Willi Bühler

Das Elend der gegenwärtigen Religionswissenschaft

Sonnenuntergang

 Als ich im zarten Alter von 52 Jahren begonnen habe Religionskunde zu unterrichten war es für mich klar, dass Referenzwissenschaft meines Faches die Religionswissenschaft ist. Im Laufe meiner Tätigkeit schloss ich dann Kontakte mit jungen Kolleginnen und Kollegen, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatten. Zu meinem Erstaunen haben viele dieser jungen Religionswissenschaftler vielleicht eine Feldforschung in der Mongolei oder im Maghreb durchgeführt und bringen von dort einiges an Detailwissen mit, sind aber meist völlig unbeleckt von seriösen Grundkenntnissen anderer Religionen.

Irgendwann ertappte ich mich beim Gedanken, dass eine Theologin, die wenigstens seriöse Kenntnisse über Christentum und Judentum mitbringt, vielleicht qualifizierter für das Schulfach Religionskunde ist als ein Religionswissenschaftler, der keine Ahnung von den Basics wichtiger Religionen hat.

Ich gehörte einst zu den ersten Mitgliedern der in den späten 1970er Jahren gegründeten Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft. Damals war «Religionsphänomenologie» noch kein Schimpfwort. Auch war es noch nicht des Teufels, in der Vielfalt religiöser Bekenntnisse und Praktiken das Gemeinsame aufzuspüren, eine «religio perennis». Natürlich war mir bewusst, dass die Klassiker des Fachs, heissen sie Helmuth von Glasenapp, Gustav Mensching, Heinrich Zimmer, Friedrich Heiler oder Mircea Eliade, sich dauernd in der Gefahr befunden haben, den schlichten Forscherkittel abzulegen und sich in die bunt glitzernde Robe des Religionsstifters zu hüllen, aber (Herrgottsack!): sie hatten Leidenschaft und Temperament. Und sie beherrschten die deutsche Sprache, sie konnten schreiben, haben ihre Sprache an Goethe geschult! Man lese zum Vergleich nur mal eine heutige religionswissenschaftliche Studie… Wo ist die Leidenschaft in der Religionswissenschaft geblieben, das innere Feuer, ja, auch die innere Betroffenheit? Ich kenne Geologen und Botaniker, die haben zu Steinen und Gräsern eine innigere Beziehung als manch ein Religionswissenschaftler zu seinem Studienobjekt.
 
Ich will ja gar nicht in Frage stellen, dass auch eine Erforscherin des mongolischen Volksbuddhismus Leidenschaft für ihr Forschungsgebiet aufbringt, aber müsste sich dann der phänomenologische Blick auf das Bächlein nicht auch auf andere Bächlein und dann zur ganzen Auenlandschaft weiten? Gerade im Schuldienst, immerhin eines der wenigen Tätigkeitsgebiete für ausgebildete Religionswissenschaftler, braucht es Leidenschaft und innere Beteiligung für den zu lehrenden Stoff. Man muss ja nicht so weit gehen wie ich, der auf die Frage, welche Religion ich habe zur Antwort gab, lehre ich Islam, sei ich Moslem, lehre ich Buddhismus, sei ich Buddhist. Okay, diese Antwort gab ich nur in den unteren Klassen des Langzeitgymnasiums, älteren Schülerinnen und Schülern gegenüber bekannte ich mich als Agnostiker. Mit dem Problem der doppelten Wahrheit, mit der unterschiedlichen Aufnahmefähigkeit unterschiedlicher Zielgruppen, musste sich ja selbst ein Ibn Rushd herumschlagen…

Also, liebe Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler: Wollt Ihr Euch im Schuldienst beweisen braucht es beides: Leidenschaft und religionskundliches Wissen. In einer Zeit erbarmungsloser Verteilkämpfe kann es sich gerade das Fach Religionskunde nicht leisten, unterqualifiziert zu sein. Wer sich zwar in Buddhismus auskennt, aber nicht auch gleichermassen in Islam und Christentum, der ist wie ein Geographielehrer, dessen Kenntnisse sich auf Afrika beschränken.

Dabei kann ja gerade das Schulfach Religionskunde selbstbewusst auftreten, ist es doch das erste Schulfach, das der Globalisierung Rechnung trägt. Unterrichten etwa Deutschlehrer aussereuropäische Literaturen? Oder lehren etwa Musiklehrer arabische oder indische Kunstmusik?

Coverbildquelle: https://pixabay.com/de/photos/sonnenuntergang-great-plains-himmel-2132497/ (Nutzer: ilcsab, letzter Zugriff: 23.03.2019)

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