Simon Pfeiffer

Christliche Werte ade?

Die Flüchtlinge kommen. Fremde überrollen in Massen unser Land und wollen uns ans Eingemachte. Unsere Häuser, Gärten und Bankkonti sind in Gefahr. Und von fern flimmert eine blutrünstige Abart des Islam in unsere Stuben. So eine Religion wollen wir doch hier nicht. Hier leben wir doch in christlicher Tradition!

So wird von diversen Akteuren in Politik und Medien eine düstere Stimmung heraufbeschworen. Wir stecken angeblich in einer Misere, einem Schlamassel, das uns mit Namen genannte Sündenböcke eingebrockt haben. Was in den Onlinekommentaren folgt, ist nicht das in die Wüste Schicken des Sündenbockes, es gleicht eher der Hexenjagd eines wütenden Mobs.

Der aktuelle Referenzvers für Christen und Juden gemeinsam wäre eigentlich: „Und wenn ein Fremder bei dir lebt in eurem Land, sollt ihr ihn nicht bedrängen. Wie ein Einheimischer soll euch der Fremde gelten, der bei euch lebt. Und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde gewesen im Land Ägypten. Ich bin der Herr, euer Gott." (Levitikus 19,33-34) Oder der Satz des endzeitlichen Jesus im Matthäusevangelium 25,40: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Wie weit entfernt von biblischen Werten sind Menschen, die sich Sorgen machen um ein schönes Haus, eine ruhige Nachbarschaft, wenn darin Menschen untergebracht werden, die Hab und Gut, Leib und Leben riskiert haben, um die Reise bis hierher zu schaffen. Und wieviel näher an diesen Werten, die den Kern der christlichen Tradition ausmachen, sind Menschen in der Türkei, im Libanon oder in abgeschiedenen Tälern in Syrien, die das wenige, das sie haben mit denen teilen, die noch weniger haben? Kann sich die reiche Schweiz die christlichen Werte nicht mehr leisten, während Menschen, die nicht Christen sind, das Lebensnotwendige teilen oder sogar ihr eigenes Leben in Gefahr bringen wie erst gerade in der türkischen Grenzstadt Suruç?

Bei uns ist der IS nur über die Bildschirme präsent. Hilfe leisten könnten wir hier herum relativ gefahrenfrei. Und das wird auch getan. So zum Beispiel im nahen Nachbardorf. Fremde und Einheimische werden in Kontakt gebracht, Fremde helfen beim Aufbau eines neuen Kinderspielplatzes und machen in der Schulprojektwoche mit. Kinder, die vor ein paar Monaten noch ausschliesslich arabisch oder tigrinya gesprochen haben, zählen jetzt beim Versteckis „eis, zwöi, drü, ..." und gehen selbstbewusst auf Schweizer Kinder zu. Und in den heissen Sommertagen ist auf dem neuen Spielplatz bis zum Einbruch der Dunkelheit reger Betrieb – was auch unsere Kinder sehr zu schätzen wussten.

Buchrezension: Ulrich Luz, Theologische Hermeneuti...
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