Joe M.

Christliche Werte

Im Vorfeld der National- und Ständeratswahlen vernehmen wir von den Kandidierenden religiös geprägter Parteien als Antwort auf die Frage nach der Motivation für ihre Kandidatur, dass sie „Christliche Werte stärken" und sich für ein „Christliches Zusammenleben" einsetzen wollen. Das Christentum sei die „Grundlage aller ethischen Werte" und eine „Moral ohne Gott führe zu Beliebigkeit und Unmoral" lernen wir weiter. Plakative Bekundungen dieser Art erfolgen scheinbar ohne tiefere Kenntnisse der Bibel und unter beharrlichem Ignorieren der grenzenlosen Amoral, die sich in der Geschichte des Christentums widerspiegelt. Ich möchte nicht bestreiten, dass eine Reihe christlicher Werte durchaus als Kernbestand einer Moral angesehen werden können. Welche dieser Werte aber tatsächlich biblischen Ursprungs und nicht das Ergebnis einer kulturellen Entwicklung sind, bleibt dahingestellt.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Uwe Lehnert befasst sich in seinem klugen und didaktisch hervorragend gemachten Buch „Warum ich kein Christ sein will" mit der Lehre und Geschichte des Christentums und beurteilt sie im Lichte der Vernunft und heutiger wissenschaftlicher Erkenntnisse. Er zeichnet den Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung und fragt in Kapitel V „Ist Moral ohne Gott möglich?" Seine Antwort bestätigt viele meiner selbst gemachten Gedanken und da ich die Meinung des Autors vollumfänglich teile, zitiere ich ab hier mehrere Abschnitte aus Uwe Lehnerts Buch.

Die Zehn Gebote, auch Dekalog genannt, sind sicher essentieller Bestandteil der christlich fundierten Moral. Es lohnt sich aber, mal nicht die schönfärberische neuere Version, die wir im Religionsunterricht gelernt haben, sondern im Alten Testament im 2. Buch Moses, dem Buch Exodus, nachzulesen. Es fällt auf, dass die ersten drei Gebote sehr ausführlich beschrieben werden, obwohl sie keine moralischen Aussagen darstellen. Sie dienen eher einer selbsternannten Priesterschaft dazu, ihre eigene Herrschaft zu begründen und zu festigen. Das erste Gebot droht sogar mit Sippenhaft, was zutiefst unmoralisch ist: Die Sünden der Väter werden bis in die vierte Generation verfolgt, wie unbeteiligt und unschuldig die Kinder und Kindeskinder auch sein mögen.

Die eigentlich moralische Substanz, gebildet durch die Gebote vier bis zehn, wird nur knapp, eher lapidar mitgeteilt und stellt ohne Zweifel eine zu akzeptierende Moral dar. Allerdings haben sich diese Forderungen weltweit so oder ähnlich in allen Gesellschaften herausgebildet und können dadurch keine spezifisch exklusiv biblische Originalität beanspruchen. Schon Jahrhunderte vor dem Alten Testament formulierte das Ägyptische Totenbuch ähnliche Forderungen. Bemerkenswert ist jedoch das Tötungsverbot im 5. Gebot, das sich nur an die Mitglieder der eigenen Gruppe richtet. Das Töten von Menschen anderer Sippen war natürlich erlaubt. Das Alte Testament ist voll von Kriegsberichten und der Aufforderung Gottes, sich die umliegenden Völker gewaltsam untertan zu machen. 

Das 10. Gebot ist insofern erwähnenswert, da es die Sklaverei als eine selbstverständliche, offenbar auch nicht von Gott in Frage gestellte Ausbeutung von Menschen durch Menschen hinnimmt. Überhaupt werden in diesem Gebot Ehefrau, Sklaven, Haustiere und Sachen gleichrangig nebeneinander gestellt. Dass das Sklaventum von Gott gebilligt wird, geht auch aus anderen Stellen der Bibel hervor, wo ausführlich die gottgewollte Rolle von Sklaven festgelegt wird oder Paulus in ermunternden Worten das geduldige Ertragen des Sklavendaseins ausdrückt. Weitere Beispiele für die Fragwürdigkeit der in der Bibel zum Ausdruck gebrachten Moral sind die Bestrafung von Hexen, Ehebrecherinnen, religiös Abtrünnigen und Homosexuellen.

Die Reihe monströser Bedrohungen und Bestrafungen liesse sich beliebig fortsetzen. Auch vom Unterwerfen fremder Völker und dem Abschlachten sich freiwillig Ergebender und Andersgläubiger ist an vielen Stellen der Bibel die Rede. Vorbilder für unsere heutige Zeit? Selbst wenn man den zeitlichen Kontext zur damaligen Gesetzgebung berücksichtigt, was soll davon für uns noch non von Bedeutung sein? Keine Spur von mitfühlendem Verstehen oder barmherziger Nachsicht. Nicht einmal im Ansatz kann doch solches Gedankengut als Richtschnur für moralisches Handeln taugen.

Ein weiteres Beispiel für die absolute Fragwürdigkeit der moralischen Autorität, die Gott in der Bibel zukommt, ist die Sintflut. Viele von uns kennen aus Kindertagen phantasievolle Darstellungen der Sintflut, die neben viel Wasser ein grosses hölzernes Schiff zeigten, aus dessen Luken vielerlei lustiges Getier schaute. Für uns Kinder – und dieses Bild haben wir in das Erwachsenenalter hinübergetragen – war die Sintflut eher ein spannendes Ereignis aus uralter Zeit, völlig losgelöst von der ungeheuren Dramatik, die damit verbunden gewesen sein muss. Realistisch betrachtet ist Folgendes passiert: Gott stellt fest, dass sein Werk misslungen ist (was er bei seiner Allwissenheit eigentlich hätte voraussehen müssen) und lässt seinen Zorn an den von ihm selbst geschaffenen Geschöpfen, also den Menschen, den völlig unschuldigen Kindern und allen Tieren schonungslos aus. Er ließ einige Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen und Tiere auf ganz erbärmliche Weise ertrinken, vergleichbar nur einem gigantischen Atombombenabwurf, der ebenso erbarmungs- und unterschiedslos jedes Leben auslöscht. Gott vertilgte alles (ein Ausdruck, der gleich mehrmals in diesem Bibeltext verwendet wird).

Sollte das der Gott sein, der uns als letzte Verankerung für das Gute, das Moralische schlechthin vorgestellt wird? Als höchster Richter, der unsere irdischen Taten dereinst nach moralischen Maßstäben beurteilen wird? Oder hat auch Gott sich im Laufe der Menschheitsgeschichte geändert und wird im Neuen Testament in absoluter moralischer Reinheit auftauchen? Die Bergpredigt des Evangelisten Matthäus wird gern zum Inbegriff reinster und höchster Moral hochstilisiert und von den meisten Christen als die eigentliche Essenz der biblischen Botschaft angesehen. Die Lektüre der Bergpredigt als das ethisch-moralische Juwel der christlichen Botschaft hinterlässt aber einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits werden Tugenden wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Friedfertigkeit gefordert, denen man gewiss zustimmen muss, die aber auch einem allgemein verbreiteten und akzeptierten Weltethos entsprechen. Irritierend ist hier allerdings der Text von Matthäus „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Andererseits werden Anforderungen aufgestellt, die in ihrem Rigorismus unerfüllbar und daher unmenschlich erscheinen. Jesus aber ging es offenbar in erster Linie um das Seelenheil der Menschen, nicht um deren Zusammenleben in dieser Welt.

Es gibt in der Bibel eine fast willkürlich anmutende Vielfalt von moralischen, unmoralischen und kaum erfüllbaren Normen. Sie bestärken mich in der Überzeugung, dass die Bibel eben nicht Gottes Wort ist sondern menschliches Werk – und somit allenfalls von geschichtlicher Bedeutung. Keinesfalls kann die Bibel in ihrer Gesamtheit als moralisches Leitbild für das rechte Verhalten im mitmenschlichen Zusammenleben fungieren. Wie beurteilt man den moralischen Charakter eines Menschen, der zwar viel Gutes in seinem Leben getan hat, aber andererseits nicht davor zurückschreckte, andere Menschen erbarmungslos auch um Gesundheit und Leben zu bringen? Wir sähen in ihm keinesfalls ein moralisches Vorbild, an dem wir unser eigenes Verhalten ausrichten würden.

Wie wenig Wirkung zum Beispiel die in der Bergpredigt verkündeten ethischen Grundsätze auf die Menschen und ihre geistlichen Führer hatten, bezeugt in erschütternder Weise die Geschichte des Christentums. Jedermann weiss um die Kreuzzüge, Ketzerverfolgungen, Inquisitionsgerichte, Hexenverbrennungen und Sklaverei. Erinnert werden muss aber auch an die jahrhundertelange Verfolgung der Juden. Was wurde da nicht im Namen Gottes gemordet, gefoltert, geschändet und erniedrigt. Wie gleichgültig und selbstherrlich, wie offensichtlich ist die zentrale Botschaft „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, liebe deine Feinde" immer wieder missachtet worden – vor allem von den amtlichen Vertretern dieses Lehre. Wenn denn nun schon Gott nicht eingriff, als über Jahrhunderte im Namen der christlichen Lehre die allerschlimmsten Menschenrechtsverletzungen begangen wurden, warum wirkten nicht wenigstens Päpste, Priester und Theologen, die diese Botschaft täglich verkünden, als moralisches Korrektiv? Das Gegenteil war meistens der Fall: Sie wirkten bei den Exzessen wider die Menschlichkeit im Namen des Herrn freudig mit und riefen oft genug „Mit Gott", „Für Gott" oder „Weil Gott es so will". 

Sich in Sachen Moral auf die Bibel und den darin beschriebenen Gott, insbesondere den des Alten Testaments, zu berufen, kann nur – um es ganz vorsichtig auszudrücken – als unlauter bezeichnet werden. Die führenden Vertreter der Kirchen – man denke zum Beispiel auch an so manche mittelalterliche Päpste mit ihren nur als kriminell zu bezeichnenden Machenschaften – als moralische Vorbilder hinzustellen, wäre ebenfalls abwegig. Dass es dennoch viele bewundernswerte Menschen gab und gibt, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben sich für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einsetzen und sich dabei auf Gott und Jesus Christus berufen, das ist zweifellos wahr. Ich wage allerdings die Behauptung, dass ihre mutige Einsatzbereitschaft und ihre praktizierte Nächstenliebe in ihrer starken und geradlinigen Persönlichkeit wurzeln und weniger den fragwürdigen moralischen Standards der Bibel und ihrer Botschaft zu verdanken sind. Solche vorbildhaften Persönlichkeiten finden wir weltweit und zu allen Zeiten, welche weltanschauliche Orientierung sie auch immer haben mögen.

Und auch dies muss festgehalten werden: Die Menschenrechte, also das Recht auf Leben und Freiheit oder zum Beispiel die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit, das Recht auf freien Zugang zu Informationen oder die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau haben wir keinesfalls dem Christentum zu verdanken, wie man glauben könnte, wenn man unsere Politiker vom christlichen Wertekanon daherreden hört. Es sind die Werte der Aufklärung, ohne die wir heute noch keinen freien Zugang zu Informationen hätten, die der Kirche missfallen. Es würden die Wissenschaften durch Vorgaben und Einschüchterung stranguliert, es würden nach wie vor Inquisitionsgerichte wüten und möglicherweise Scheiterhaufen brennen. Wir hätten dann immer noch jene religionsbeherrschten Zustände, wie sie die fundamentalistischen Taliban in Teilen Afghanistans oder die durch Ayatollahs, Mullahs und Imame gesteuerten Politiker einiger Länder im Vorderen Orient uns täglich vorführen.

Und noch etwas ist durch die Aufklärung deutlich geworden. Sie hat ganz offenbar ein dem Menschen innewohnendes moralisches Prinzip wieder freigelegt, das durch den Einfluss von Bibel und Kirche verschüttet worden ist: Mitfühlendes Verstehen. Dass bei uns heute Ehebrecherinnen oder männliche homosexuelle Beziehungen nicht mehr mit dem Tode bestraft werden, ist nicht den moralischen Grundsätzen der Bibel zu verdanken. Und über das Verdikt von Jesus, dass dem ewigen Feuer der Hölle verfallen sei, wer Gottes Wort ablehne oder wer seinen Bruder einen gottlosen Narren nenne, können wir heute nur noch den Kopf schütteln. Die Weiterentwicklung unseres Moralsystems zu mehr Verständnis für menschliches Verhalten und mehr Respekt vor der Eigenständigkeit des Anderen verdanken wir eben nicht in erster Linie den Aussagen der Bibel, auch nicht denen des Neuen Testaments, wie in christlich geprägten Kreisen gern verbreitet wird. 

Dass wir im europäischen Kulturkreis die Todesstrafe geächtet haben, dass wir eine Vielzahl von göttlichen Handlungen und Befehlen insbesondere des Alten Testaments heute moralisch verwerfen, kam nur zustande, weil wir unsere Kriterien von gut und böse ganz wesentlich eben nicht aus der Bibel abgeleitet, sondern geradezu im Widerspruch zu diesem angeblichen Wort Gottes entwickelt haben. Die Grundlage unseres heutigen moralischen Verhaltens ist in ganz entscheidendem Masse offenbar das, was den heutigen Menschen gegenüber jenen aus biblischer Zeit auszeichnet: der Wille und die Fähigkeit, die Vernunft sprechen zu lassen, statt einem aus dem Glauben kommenden archaischen Sühne- und Vergeltungsdenken zu folgen. Soweit Uwe Lehnert (in gekürzter Form).

Um zum Wahlkampf unserer Politiker zurückzukommen: Es ist mir unverständlich, warum heute noch eine Partei christliche Werte stärken möchte und warum sich das schöngefärbte Verständnis biblischer Moral so hartnäckig hält. Mir ist nicht wohl beim Gedanken, biblische Moral göttlichen Ursprungs könnte unseren Alltag wieder dominieren. Was motiviert denn die SVP zu ihren Hetzkampagnen mit den fremdenfeindlichen Plakaten, die mich auf abstossende Art an NS-Propaganda erinnern? Bedient diese Partei nicht auch das von Uwe Lehnert beschriebene, altertümlich biblische Moral- und Wertesystem von Schuld und Sühne, Diskriminierung des Andersartigen, obwohl sich die SVP nicht primär als religiös beeinflusst zu erkennen gibt? Hat uns das Attentat des „christlichen Fundamentalisten" A. Breivik mit seinem Hass auf den Islam und alles Fremde nicht die letzte Konsequenz solcher Geisteshaltungen vorgeführt?

Arche Noah-Mobile (Bild: Joe M.)
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