Simon Pfeiffer

Das orange Meer und Rot-Weiss

Die EM bestimmt das Tagesgeschehen. Am Abend stundenlang Fussball auf dem Bildschirm, Emotionen kühlen, diskutieren, klagen, am Morgen danach die Zeitung im zweiten Bund öffnen, Matchberichte und Kommentare lesen, Mannschaftsaufstellungen begutachten, spekulieren, rechnen. Diese mediale Seite der Ereignisse hätten wir auch, wenn die EM anderswo stattfinden würde. So begegne ich ihr aber auf Schritt und Tritt.

Zwischen Zeitungslektüre und TV-Konsum musste ich nach Bern an eine Sitzung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes zur Minarett-Initiative, die in den kommenden Tagen eingereicht wird. Doch bereits am Bahnhof war etwas anders: Bern war von der orangen Welle erfasst. Überall kleinere und grosse Gruppen Holländer, erkennbar an knallig orangem Outfit. Vereinzelt sah man kleine blaue italienische Farbtupfer in der orangen Masse. Nicht unbedingt Fremdkörper, denn etliche der Blauen wurden von den biertrinkenden Orangen reingenommen und zum Mitfeiern animiert.

In der Einleitung zur Sitzung kam der Plausch-Fussballmatch zwischen FC Nationalrat und FC Religionen zur Sprache. FC Religionen habe gepunktet. Weiter ging es um Strategien, um dem Volk Tragweite der Minarett-Initiative und Möglichkeiten einer christlichen Haltung dazu zu vermitteln. Scouts, Trainer und Strategen steckten die Köpfe zusammen – bereits lange vor dem „Spieltermin".

Nach dem orangen Meer folgte das einheitlich rot-weisse an diesem historischen Regenmittwoch. Die Fans beider Teams trugen die selben Farben, doch war die Stimmung ganz anders. Eine verhaltene Aggression lag in der Luft – vor allem bei den jüngeren Fans –, Rivalität war spürbar, die Hoffnungen gross.

Dann kam die Riesenenttäuschung für Rot-Weiss-Kreuz. Und Rot-Weiss-Halbmond feierte, ausgelassen, laut, temperamentvoll. Autocorso und Umzug innert Minuten. Junge Fans suchten sich Plätze für hautnahe Reibereien. Andere mahnten zur Mässigung. Für Rot-Weiss-Kreuz war die Party vorbei, die Stimmung im Keller.

Schön, dass in den Medien nach dieser zerrissenen Nacht Beispiele von gemeinsamem Feiern, von Rücksichtnahme auf die Enttäuschten, von Respekt vor dem Gegen- oder besser Mitspieler zu sehen waren. Das sind Vorbilder.

Das Meer könnte auch rot-weiss sein.

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