen entsprechen.


Die Folge davon ist, dass wir uns als gesellschaftliche Milieus immer weiter von einander wegbewegen. Die einen zieht es nach Norden, die anderen nach Süden. Manche zieht es nach Westen, andere gen Osten. Jeder glaubt auf dem richtigen Weg zu sein, weil jeder sein Weltbild auf einer anderen Informationsgrundlage erstellt. Gleichzeitig blickt kaum mehr einer noch durch, was wahr ist und was falsch. 



Sie fragen sich, wo wir damit enden werden?  – Werfen Sie einen Blick in die Zeitung. Ich glaube, wir sind bereits angekommen.

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