Buchauszug: Für ein besseres Miteinander II

Gekürzter Auszug aus: Fouzi, Esther. Für ein besseres Miteinander. Eine Muslimin lädt zum Gespräch. Frankfurt: R.G. Fischer Verlag, 2014
ISBN: 978-3-8301-9789-8

1. Veränderungen

Es ist der 6. Dezember 2009. Ich sitze auf dem Sofa und betrachte fassungslos das Ergebnis der Abstimmung. Die Minarettinitiative wurde tatsächlich angenommen! Mein Asthma, das ich aufgrund einer Bronchitis habe, verschlimmert sich schlagartig. Ich verstehe, was mein Körper mir sagt: jetzt wird's eng. Es wird eng für uns Muslime hier in der Schweiz.
Wie konnte es zu solch einem Ergebnis kommen?


Natürlich habe ich die gehässige Stimmung bemerkt im Vorfeld. Politische Scharfmacher argumentierten nicht mit Zahlen – vier Minarette geben ja nicht viel her, da hilft höchstens noch die Statistik, wie schnell sie sich im Laufe der Jahre vermehrt haben und allenfalls eine Hochrechnung für die nächsten 10 Jahre – nein, sie argumentierten mit Gefühlen.
Und sie warnten, das Minarett sei nur der Anfang auf dem Weg zur Einführung der Scharia und man müsse den Anfängen wehren. In der „Schweizerzeit" war zu lesen:

"Das Minarett ist vielmehr Symbol jenes religiös-politischen Macht- und Herrschaftsanspruchs, der im Namen behaupteter Religionsfreiheit eine andere Rechtsordnung – das Scharia-Recht – durchsetzen will. Scharia-Recht verneint die Gleichheit aller vor dem Gesetz, unterwirft die Frau der Zwangsehe, erlaubt die Verheiratung Minderjähriger, postuliert ein persönliches Recht auf Rache, unterscheidet – etwa auf Friedhöfen – zwischen „Reinen" und „Unreinen" usw."

Während das Minarett von uns Muslimen hierzulande immer nur als architektonisches Beiwerk einer Moschee gesehen wurde, belehrte man uns nun, dass es ein Symbol der Macht sei, damit würden die Muslime die eroberten Gebiete bestücken.

Wie bitte? Habe ich den Einmarsch irgendeines muslimischen Heeres verpasst? Nein, aber die schleichende Unterwanderung der Schweiz durch Muslime! – Tatsächlich? Ich dachte immer, diese Leute seien hergeholt worden, weil man Arbeitskräfte brauchte, oder seien hierher geflüchtet vor den Kriegswirren im eigenen Land; ich wusste nicht, dass sie gekommen sind, um die Schweiz zu islamisieren.


Es gibt sogar ein Aktionskomitee „Gegen die strategische Islamisierung der Schweiz". Als ich das erste Mal davon in einer Zeitschrift las, musste ich wider Willen lachen. Nie im Leben habe ich unter den Muslimen von einer solchen Strategie gehört. Wir haben ja lange nicht einmal eine Strategie gehabt, wie wir uns selber organisieren sollen.

Sie finden das seltsam? – Es ist aber tatsächlich so. Erst auf Initiative der Behörden wurden systematisch Organisationen gegründet. Die fehlende Hierarchie und die dezentralen Strukturen machten es nämlich für die Schweizer Behörden schwierig, an „die Muslime" zu gelangen. So schlossen sich in einem ersten Anlauf schweizweit ein paar Organisationen zusammen und später gab es kantonale Dachverbände, die sich ihrerseits wieder zusammenschlossen.

Doch auch mit diesen Organisationen sind noch längst nicht alle Muslime erfasst. Bis heute gibt es keine zentrale Stelle, wo jeder Einzelne registriert wäre. Es ist nämlich freiwillig, ob sich jemand einer Moschee anschliesst, und es ist auch freiwillig, ob sich diese Moschee einem kantonalen Dachverband anschliesst, und ebenso freiwillig, ob sich ein kantonaler Dachverband mit den andern zusammenschliesst. Mit anderen Worten, die Muslime haben absolut keine Übersicht über sich selber. Angesichts dieses Zustandes ist die Anschuldigung, die Muslime hätten eine Strategie zur Islamisierung der Schweiz ... – nun ja, schon fast eine Ehre!

Es gehe darum, ein Zeichen zu setzen mit einem Nein zu Minaretten. Ich war die ganze Zeit der Meinung, dass nicht einmal diejenigen, die das verkündeten, an ihr Konstrukt glaubten, sondern einfach als Partei im Gespräch bleiben wollten. Sozusagen den Bürgern durch umtriebigen Aktivismus und Provokationen auffallen wollten. Und dass das gebildete, von verschiedenen Seiten her informierte und zu eigenem Denken befähigte Schweizer Volk dies alles durchschaut.

Tja, da hatte ich mich getäuscht! Das Ergebnis lässt nun zwei Schlüsse zu: Entweder hat die Mehrheit wirklich daran geglaubt und deswegen mit Ja gestimmt. Oder viele Leute haben die Nase gestrichen voll von Islam und Muslimen und auf diese Weise mit uns abgerechnet. Wahrscheinlich beides. Auch wenn ich das teilweise nachvollziehen konnte, fühlte mich verletzt und traurig. Was mir wirklich zu schaffen machte, war nicht, dass uns jetzt die Minarette verwehrt sind; natürlich können wir auch ohne sie beten. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn die Schweizer gesagt hätten, diese Architektur passt nicht hierher; ich weiss, dass hier sehr restriktive Bauvorschriften herrschen. Nein, das Schlimme war, dass es diesmal gezielt gegen eine Religionsgemeinschaft ging. Gegen uns Muslime, trotz gegenteiliger Wortbekenntnisse. Nur islamische Türme sind tabu. Oder haben Sie jemals gehört, dass die McDonald's Säulen die Vorhut eines amerikanischen Imperialismus seien?- Nein, natürlich nicht.

Was ist nur los? Was ist geschehen, dass man uns so hasst? Das habe ich mich gefragt. Früher war alles viel friedlicher. Meine Konversion liegt lange zurück. 1983. Das war im letzten Jahrhundert, ja, im letzten Jahrtausend! In dieser Zeit war der Islam noch kein Reizwort, mit dem die Zeitungen die Aufmerksamkeit der Leser sicherstellten. Als meine Entscheidung vier Jahre nach der Konversion durch das Tragen des Kopftuches sichtbar wurde, erntete ich im besten Falle Komplimente für mein gutes Deutsch und im schlimmsten Falle mitleidige oder verächtliche Blicke. Durch die zugewanderten Muslime wurden die Europäer vielfach mit einem Islambild konfrontiert, das mit der eigentlichen Religion nicht viel zu tun hatte. Der Islam stand für unterdrückte Frauen, deswegen die mitleidigen Blicke. Das konnte ich aushalten. In den Jahren danach wuchs langsam das öffentliche Interesse. Interreligiöse Gespräche wurden abgehalten. TV und Zeitschriften wollten Diskussionen und Interviews. Und wir Muslime wollten beweisen, dass die muslimische Frau nicht unterdrückt wird, also machten wir eifrig mit.

Dann aber passierte der 11. September 2001.

Und plötzlich wurden wir Muslime kollektiv für den Terror verantwortlich gemacht. Es gab zwar früher schon durch Muslime begangene Flugzeugentführungen; aber nie zuvor wurde damit ein Anschlag verursacht mit einer solch riesigen Anzahl von Opfern. Ich spürte nun etwas anderes in den Blicken: Misstrauen, Hass, Abscheu. Durch das Kopftuch war ich ja sichtbar „eine von denen".


Durch die von Muslimen verübten Terroranschläge in den Jahren darauf zementierte sich dieser Eindruck in der Bevölkerung. Islam und Muslime = gefährlich. Es gab Tage, da ging ich nicht gerne aus dem Haus. Es waren die Tage nach den Terroranschlägen. Ich hoffte immer bis zuletzt, dass sie nicht von Muslimen verübt worden waren. Aber allzu oft waren es Muslime, und ich konnte die Feindseligkeit der verunsicherten Bevölkerung spüren. Nicht, dass ich darauf angesprochen worden wäre. Aber Blicke können auch reden und am liebsten hätte ich herausgeschrien: „Mein Glaube hat doch mit diesen verdammten Terroristen nichts zu tun!"

Im Angesicht der Fremden
Buchauszug: Für ein besseres Miteinander I

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