Joe M.

Die Hütte. Alles Hiob oder was?

Der Untertitel des Buches "Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott" suggeriert dem interessierten Leser, göttliche Einsichten und universale Lebensweisheiten aus erster Hand zu erhalten. Dass „Gott" uns dann nur die von Menschen erdachten und sattsam bekannten theologischen Dogmen auftischt verwundert nicht – ist Gott doch lediglich das von Menschen an den Himmel projizierte Spiegelbild, anrührend und illusorisch. Zugute halten muss man William Paul Young allerdings, dass er uns in seinem Buch „Die Hütte" mit evangelikalem Fundamentalismus verschont und die Bibel nicht wortwörtlich auslegt. Es ist ihm auch gut gelungen, den Schmerz und die Verzweiflung über den Verlust eines Kindes in berührender und zu Herzen gehender Weise zu beschreiben.

Gleich am Anfang des Buches bekommt der geneigte Leser eine Lektion in Kindererziehung nach christlich-biblischen Moralvorstellungen. „Der dreizehnjährige Mackenzie vertraute sich einem Kirchenvorsteher unter Tränen an, tatenlos zugesehen zu haben, wie seine Mutter von seinem Vater bei mehr als einer Gelegenheit bewusstlos geprügelt worden war. Was Mack dabei nicht bedachte, war, dass dieser Kirchenvorsteher mit seinem Vater eng in der Gemeindeleitung zusammenarbeitete. Als Mack nach Hause kam, erwartete ihn sein Vater bereits, um seinem Sohn eine Lektion in Sachen Respekt zu erteilen. Fast zwei Tage lang wurde Mack an die grosse Eiche hinter dem Haus gefesselt und mit einem Gürtel und Bibelsprüchen verprügelt." (S. 10)

Beim Weiterlesen lernen wir die heilsame Wirkung von Menschenopfer kennen und erfahren, warum Kinder auch im 21. Jahrhundert noch diesen Unsinn glauben sollten. Als Mack erwachsen war und selber Kinder hatte, erzählt er ihnen die Geschichte einer Prinzessin, die sich freiwillig von einer Klippe über dem Grossen Fluss in den Tod stürzte, um eine Seuche aufzuhalten, die unter den Kriegern des Stammes wütete. Der Legende nach konnten die Männer nur durch die Hingabe des Lebens einer reinen, unschuldigen Tochter des Häuptlings gerettet werden. Die Prinzessin erfüllte die Prophezeiung ohne zu zögern und stürzte sich in den Tod. Am nächsten Morgen erhoben sich im Dorf alle Kranken und waren geheilt.

Mack wie auch seiner jüngsten Tochter Missy gefiel diese Legende so gut, weil sie über alle Elemente einer wirklichen Erlösungsgeschichte, nicht unähnlich der Geschichte von Jesus Christus, verfügte. (S. 36-37)

So wie der archaisch-barbarische Opferritus der Azteken ist auch der Opfertod Jesu eine zutiefst fragwürdige Aufrechnung von Schuld und Sühne. Die Hinrichtung des eigenen Sohnes ist im Grunde eine abstossende Gräuelgeschichte, die dem schutzlosen, ungeformten Verstand von Kindern nicht zugemutet werden sollte. Missy fragt ihren Vater: „Werde ich jemals von einer Klippe springen müssen?" Mack tröstet sie: „Nein Missy, solche Sachen würde Gott niemals von dir verlangen." (S. 41)

Tut Gott im Buch natürlich doch: Missy wird das Opfer eines Gewaltverbrechens und Mackenzie wird von heftigen Schuldgefühlen geplagt. Vielleicht ist ja das, was Missy zugestossen ist, Gottes Strafe dafür, was ich meinem Vater angetan habe. (Mack schüttete, nachdem ihn sein Vater fast zu Tode geprügelt hatte, Rattengift in seine Schnapsflaschen und ist von zu Hause geflohen). (S. 90)

Mack zweifelt an seinem Glauben und hadert mit Gott als er in der Hütte im Wald, wo Missy umgebracht wurde, zu einem Treffen mit Gott verabredet ist. An dieser Stelle greift William P. Young zum ersten Mal die klassische und meines Erachtens völlig berechtigte Frage nach der Rechtfertigung Gottes (Theodizee) auf. Mack schrie seine quälenden Fragen hinaus: „Warum hast du das zugelassen? Warum sollte ich hierher kommen? Musst du jetzt auch noch mit mir spielen? Ich hasse dich, Gott! Du hast nicht mal zugelassen, dass wir sie finden und beerdigen konnten. Nie warst du da, wenn ich dich brauchte – nicht, als ich ein kleiner Junge war, nicht als ich Missy verlor." (S. 99)

Die Theodizee besagt, dass Gott nicht allmächtig und allgütig sein kann angesichts des Leids einer von ihm abhängigen Welt. Da Leid auf Erden zweifellos existiert, ist Gott entweder nicht allmächtig (er hat keine Macht das Leid zu verhindern) oder nicht allgütig (er hat die Macht, aber will das Leid nicht verhindern) oder – Gott existiert gar nicht.

Das Thema der Rechtfertigung Gottes zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Zunächst aber thematisiert Young das Trinitätsdogma und verärgert vermutlich gleich fundamentale Katholiken, die Gott für sehr weiss und sehr männlich halten, denn wir kriegen eine bunte Multikulti-Dreifaltigkeit präsentiert:

… eine grosse, dicke Afroamerikanerin (Gottvater, Papa) (S. 104)

… eine kleine, eindeutig asiatische Frau (Heiliger Geist, Sarayu) (S. 106)

… ein Mann, seinem Äusseren nach stammt er aus dem Nahen Osten (Sohn Gottes, Jesus). (S. 106)

Ich konnte das theologische Verwirrspiel um Vater, Sohn und Heiliger Geist schon als Kind nicht in Einklang mit meinem Verstand bringen: Einfältiger Gott, zweifältiger Gott, Dreifaltigkeit? Auch in „Die Hütte" wirkt die „göttliche" Antwort auf Mackenzies Frage nach der multiplen Persönlichkeit Gottes unfreiwillig komisch: „Wer von euch ist denn Gott?" „Ich", sagten alle drei gleichzeitig. (S. 110) Eine weitere Umschreibung der Trinität gibt es ein paar Seiten später: „Ich bin ein Gott und ich bin drei Personen und jede der drei ist vollkommen dieser eine Gott." Dies löst bei Mack ein spontanes „Häh?" aus. (S. 127)

Des Rätsels Lösung offenbart uns Papa alias Young gleich anschliessend.

„Wichtig ist Folgendes: Wenn ich einfach der Eine Gott wäre und nur Eine Person, dann fändest du dich in dieser Schöpfung wieder, ohne etwas zu haben, das für dich bewundernswert, ja noch nicht einmal wesenhaft wäre. Und ich wäre vollkommen anders, als ich bin." „Du verstehst nicht, dass ich nur deshalb überhaupt zur Liebe fähig bin, weil es für mich ein Objekt der Liebe gibt – oder genauer gesagt, eine Person. Ohne eine Beziehung innerhalb von mir wäre das unmöglich. Ihr hättet dann einen Gott der nicht lieben könnte." (S. 128)

Aha, das erklärt natürlich alles. Ein monotheistischer Gott ist als eine Person nicht bewundernswert und ein allliebender und gütiger Gott kann nur lieben, wenn seine Persönlichkeit gespalten ist. Das kling für mich alles ein bisschen nach Psychiatrie…

Als nächstes denkt Papa laut über die Freiheit nach, erkennt alsdann „DNA, Quantenphänomene, synaptische Verbindungen im Gehirn, Propaganda und Paradigmen als begrenzende Faktoren", um anschliessend dem verwirrten Mack die Frage zu stellen: „Was ist da wirkliche Freiheit?" Natürlich weiss Papa – wie könnte es anders sein – die Antwort: „Nur ich kann dich befreien, aber Freiheit kann man nicht erzwingen. Freiheit ist ein Prozess, der stattfindet, wenn du dich auf eine Beziehung zu Jesus einlässt." (S. 120)

Danach versucht William Paul Young beim aufgeklärten Leser Verständnis für die grausame Hinrichtung Jesu am Kreuz zu erlangen, indem er auch Papa Narben an den Handgelenken andichtet und ihm die Worte in den Mund legt: „Wir waren zusammen dort".

Wir lernen hernach, dass die Worte Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast mich verlassen" so nicht stimmen. Papa belehrt Mack weiter: „Du missverstehst das Mysterium, um das es dabei geht. Ungeachtet dessen, was er in jenem Augenblick empfunden haben mag, habe ich ihn niemals verlassen". (S. 121)

So, so, das haben wir also missverstanden. Der Foltertod Jesus stellt für mich aber kein „Mysterium" dar, sondern ist und bleibt ein barbarischer Akt, der eines gütigen und allmächtigen Gottes unwürdig ist.

Neue Einsichten in die Schöpfung und die Notwendigkeit der Menschwerdung Jesu präsentiert uns Young alias Papa gleich darauf: „Wir haben euch erschaffen, um das alles mit euch zu teilen. Aber dann beschloss Adam, ganz wie wir es vorausgesehen hatten, eigene Wege zu gehen, und damit fingen die Probleme an. Doch statt die ganze Schöpfung zu verschrotten, krempelten wir die Ärmel hoch und begaben uns mitten hinein in das Durcheinander – und deshalb kam Jesus zu euch". (S.125)

Soweit ich mich erinnern kann, hatte Gott in der Zwischenzeit ja mehrmals versucht, seine Schöpfung zu verschrotten (Sintflut, Sodom und Gomorra usw.). Ausserdem schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde und hatte sogar vorausgesehen, dass Adam Konstruktionsfehler haben würde. Als einen Akt der Selbstbestrafung für die Probleme mit den Menschen liess Gottvater also seinen Sohn auf der Erde hinrichten. Eine wahrlich göttliche Lösung…

Papa fährt fort: „Die Schöpfung hat einen Weg eingeschlagen, der ganz anders ist als wir es uns gewünscht haben." (S. 156) „Wir haben euch erschaffen, die Menschen, damit ihr eine ganz persönliche Beziehung von Angesicht zu Angesicht mit uns haben sollt und euch dem Kreis unserer Liebe anschliesst. So schwer begreiflich das für dich sein mag, alles was geschieht, dient ausschliesslich diesem Ziel, ohne dass dabei euer freier Wille verletzt wird." (S. 157) Mack antwortet: „Wie könnt ihr so etwas sagen, angesichts des unermesslichen Leids in der Welt, der Kriege und Katastrophen, die Tausende das Leben kosten? Und welchen Wert soll es haben, wenn ein kleines Mädchen von einem abartigen Perversen ermordet wird?" (S. 157) Papa: „Es gibt Millionen Gründe dafür, Schmerz und Verletzungen zu erlauben, statt sie auszumerzen, aber die meisten dieser Gründe lassen sich nur im Rahmen der individuellen Geschichte eines Menschen verstehen… Aber eure Entscheidungen sind niemals stärker als meine Absichten, und ich werde jede Entscheidung, die ihr trefft, dazu nutzen, dem höchsten Guten Geltung zu verschaffen und die liebevollsten Resultate herbeizuführen." (S. 158)

Auch hier verstrickt sich Young wieder im Theodizee-Problem. Zuerst wünscht sich sein allmächtiger Gott einen anderen Verlauf für seine Schöpfung, dann stellt sein gütiger Gott den freien Willen des Mörders zu töten über den freien Willen des Opfers zu leben. Zu guter Letzt bezeichnet Gott das Leid Tausender als sein liebevollstes Resultat und des höchsten Guten Geltung. Mack ist zu Recht erschüttert. Auch ich stelle mir die Frage, für wen das Nichtleiden der Menschen ein Nachteil sein könnte und welche grossartigen göttlichen Pläne dies durchkreuzen sollte.

Mack lässt nicht locker: „Ich kann mir einfach kein Endziel vorstellen, das all dieses Leid rechtfertigen würde." (S. 160) Papa drückte ihn kräftig an ihn: „Wir rechtfertigen das Leid nicht. Wir erretten euch daraus." (S. 160)

In den Entwicklungsländern sterben täglich über 20'000 Kinder unter 5 Jahren an Hunger und Krankheiten. Gott liebt die Kinder? Wo bleibt seine Liebe, seine Fürsorge, seine Errettung? Es ist ja wohl kaum der freie Wille der Kinder, zu verhungern.

Im nächsten Kapitel referiert Sarayu über das Paradies und das Streben nach Unabhängigkeit: „Für jedes erschaffene Wesen ist das Streben nach Autonomie völliger Wahnsinn. Zur Freiheit gehören Vertrauen und Gehorsam im Rahmen einer auf Liebe beruhenden Beziehung." (S. 167) „Und nun, Mackenzie, beginnst Du zu verstehen, warum es so verheerende Folgen für deine Rasse hatte, von der tödlichen Frucht des Baumes zu essen?" (S. 168) Mack fragt verwundert: „Es hat also wirklich ein Paradies gegeben? Es gibt eine Menge Menschen, die das bloss für ein Märchen halten." (S. 169)

Sarayu findet das nicht schlimm, denn sie hat auch diese Menschen gern. Auch ich gehöre zu denen, die mühelos auf solche Märchen verzichten können. Das ist mein Baum der Erkenntnis.

Sarayu testet Mack: „Wenn dir etwas geschieht, wie stellst du dann fest, ob es gut oder böse ist?" (S. 169) Darauf Mackenzie: „Ich kann nur beurteilen, wie es sich auf mich auswirkt." (S. 170) Sarayu unterbricht ihn: „Dann bist Du es, der entscheidet, was gut und was böse ist. Du machst dich zum Richter!" (S. 170)

„Denke daran, dass diese Geisteshaltung es dir ermöglicht, in deiner Unabhängigkeit Gott zu spielen… Um deine Liste von Gut und Böse aufzustellen, brauchst du mich nicht. Aber du brauchst mich, wenn du diese verrückte Gier nach Unabhängigkeit überwinden willst, denn dies wird dir nur mit mir gelingen." (S. 171)

Alsdann lässt Young Sarayu den Kirchenlehrer Augustinus zitieren, wonach das Übel nur „ein Mangel an Gutem" sei. „Mackenzie, ‚böse' ist nur ein Wort, das wir verwenden, um die Abwesenheit des Guten zu beschreiben, so wir das Wort ‚Dunkelheit' benutzen, um die Abwesenheit des Lichtes zu beschreiben. Sowohl das Böse wie auch die Dunkelheit kann man nur in Relation zu dem Licht und dem Guten begreifen. Sie besitzen keine wirkliche Existenz." (S. 172)

Wird behauptet, nur das Gute sei vorhanden, schliesst man zwingend daraus, der allmächtige Gott habe nur Gutes geschaffen. Das kommt der Theologie äusserst gelegen für die Rechtfertigung Gottes. Letztendlich sind es aber abstruse Gedankenspiele, die bloss dazu dienen, das Leiden von Mensch und Tier wegdiskutieren zu können.

Mack verliert die Beherrschung: „Hätte Missy denn nicht ein Recht darauf gehabt, beschützt zu werden?" (S. 173) „Nein, Mack. Ein Kind wird beschütz, weil es geliebt wird, nicht, weil es ein Recht darauf hat beschützt zu werden." „Die Rechte sind das, worauf die Überlebenden pochen, damit sie sich nicht mit ihren Beziehungen auseinandersetzen müssen." (S. 173)

Diese Aussage Sarayus steht in krassem Gegensatz zu den elementarsten Grundrechten des Menschen, die in allen Verfassungen der westlichen Länder stehen, nämlich: Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Proklamiert hier Young den Gottesstaat nach islamistischem Vorbild?

Sarayu lächelt ihn an: „Mackenzie, Jesus hatte keinerlei Rechte für sich beansprucht. Er schlüpfte bereitwillig in die Rolle des Dieners und lebt völlig aus seiner Beziehung zu Papa. Er hat alles aufgegeben. Und durch dieses Leben in Abhängigkeit öffnete er eine Tür, die es dir ermöglicht, frei genug zu sein, um freiwillig auf deine Rechte zu verzichten." (S. 173- 174)

Wollen wir wirklich freiwillig verzichten auf die Werte der Aufklärung, also das Recht auf Leben und Freiheit oder die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit, das Recht auf freien Zugang zu Informationen oder die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Führt uns William P. Young zurück ins Mittelalter? Die fundamentalistischen Taliban mit ihren religionsbeherrschten Zuständen schlüpfen auch bereitwillig in die Rolle des Dieners und leben (bzw. sterben) völlig aus der Beziehung zu Gott.

In Kapitel 10 diskutieren Mack und Jesus über Ökologie und Jesus sagt mit Nachdruck: „Nun, diese blau-grüne Kugel im Weltraum gehört mir". (S. 183) Mack fragt Jesus, warum er das Problem mit der Erde (Umweltzerstörung) nicht in Ordnung bringe, worauf Jesus meint: „Weil wir die Erde euch geschenkt haben." (S. 184) Mack antwortet: „Ich würde es vorziehen, wenn du dich manchmal einmischen und die Kontrolle übernehmen würdest. Das hätte mir und den Menschen, die ich liebe, eine Menge Kummer erspart." (S. 184) Und dann wiederholt Youngs Jesus die gleiche Leier wie schon zuvor Papa und Sarayu: „Würde ich euch meinen Willen aufzwingen, wäre dies das genaue Gegenteil von Liebe." (S. 184)

Ich verstehe wirklich nicht, warum gläubige Menschen die unterlassene Hilfe Gottes als Akt der Liebe und Barmherzigkeit sehen. Jesus doppelt nach: „Die Welt ist zerbrochen, weil ihr in Eden die Beziehung zu uns aufgegeben habt, um unabhängig zu werden." (S. 186) Na klar, freier Wille, wir sind selber schuld. Erbsünde. Gähn.

Jesus weiss alsdann Absonderliches über die Rolle der Frauen zu berichten: „Die Abkehr der Frau ging also nicht auf das Werk ihrer Hände, sondern auf den Mann, und seine Reaktion bestand darin, über sie zu herrschen." (S. 186) „Die Frau war von Anfang an vorgesehen. Indem wir sie aus ihm (Adam) herausnahmen, hat er sie in gewissem Sinne geboren… Sie aus ihm, und seither werden alle Männer, mich eingeschlossen, durch sie geboren… (S. 188) Daraufhin lässt Young Mack Bemerkenswertes resümieren: „Wäre die Frau zuerst erschaffen worden, hätte es keinen Beziehungskreis gegeben und demnach keine Möglichkeit einer echt gleichberechtigten Beziehung zwischen Mann und Frau." (S. 189)

Hallo? Echte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Die Gleichstellung der Frau musste gegen den Willen der Kirche hart erkämpft werden! Youngs Theorie ad absurdum geführt: Wäre Eva zuerst erschaffen worden und Gott hätte Adam aus ihr herausgenommen, dann würden jetzt alle Frauen durch den Mann geboren.

Im Kapitel „Die Stunde des Richters" versucht Sophia als „eine Verkörperung von Papas Weisheit" den bis anhin widerspenstigen Mack erneut von der Allgüte Gottes zu überzeugen. Warum uns Young hier noch einen vierten Persönlichkeitsaspekt Gottes vorführt, bleibt rätselhaft.

Sie fragt ihn: „Du glaubst nicht, dass Gott seine Kinder besonders gut liebt, nicht wahr? Du glaubst nicht wirklich, dass Gott gut ist. Stimmt das?" (S. 199) „Ich glaube nicht, dass Gott alle seine Kinder liebt!" rief Mack wütend. (S. 199) Darauf Sophia: „Du bist nicht nur wegen deiner Kinder hier, sondern auch wegen des Gerichts." (S. 199) Mackenzie fühlt sich sofort schuldig – bis er das Spiel durchschaut hat, dass nicht er der Angeklagte ist, sondern der Richter. „Über wen soll ich denn richten?" fragt er. „Über Gott" antwortet Sophia. (S. 204) Die Frau kennt keine Gnade: „Ist Gott schuldig? Ist nicht genau das die Anklage, die du vorbringst, Mackenzie? Dass Gott dich im Stich gelassen hat, dass er Missy im Stich gelassen hat? Dass Gott schon vor Anbeginn der Schöpfung wissen musste, dass deine Missy eines Tages brutal ermordet werden würde und dass er trotzdem alles so erschaffen hat?" Mack starrt auf den Boden: „Ja, Gott ist schuldig!" (S. 205)

Sophia alias Young tut nun – und ich denke, wider besseren Wissens – das, was Religionen im Namen Gottes seit Jahrtausenden praktizieren: Angst wird als Mittel verwendet, um bei Menschen Schuldgefühle zu erzeugen und deren Verhalten zu manipulieren. „Wenn du so leicht über Gott dein Urteil fällen kannst, kannst Du gewiss auch über die Welt richten. Du musst zwei deiner Kinder auswählen, die dann die Ewigkeit in Gottes neuem Himmel und auf seiner neuen Erde verbringen dürfen. Und du musst drei auswählen, die dann die Ewigkeit in der Hölle verbringen werden." (S. 206) Mack gerät in Panik: „Ich will nicht der Richter sein. Ich kann das nicht. Wenn schon jemand in die Hölle gehen muss, dann lass mich an ihrer Stelle gehen." (S. 207)

Sophia gefällt, dass Mack die Opferrolle annimmt: „Nun klingst du wie Jesus. Ich bin so stolz auf dich!" (S. 208) Mack antwortet darauf: „Ich verstehe Jesu Liebe, aber Gott ist eine andere Geschichte." (S. 208)Sophia rechtfertigt sich: „Gott hat diese Tat nicht begangen oder veranlasst." Mackenzie: „Aber er hat sie nicht verhindert." (S. 209)Sophia, die Verkörperung von Papas (William Paul Youngs) Weisheit, räumt Unzulänglichkeiten ein:

„Nein das hat er nicht. Er verhindert eine Menge Dinge nicht, die im grossen Kummer bereiten. Ihr habt eure Unabhängigkeit eingefordert, und nun seid ihr wütend, auf den, der sie euch geschenkt hat, weil er euch so sehr liebt. Gegenwärtig ist nichts so, wie es sein sollte, wie Papa es sich gewünscht hat." (S. 209)

Mit anderen Worten: Gott ist nicht allmächtig und nicht gütig, der Mensch ist selber schuld. Gott kann nur wünschen, aber nichts bewirken. Natürlich ist diese Antwort auch für Mackenzie unbefriedigend, darum hakt er nach: „Warum unternimmt er denn nichts dagegen?" Sophia verstrickt sich weiter in theologische Absurditäten: „Das hat er bereits, hast Du nicht gesehen, dass auch Papa die Wundmale trägt? (S. 209) „Er wählte den Weg des Kreuzes, bei dem, durch die Liebe motiviert, Gnade über Gerechtigkeit triumphiert. Wäre es dir lieber, er hätte Gerechtigkeit für alle gewählt? Willst du Gerechtigkeit, ‚Herr Richter'?" (S. 210)

Mack wird – analog zu Hiob im Alten Testament – nicht überzeugt, er ergibt sich: „Nein das will ich nicht, nicht für mich und nicht für meine Kinder. Ich verstehe immer noch nicht, warum Missy sterben musste." Sophia alias Young bemüht ein weiteres, wenig überzeugendes Argument für Gottes Güte und Allmacht: „Das musste sie auch nicht, Mackenzie. Papas Plan sah das nicht vor… Ihr Menschen habt das Böse in eure Welt gebracht… Was mit Missy geschah war das Werk des Bösen, und niemand in eurer Welt ist dagegen immun." (S. 210) Macks letzter Versuch, das Ganze zu verstehen: „Es muss einen besseren Weg geben" (S. 210) Sophia erteilt Mack den finalen theologischen Ratschlag: „Ja, den gibt es. Aber gegenwärtig erkennst du ihn noch nicht. Gib deine Unabhängigkeit auf, Mackenzie. Kehre um. Hör damit auf, Gott zu verurteilen und öffne dich dafür, wie Papa wirklich ist. Dann kannst du dich inmitten deines Schmerzes für Papas Liebe öffnen, statt ihn durch deine egozentrischen Vorstellungen, wie das Universum sein sollte, von dir wegzustossen. Papa ist in deine Welt gekommen, um bei dir zu sein, und bei Missy." (S. 210)

Wie die Geschichte Hiobs endet auch Mackenzies Dialog mit Sophia (Gott) mit der Erkenntnis, dass es weder Gerechtigkeit noch einsehbare Gründe gibt, die Gottes Handeln verständlich machen. Allein blinder Gehorsam, ehrfurchtvolle Anbetung und demütige Hinnahme scheinen gefragt zu sein. Auch William P. Young hat für die Rechtfertigung Gottes – wie vor ihm schon Heerscharen von Theologen – keine vernünftige, den Verstand befriedigende Argumente gefunden.

Natürlich sieht Mack seine Missy dann wieder, darf aber nicht zu ihr, denn Sophia sagt: „Sie wollen es so. Sie ist ein sehr weises Kind, ich habe sie ganz besonders gern." (S. 213) Missy spielt derweil lieber mit ihren Geschwistern, die im Traum „hier sind und doch nicht hier". Anschliessend spielt Jesus mit Macks Kindern. Von da an wusste Mack, „dass Missy nicht wollte, dass er weiter um sie trauerte und die Grosse Traurigkeit würde nicht länger Teil seiner Identität sein". (S. 217)

Friede, Freude, Eierkuchen trotz so vieler unbefriedigender Antworten? Wieder in vertrautem Gespräch mit Papa: „Sophia hat dich bestimmt ganz schön genervt." (S. 235) Young legt Mack die scheinheiligen Worte in den Mund: „Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich Richter über dich sein sollte. Das klingt so schrecklich arrogant." Darauf Papa: „Es klingt so, weil es so arrogant war". (S. 235) Mack fragt: „Musste Missy sterben, damit du mich verändern konntest?" Papa alias Young verheddert sich wieder in theologischem Nonsens: „Dass ich in der Lage bin, sogar aus entsetzlichen Tragödien noch unglaublich viel Gutes entstehen zu lassen, bedeutet nicht, dass ich die Tragödien orchestriere. Wenn ich sie für meine Zwecke nutze, heisst das auf keinen Fall, dass ich die Tragödie erschaffe oder sie benötige, um meine Absichten zu verfolgen. Für die Gnade ist es nicht erforderlich, dass Leid existiert, aber dort wo Leiden ist, wirst du immer auch die Gnade finden." (S. 237) Mitleid heischend, sagt Gott zu Mack: „Es ist nicht leicht, Richter der ganzen Welt sein." (S. 238)

Dann lass es doch einfach bleiben, Lieber Gott. Es ist auch nicht leicht an einen Gott zu glauben, der immer von Liebe redet, aber hunderte von Ausreden erfindet, warum er gerade nicht für das Leid auf seiner Erde zuständig ist. Ein Gott, der es arrogant findet,
wenn seine leidende Kreatur ihn fragt, warum er nicht hilft, wenn er doch die Macht dazu hätte. Ein Gott, der von Gnade redet, wenn er den sinnsuchenden Menschen sagt, dass sie an ihrem Unheil selber schuld sind.

Und abermals weist Gott dem Menschen die Schuld zu: „Das Böse hat seinen Ursprung in eurem Streben nach Unabhängigkeit, und ihr habt diese Unabhängigkeit selbst gewählt. (S. 243) „Vielleicht hätte ich diese Schöpfung niemals erschaffen sollen? Vielleicht hätte ich Adam aufhalten sollen, ehe er sich für die Unabhängigkeit entschied?" (S. 244)

Darwins Evolutionstheorie ist fast 150 Jahre alt und noch immer wird sie von streng gläubigen Christen bekämpft. Das Geheimnis der „Schöpfung" ist eine Serie erfolgreicher Fehler.

Papa referiert weiter: „Die ganze Schöpfung und die ganze Geschichte drehen sich um Jesus. Er ist das Zentrum unserer Absichten und in ihm sind wir durch und durch menschlich, und so sind unsere Absichten und euer Schicksal für immer verknüpft." „Liebling, du wolltest wissen, was Jesus am Kreuz vollbracht hat. Höre mir also jetzt gut zu: Durch seinen Tod und seine Auferstehung bin ich jetzt völlig mit der Welt ausgesöhnt." (S: 246).

Indem das Märchen vom Tod Jesu am Kreuz und seiner Auferstehung hundertmal wiederholt wird, wird es nicht glaubwürdiger. Jesus ist nicht für uns am Kreuz gestorben. Die grausamen Hinrichtungen waren damals für Aufständische und Sklaven üblich und sollten potentielle Rebellen abschrecken. Die Apostel verfassten 100 Jahre später die Evangelien – immer darauf bedacht, die Prophezeiungen des alten Testaments erfüllen zu müssen.

Ganz am Ende des Buches erzählt uns William Paul Young in „Die Geschichte hinter Die Hütte", dass die Geschichte fiktiv, Gott aber wahr sei und dass etwa vierzig Prozent der Dialoge bearbeitet wurden, um fragwürdige theologische Aussagen und missverständliche Passagen zu entfernen. Im anschliessenden Interview hinterlässt Young einen ganz sympathischen Eindruck dank unorthodoxen Anschichten über Religion, Gott und Jesus, und ich wünschte mir, die Urversion des Manuskripts wäre nicht von evangelikalen Religionswächtern zensuriert worden.

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