Krishna Premarupa das

Die Kuh - Heilige Mutter oder Fast Food?

„100% Schweizer Rindfleisch". Stolz wirbt der grosse Hamburger-Konzern mit einer Kuh, die einen schweizerförmigen, braunen Fleck auf dem Fell trägt. Ich stehe am Zürcher Hauptbahnhof und traue meinen Augen nicht. Wenn man sein Umfeld mit den Augen der Heiligen Schriften Indiens sieht, tut einem diese Art der Werbung weh...

Wer schon mal in Indien war, weiss, wie die Kuh zum täglichen Straßenbild gehört. Als Tourist wundert man sich, daß die Tiere inmitten des lärmenden Straßenverkehrs unbehelligt herumstehen und -liegen können. Man spricht von Kulturschock wenn man ein fremdes Land besucht und mit der Andersartigkeit der Einheimischen nicht zurecht kommt. Mir ergeht dies oft umgekehrt; den Kulturschock erlebe ich für gewöhnlich, wenn ich zurück in der Schweiz bin...! Es heisst in den Vedas, dass im Körper einer Kuh alle Devas (Halbgötter) gegenwärtig sind. Beim Betrachten eines Gemäldes, welches dies zum Ausdruck bringt, dachte ich schon oft: Andere Länder, andere Sitten.

Während die Inder über die verschiedenen Körperteile als Wohnstätte der Götter meditieren, `meditieren` wir Westler über die verschiedenen Körperteile der Kuh und denken dabei an die Speisekarte...!

In Indien wird der Kuh hohe Achtung erwiesen. Sie wird zwar nicht irgendwie als Kuh-Göttin im Tempel verehrt, sondern vielmehr als eine der sieben Mütter der Menschheit geehrt, da sie dem Menschen ihre Milch gibt, so wie eine Mutter ihrem Kind. Fünf Produkte der Kuh (panchagavya) sind aus der vedischen Kultur nicht wegzudenken: Milch, Joghurt, Butter, Urin und Dung.

Ohne Ghee, der geklärten Butter für das Licht und die Opferspeise und ohne Milch und Joghurt als Opfer kann keine Puja, kein formeller hinduistischer Gottesdienst stattfinden. Die Überlieferung bezeichnet sämtliche Kuhprodukte als besonders rein. Natürlich spielen die Kühe und ihre Gaben auch eine bedeutende Rolle in der Landwirtschaft Indiens. Kuhfladen dienen als idealer Brennstoff. Mist wird auch als Dünger verwendet oder dient als Bindemittel zwischen Lehm und Stroh beim Hausbau. Kuhdung eignet sich auch zur Desinfektion und wird als Reinigungsmittel verwendet. Urin hat im Ayurveda ein wichtige Bedeutung.

Ihre besondere Stellung hat die Kuh aber sicher auch Gott, in seiner Form als Krishna zu verdanken. Krishna, der vor rund 5000 Jahren in Vrindavana, südlich von Delhi, in dieser Welt erschien, wuchs in einer Familie von Kuhhirten auf. Er wird auch „Gopal" oder „Govinda" genannt, der Hüter der Kühe. Auch die Namen des heiligen Landes Braj („Kuhstall) und Seines spirituellen Reiches Goloka („Kuhwelt") sind deutliche Zeichen seiner innigen Beziehung zu den Kühen. Es ist also nicht erstaunlich, dass der Schutz der Kuh bis in die heutige Zeit in allen hinduistischen Traditionen ein sehr wichtiges Element ist. Auch die Sanskrit-Namen für die Kuh, aghnya („die Unantastbare"), aditi („sollte nicht verletzt werden") und ahi („sollte nicht getötet werden") weisen darauf hin, dass die Kuh nicht geschlachtet werden sollte. Im Rig Veda heisst es: „Ich sage zu denen, die im Wissen sind: Tut niemals der Kuh etwas zuleide, denn dadurch schadet ihr der Erde und der gesamten Menschheit." Ich möchte ja niemandem zu nahe treten und zum Glück hat uns der Herr einen freien Willen gegeben, aber als Hindu, als Geweihter Krishnas möchte ich gerne folgende Frage mit auf den Weg geben: Was ist die Kuh für uns - eine Mutter, der wir Respekt erweisen, oder ein Stück Fleisch zwischen zwei Brotscheiben...?

Etikettierung durchbrechen
Gott stört!

Ähnliche Beiträge

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4