Thomas Philipp

Buchrezension: Julian Nida-Rümelin, Philosophie einer humanen Bildung, Hamburg 2013

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen BildungNida-Rümelin möchte (1) die gegenwärtige Bildungspraxis als unmenschlich aufzeigen; aus Kant, Stoa und Pragmatismus entwickelt er eine Alternative (2). Allerdings vermag Nida-Rümelin der Empathie nicht das Gewicht zu geben, das er selbst fordert (3).

1. Die neoliberale Bildung bezieht die Vernunft nur auf das Vorgehen, nicht auf ihre Ziele. Sie genügt ethisch nicht, weil nach Kant Menschen nicht instrumentalisiert werden dürfen, sondern stets als Selbstzweck zu achten sind. Daraus ergibt sich die gleichberechtigte Anerkennung fremder Argumente: „Kommunikative Rationalität geht nicht in strategischer auf.“ Auch empirisch genügt die neoliberale Vernunft nicht: Wir begründen unser alltägliches Handeln nicht nur mit Eigennutz, sondern auch mit Dankbarkeit, Kooperation, Bindungen und Empathie. Die neoliberale Vernunft funktioniert nur im Labor. Die aktuellen Bildungsreformen erreichen nicht einmal ihre ökonomischen Ziele. Erfolgreiche Reformen der Vergangenheit entkoppelten Bildung und unmittelbare Verwertung; heute zählt nur der greifbaren Nutzen. Hinter der Betriebsamkeit herrscht Ratlosigkeit. Um was geht es eigentlich? Was ist Bildung und welche Rolle spielt dabei die Persönlichkeitsentwicklung? Um welches Wissen, um welche Fähigkeiten geht es?

2. Jede Bildungsanstrengung setzt ein Leitbild voraus, was der Mensch ist und sein soll. Diese normative Anthropologie ist durch Austausch von Gründen zu entwickeln. Nida-Rümelin setzt an bei der verantwortlichen Person, „die sich durchhaltende Gründe hat, erkennbar ist in den Gründen, die sie vorbringt, und die den Kern humaner Praxis, den respektvollen Umgang keiner Instrumentalisierung opfert“. Gründe, nicht schon Wünsche machen die Identität einer Person aus! Nur so entsteht Kohärenz über die Zeit. Gründe haben, Verantwortung übernehmen: in dieser Erfahrung fallen Vernunft und Freiheit in eins. Nida-Rümelin sieht drei Aspekte dieser Vernunft. Die theoretische Vernunft will richtig urteilen und sich über Lebenswelt und Lebensform verständigen. Die praktische Vernunft verantwortet das Handeln. Die ästhetische Vernunft kontrolliert und kultiviert das Fühlen mit dem Ziel einer harmonischen Lebensform.

Bildung soll nicht Untertanen schaffen, nicht dem Funktionieren der Wirtschaft oder ideologischen Zielen dienen. Ihr Ziel ist eine selbstbestimmte Existenz. Dieser formale Bildungsbegriff erhält seinen Inhalt aus der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, aus der alltäglichen Kooperation und Interaktion. Darum ist Ausbildung von Fertigkeiten kein grundsätzlicher Gegensatz zur Bildung der Persönlichkeit.

3. Der Kern des Menschen, sein Selbst, ist seine Vernunft: frei ist, wer rational handelt. Wer den Neigungen des Augenblicks folgt, ist unfrei: er gibt sich seine Gesetze nicht selbst, sondern führt aus, was die Neigung vorgibt. Ein Raucher, der aufhören will, es aber nicht vermag, ist willensschwach; er erfährt eine Einschränkung seiner Autonomie. Ein Gespräch über die offenbar mächtigen Motive, weiter zu rauchen, führt Nida-Rümelin nicht. Gefühle stehen dem Selbst gegenüber; demnach ist das Erste Distanz zu ihnen einzunehmen. Indem Gefühle in einen rationalen Grund überführt werden, gewinnen auch die Wünsche ethische Legitimität. Emotionale Bildung verschafft Wünschen und Gefühlen durch Gründe Raum. Dann entspricht Empathie nicht mehr nur einem eigenständigen Spüren, und Verkosten des Zustands der Freiheit, sondern Interpretation der Gründe, Zuschreibung von Überzeugungen und Gefühlen.

Andererseits zitiert Nida-Rümelin die Kleinkindforschung: „Geteilte Emotionen sind der Ursprung aller Bildung“; „Das Kognitive nimmt seinen Ausgangspunkt in geteilten Emotionen, da die Interpretation des anderen emotionale Gemeinsamkeiten voraussetzt.“ Die glückende Beziehung geht der sprachlichen Verständigung voraus. Hängt Bildung also primär an bewusster Vernunft, an Gründen, oder an der einfühlenden Verständigung, an vertrauensvollen Zuständen, die nur in tragfähigen Beziehungen auftreten?

Die systematische Sprache Nida-Rümelins verkürzt diese Phänomene. Die Empathie wirkt nachträglich angefügt, nicht ins Menschenbild integriert. Dem Rationalismus, der stoischen Distanz fehlt es an Sinn für die emotionale Tiefe, die Dramatik eines authentischen Bildungsprozesses. Das gilt auch für seine politische Sprache: sie ist klar, aber mässig im Ton, dem stoischen Ideal folgend. Dennoch stellt sein Buch einen wichtigen Beitrag zur Forderung einer humanen Bildung dar, Denn hinter der Unmenschlichkeit neoliberaler Bildung stehen massive Interessen, die ohne persönlichen Einsatz und politischen Kampf kaum zu umsteuern sind.

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