Buchauszug: Für ein besseres Miteinander V

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Meine Konversion Teil II

Als ich siebzehn war, entdeckte ich die Brieffreundschaften und schrieb in alle Welt hinaus, unter anderem nach Marokko. Diesen Brief schrieb ich aus der Tiefe meines Herzens. Ich wollte, dass dieser Mensch mich genauso wahrnahm, wie ich wirklich war und ich wollte unbedingt, dass mir dieser Mann zurückschrieb. Warum das so war, weiss ich bis heute nicht. Aber inzwischen sind wir seit über dreissig Jahren verheiratet!


Er erhielt 53 Briefe von Schweizerinnen und war ziemlich überrascht, als sie eintrafen. Seine Adresse hatte er nämlich bereits drei Jahre zuvor der Pro Juventute gegeben und dann nichts mehr gehört. Um nicht von Äusserlichkeiten beeinflusst zu werden, sortierte er alle Briefe mit Fotos aus und legte sie weg. Dann nahm er meinen Brief. Er gestand mir später, dass er am liebsten mit Rotstift mein Französisch korrigiert hätte. Aber mein Brief berührte ihn. Auch seine grosse Schwester fand, dieses Mädchen könnte nett sein. Nach nur sechs Briefen und einem halben Jahr Brieffreundschaft war ich hoffnungslos verliebt in diesen Mann. Er anscheinend auch in mich, denn er fragte mich, was ich dazu sagen würde, wenn er mir vorschlagen würde, ihn zu heiraten! Ich war baff! Und glücklich! Ich zeigte den Brief meiner Mutter und sie sagte: "Nun musst du ihm halt schonend beibringen, dass das nicht geht."

Ich verschwand im meinem Zimmer und tat das Gegenteil – aber das erzählte ich meinen Eltern erst ein halbes Jahr später, als mich mein Mann das erste Mal besuchen kam …


Von nun an wurden unsere Briefe immer länger. Mit dem Ziel eines gemeinsamen Lebens vor Augen wollten wir beide die Basis klären. Mein Mann wollte mich vom Islam überzeugen. Ich wollte, dass er Christ wird, denn ich war nach wie vor überzeugt von meinem Glauben.


So beschloss ich, den Islam kennenzulernen, und hoffte, mit dem neu erworbenen Wissen genügend Gegenargumente zu entwickeln. Nebst dem Koran las ich noch zwei französische Bücher über den Islam, die mir mein Mann geschickt hatte.

Bevor man konvertiert, muss man viele, aber ganz sicher zwei Fragen klären:

  1. Weshalb verlasse ich meine angestammte Religion?
  2. Weshalb will ich die neue Religion?

Und die Antwort darf nicht lauten, weil mein Mann es so will/weil es einfacher ist, wenn man gemeinsame Kinder hat! Oder weil ich mich in der Glaubensgemeinschaft besser aufgehoben fühle. Als gläubige Christin war mir bewusst – und als gläubige Muslimin ist mir immer noch bewusst –, dass ich eines Tages vor Gott stehe und vor Ihm meinen Glauben und meine Taten verantworten muss. Kein Ehemann und keine Glaubensgemeinschaft kann mir dann helfen! Mein Glaube ist eine Angelegenheit zwischen Gott und mir.


Sehr sorgfältig machte ich mich daran, Christentum und Islam miteinander zu vergleichen. Ich bemerkte, dass mich gewisse Passagen im Koran anrührten. Gott, der im Koran die Menschen in direkter Rede anspricht und uns ohne Vermittler nahe ist. Ganz besonders trafen mich die folgenden Worte:


Und wenn ihnen gesagt wird: "Kommt her zu dem, was von Gott herabgesandt wurde, und kommt zu dem Gesandten" sagen sie: "Uns genügt das, wobei wir unsere Väter vorfanden." Und selbst (dann,) wenn ihre Väter kein Wissen hatten und nicht auf dem rechten Wege waren! (5/104)

Sprich: "Sagt mir, wenn dies (der Koran) nun aber von Gott stammt, und ihr lehnt es ab, …"(46/10)


Ja, was dann? Was, wenn der Koran wirklich eine Offenbarung von Gott war? Konnte ich es verantworten, den Koran einfach so abzulehnen, indem ich die Religion meiner Vorfahren unhinterfragt übernahm? – Wenigstens theoretisch musste ich die Überlegung in Betracht ziehen, dass der Koran von Gott stammen könnte.

Ich stellte überrascht und beunruhigt fest, wie meine Überzeugung, dass das Christentum die einzige wahre Religion sei, ins Wanken geriet. Bis dahin nahm ich – wie die meisten Leute – ganz selbstverständlich an, dass die Religion, in der ich aufgewachsen war, automatisch auch die richtige sei. Nun begann ich das allmählich zu hinterfragen.


Gekürzter Auszug aus: Fouzi, Esther. Für ein besseres Miteinander. Eine Muslimin lädt zum Gespräch. Frankfurt: R.G. Fischer Verlag, 2014
ISBN: 978-3-8301-9789-8, www.besseresmiteinander.com


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