Thomas Philipp

Buchrezension: Ulrich Luz, Theologische Hermeneutik des Neuen Testaments, Neukirchen 2014

Ulrich Luz: Theologische Hermeneutik

Ein führender Exeget – für Matthäus setzt sein Kommentar das Maß – legt eine Theologische Hermeneutik vor. Er wagt sich in ein Schlachtfeld: Ist die Bibel historisch oder psychologisch zu verstehen? Geht es um die Aussage des Textes, jene des Autors – oder um die Reaktion des Lesers?

Im Kontext der „Selbstauflösung der Kirche“ (16) stellt Luz drei Leitfragen (Kap. 1, 1-28): Wie lässt sich eine Kirche auf die Bibel bauen, wenn sie beliebig gedeutet werden kann? Wie können wir die Bibel ganzheitlich, nicht nur distanziert-intellektuell verstehen? Und: Wie heute überhaupt noch von Gott sprechen? Kap. 2 (29-98) geht neuere, auch angelsächsische und griechische Entwürfe der Theologischen Hermeneutik durch.

Das 3. Kap. (99-148) stellt sich der Auflösung von Autor und Leser, Text und Kanon, Geschichte und Gott in immer pluralistischeren Perspektiven. Der Pluralismus der Auslegungen und Standpunkte lässt sich nicht mehr durch eine große Ideologie, eine normative Mitte der Schrift oder einen systematischen Entwurf überwinden, die Machtausübung rechtfertigen würden. Heute sind nur noch persönliche, kontextgebundene Identitätsdiskurse möglich, kleine Meta-Erzählungen von Gott. Ihr Subjekt ist nicht die Kirche und nicht die Vernunft, sondern ein Ich in seiner Erfahrung. „Ich plädiere für den Verzicht darauf, auf Basis der Bibel die eine, ganze Wahrheit besitzen zu wollen und sie anderen aufzunötigen. Ich möchte versuchen, im Lichte der Bibel ‚kleine Geschichten‘ von Gott zu erzählen“ (146): wie die Evangelien – darum die wichtigsten Texte des NT – es tun.

Es folgt die Diskussion zweier literaturwissenschaftlicher Großtheorien, die den Text als Struktur (Ferdinand de Saussure) oder als kommunikative Handlung (John Austin) verstehen; letztere wird dem NT besser gerecht (Kap. 4, 149-204). Dann anerkennt Luz, unglaublich belesen, teils vorsichtig, teils energisch kritisierend, das Recht psychologischer (Kap. 5, 205-262), feministischer und befreiungstheologischer Ansätze (Kap. 6, 263-312). Nicht zufällig finden sie sich verdächtigt: Alle Kirchen haben „zwischen Bewahrung und Neuerung, Tradition und Kreativität eine arge Schlagseite zugunsten des Alten“. Doch im NT hieß „Treue zur Geschichte Jesu nicht nur, sie erinnern und bewahren, sondern auch: sie neu erzählen und neu aktualisieren“ (492).

Das 7. Kap. (313-358) fragt, wie Bilder die Bibel auslegen; das 8. (359-410) spricht mit Hans-Georg Gadamer, Paul Ricœur und Jürgen Habermas. Das 9. (411-466) geht neutestamentlichen Ansätzen nach; das 10. (467-516) befragt Origenes, Irenäus, Tertullian, Augustin und Luther. Am Schluss gibt Luz seine Synthese in zwei Leitlinien: Eine Auslegung neutestamentlichen Texte ist wahr, wenn sie „den Grundlinien der Geschichte von Jesus Christus und seiner Botschaft von Gott entspricht“ und „Liebe schenkt oder bewirkt“. Kap. 11 (517-568) gibt Leitlinien zur Auslegung ntl. Texte.

Luz sagt ich. Bibel lesen heißt nicht nur sie, sondern auch sich selbst besser verstehen wollen. Kein Verstehen von neutestamentlichen Texten, das eigene Gefühle und Erfahrungen ausklammert! Eine Deutung muss nicht nur textgemäss sein, sondern „auch für die Rezipienten ‚stimmen‘. Nur dann kann sie für sie eine Bedeutung gewinnen.“ (519) Stimmt sie für einen Prediger nicht, ist er auch für andere nicht glaubwürdig. Diese Wahrhaftigkeit des Zeugen ist diskursiv nicht überprüfbar.

Luz sieht Verstehen als offenen Dialog zwischen Leser und Text, aus dem je neu die christliche Identität erwächst. Keiner muss sich unterordnen, jeder kann das Seine sagen. Der Leser darf sein Eigenes einbringen, aber auch das NT will nicht nur Projektionsfläche sein! Der Text ist kein Etwas, sondern ein Jemand mit Rechten, der etwas sagen will. Diese personale Qualität zeigt sich im impliziten Autor: im Gesamt der Textintention, so wie sie der Leser wahrnimmt.

Dem Text, dem schwächeren Partner, gibt die Exegese eine Stimme; ihre Methoden sind Instrumente, die dem Text seine Fremdheit zurückgeben. Da der Ausleger immer schon in der Wirkung der Texte steht, ist die Aufarbeitung der Wirkungsgeschichte dabei unabdingbar. „Die übliche wissenschaftliche Exegese bedeutet […] die Ausblendung eines Lebenszusammenhangs, der für das Verstehen von Texten konstitutiv ist.“ (400) Theologische Hermeneutik ist zugleich objektbezogener, interdisziplinärer Diskurs über Sprache, Texte, Methoden und Geschichte, Mensch und Gesellschaft – und (inter-)subjektiver Identitätsdiskurs von Christen und Kirchen.

Zum ersten Mal arbeitet diese Veröffentlichung philosophische, patristische, psychologische, feministische und befreiungstheologische Zugänge umfassend auf, von deren Stärken lernend. Diese Vielfalt wie die Sorgfalt der Bearbeitung verdienen höchsten Respekt. Der klare Aufbau ermöglicht die punktuelle Lektüre.

Die Ich-und-Du-Qualität macht das Buch an jeder Stelle spannend: Es geht nicht um etwas, sondern um mich, um meine Identität als Christ.Das ist 21. Jahrhundert: In einem Wust von Möglichkeiten setzt sich faktisch die Orientierung an jenen Beziehungen durch, die das Subjekt und seine Identität konstituieren. Mea res agitur.

Worum geht es beim Opfer?
Christliche Werte ade?

Ähnliche Beiträge

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Marco Messina
Verantwortlicher Blogs
blog(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4