Joe M.

Buddhas Lehre von der Leere

Auf der Suche nach Spiritualität im Gemischtwarenladen der Esoterik (die naive Offenheit der Esoterik erlaubt allen Weltbildern und Gesinnungen von Paramedizin, Pseudowissenschaften und okkulten Praktiken bis hin zu den Glaubensrichtungen westlicher und östlicher Religionen sich unter einem Dach zu vereinen und öffnet dadurch jedem Spinner Tür und Tor, der behauptet, seine Methode sei dem seelischen und körperlichen Gleichgewicht zuträglich) bin ich früher oder später mit der buddhistischen Philosophie in Kontakt gekommen. Der Umstand, Zulauf auf dem Umweg Esoterik und New Age zu erhalten, stösst vermutlich bei den Vertretern der etablierten Religionen auf wenig Gegenliebe, ist doch die oben erwähnte Offenheit gegenüber allen Glaubensrichtungen ihre Sache nicht. Exil-Tibeter und ihr geistiges Oberhaupt, der Dalai Lama, sehen das scheinbar nicht so eng – Buddhismus liegt nicht umsonst im Trend und ist im Westen die Lifestyle-Religion schlechthin. Hirnforschung und Quantenphysik interessieren sich neuerdings für das Tibetische Totenbuch und suchen eine Erklärung für die darin beschriebene Kontinuität des Geistes.

Den Zugang zum traditionellen tibetischen Buddhismus fand ich über Wochenendseminare im Buddhistischen Zentrum Letzehof, wo ich den Unterweisungen eines Meisters beiwohnen durfte. Hierbei faszinierte mich sehr schnell die klare Struktur der buddhistischen Lehre, welche auf vier Weisheiten basiert. Der historische Buddha Shakyamuni (Siddharta Gautama) soll gesagt haben: „Erkenne das Leid (1), überwinde die Ursachen des Leids (2), erlange die Beseitigung (3), und wende den Weg an (4)."

Es war für mich völlig neu und überraschend, eine Religion nicht primär als Auflistung von Verboten und Geboten zu erleben, sondern als klare Anleitung für einen Weg, den es zu beschreiten gilt, um das Ziel (Erleuchtung, Nirwana) zu erreichen. Die Anweisung Buddhas, jeden Schritt mit wachem Verstand zu prüfen, ob er stimmig ist und dem eigenen Bewusstseinsstand entspricht – und falls nicht, zu unterlassen – war wie Musik in meinen katholizismusverseuchten Ohren. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, im Religionsunterricht je aufgefordert worden zu sein, die Lehren des Katechismus auf mein Gutdünken hin zu überprüfen. Auch das biblische Gleichnis von der Vertreibung aus dem Paradies wegen des (menschlichen) Anspruchs auf den (göttlichen) Baum der Erkenntnis, empfand ich als krassen Widerspruch zur buddhistischen Lehre. Das Erlangen der höchsten Weisheit und Klarheit ist dort Teil des spirituellen Pfades und somit unabdingbar – Unwissenheit ist nebst Verlangen die Hauptursache für Leid. Missionarischer Eifer ist aber der buddhistischen Tradition fremd. Wer den ewigen Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt (Samsara) der Lehre Buddhas (Dharma) vorziehen will: kein (sein) Problem.

Ich war mir natürlich dessen bewusst, dass Buddhismus nur dann Sinn macht, wenn man an Reinkarnation und Karma glaubt, ansonsten es keinen Grund gibt, mittels Erleuchtung dem Kreis von Tod und Wiedergeburt entrinnen zu wollen. Da ich aber mit der christlichen Lehre von Himmel und Hölle schon als Kind wenig anfangen konnte – mich die Vorstellung, ewige Verdammnis als endgültige Strafe vom „Lieben Gott" geradezu entsetzte; aber auch beim Gedanken an ein ewiges Leben im Himmel nicht in Verzückung geriet – schien mir die Wiedergeburt als der vorerst glücklichste Erklärungsversuch zum Thema Leben nach dem Tod. Damals lief auch die hervorragende Filmdokumentation „Living Buddha" von Clemens Kuby im Kino. Der Film beschäftigt sich auf eindrückliche Weise mit dem Thema Wiedergeburt im Zusammenhang mit der Suche nach der 17. Inkarnation des Karmapa in Tibet und zeigt nebenbei in berührenden Bildern die alltägliche Spiritualität im kargen Leben dieser einfachen Menschen.

Die Erläuterungen zur Kernaussage des Herz-Sutras „Form ist Leere; Leere ist Form" in den buddhistischen Unterweisungen im Letzehof übten eine ganz besondere Faszination auf mich aus. Zitat Geshe Rabten: "Kurz gesagt, die Art, wie uns die Dinge erscheinen, und die Art, wie sie wirklich existieren, ist gänzlich verschieden. Wenn wir uns fragen, was entscheidender ist, die Art des Erscheinens oder die wirkliche Art des Seins, dann ist die Antwort, daß es die wirkliche Art des Seins ist. So, wie uns die Objekte erscheinen, existieren sie nicht..." Wow, das war Nahrung für meinen suchenden Geist! Ich sah Parallelen zu NLP Modellen (die innere Karte entspricht nicht der Umwelt) und empfand die buddhistische Philosophie als erfrischend modern und psychologisch versiert.

Aus heutiger, religionskritischer Sichtweise, muss ich aber feststellen, dass auch der Buddhismus nicht über sämtliche negativen Aspekte religiösen Glaubens erhaben ist. Ein praktizierender Buddhist (im Gegensatz zum Lifestyle-Esoterik-Buddhist) muss sich äusserst komplizierten Ritualen und Techniken unterwerfen. War die Absicht der Lamas, ihr Wissen und Machtpotential möglichst unerreichbar für das ungebildete Volk zu halten? Aber auch das an und für sich logische Gesetz von Ursache und Wirkung (Karma), stellt – trotz des beträchtlichen Mitgefühls zu allen Lebewesen als eine der grossen buddhistischen Tugenden – eine Gefahr aufkeimender Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer Menschen dar. Da die in Armut und Elend hineingeborenen Kinder ihre Schwierigkeiten in einem früheren Leben selbst verursacht haben, können eben nur sie alleine ihr Karma abtragen. Das hinduistische Kastensystem muss als Konsequenz jahrhundertelanger Anwendung solcher Denkmuster angesehen werden. Dem sozialen Einfluss dieser unerbittlichen Herrschaftspyramide kann sich auch heute noch kaum ein Inder entziehen.

Nicht zuletzt die Tatsache, dass gerade in buddhistischen Ländern zu viele junge Knaben ihren Müttern entzogen und in Klöster gesteckt werden, wo sie einseitig und auf unnatürliche Weise – ohne die weibliche Komponente – ihre Kindheit verbringen, ist ein weiterer negativer Aspekt gelebter Religion. Ich weiss, der Westen liebt die Bilder der kleinen, fröhlich herumalbernden, in rote Tücher gehüllter Mönche, die nach der kurzen Pause eifrig und diszipliniert die alten Schriften studieren. Das Weinen der Kinder, die sich in den dunklen Nächten nach ihren Müttern sehnen, findet man aber nicht in den Hochglanz-Magazinen dargestellt.

Die Aussicht auf ein besseres Karma entschädigt die jungen Mönche und Nonnen für das entbehrungsvolle Klosterleben und verheisst mehr Wohlstand im nächsten Dasein. Ein Aufstieg in der geistlichen Hierarchie und vielleicht sogar Eintritt ins Nirwana ist aber nur den Ordensbrüdern vorbestimmt – die hohen Würdenträger sind nämlich ausschliesslich Männer. Zu Lebzeiten Buddhas waren die Frauen Menschen zweiter Klasse. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, der alten Tradition folgend muss eine Frau zuerst als Mann wiedergeboren werden, bevor sie die Erleuchtung erlangen kann.

Die Suche nach der jeweiligen Inkarnation des verstorbenen geistigen Oberhauptes (mit sehr altertümlichen Mitteln wie Orakelbefragen) und der anschliessenden Inthronisation eines Kindes als spirituelle Führung eines ganzen Volkes, gibt auch Angriffsfläche für Kritik. Es ist für Nichtgläubige schwer einzusehen, dass ein auserwähltes Kind bereits in jungen Jahren die geistigen Fähigkeiten und die Grösse des verstorbenen Meisters haben soll – muss es doch, wie jedes andere Kind, unermüdlich fürs Leben lernen. Die Kontinuität des Geistes scheint nur bedingt gewährleistet zu sein, da all das irdische und überirdische Wissen verschollen ist und der als Inkarnation eines hohen Lama identifizierte Knabe sich alle Geistesgaben wieder von Neuem aneignen muss.

Der Lamaismus als Staatsform, wo Bonzen über das einfache Volk herrschen, erinnert uns an die Macht des Klerus im Mittelalter. Säkulare Staatsformen auf demokratischer Basis sind Gottesstaaten immer vorzuziehen. Jedoch in Militär- und anderen Diktaturen (Tibet, Burma) bilden die buddhistischen Mönche den geistigen, gewaltlosen Widerstand gegen die Regime und zeigen auf eindrückliche Weise das enorme altruistische Potential ihrer Philosophie.

Wie in den meisten Religionen, spielt Leid auch im Buddhismus ein zentrales Thema – Leid, welches es zu überwinden gilt, ähnlich dem Christentum mit Jesus als Erlöser. Der Fokus auf das menschliche Leid ist auf die Lebensumstände in der Zeit zurückzuführen, als diese Religionen entstanden sind. Damals kämpften die meisten Menschen um ihre nackte Existenz; Kriege, Hungersnöte, Seuchen und Aberglauben prägte das Leben der Sippen und Stämme. 2000 Jahre später haben Rechtsstaat und technischer Fortschritt unsere Lebensqualität sehr zum Positiven verändert, in den letzten Jahrzehnten herrschte im Westen sogar Wohlstand bis zum Überfluss. Im Zeitalter von Wellness und Spassgesellschaft ist das Bedürfnis nach Auflösung von Leid nicht mehr das höchste Ziel. Wenn dann auch noch der Glaube an die Wiedergeburt wegfällt, gibt es keine zwingende Grundlage mehr für die Lehren Buddhas. Bleibt also nur noch Lifestyle-Dharma als angenehme, geistreiche Wochenendunterhaltung für gestresste, sich in der Krise befindende, bewegte oder suchende Zeitgenossen. Da bietet sich das Seminar über die Leere geradezu an und Meditation (mit und ohne Buddha) ist in der Tat eine gute Sache.

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