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In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Buchauszug: Für ein besseres Miteinander III

Gekürzter Auszug aus: Fouzi, Esther: Für ein besseres MIteinander. Eine Muslimin lädt zum Gespräch. Frankfurt: R.G. Fischer Verlag, 2014.

ISBN: 978-3-8301-9789-8

2. Verhärtete Fronten

Sogenannte Experten machten sich daran, die Gewalt als einen dem Islam innewohnenden Faktor zu bezeichnen. Kein Wunder, wenn die Bomben legen, der Koran befiehlt ja die Gewalt! Eiligst wurden ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Koranverse angeführt, um die Anschuldigung zu untermauern. Und viele Menschen, die den Islam nicht kannten, glaubten es. Angst begann sich breitzumachen. Und wie ein Krebsgeschwür wurde sie immer grösser, wuchs mit jedem Terroranschlag, wuchs mit jedem Krieg in den islamischen Ländern und wächst nach der kurzen aufkeimenden Hoffnung, der arabische Frühling könnte den islamischen Ländern Demokratie und Freiheit bringen, wieder weiter, denn die Diktaturen wurden nur von anderen Diktaturen abgelöst, mit islamischer Etikette zwar, aber genau gleich unterdrückend. Die Lehre, die aus der Entfernung daraus gezogen wird, schürt die Angst noch weiter: Der Islam ist eine Bedrohung, sogar die Muslime leiden darunter!

Im kollektiven Unterbewusstsein ist vielleicht auch noch die Angst der früheren und jüngeren Geschichte verankert: Die Kämpfe um Jerusalem, die Ausbreitung des islamisch regierten Osmanischen Reiches bis vor die Tore Wiens, die Umwandlung des Iran in einen unfreien Gottesstaat, die Schreckensherrschaft der Taliban, deren Verständnis des Islam sich in der gewaltbereiten Anwendung der Kriegsverse gegen Zivilisten zu erschöpfen scheint. Und neuerdings auch noch ISIS …

Ein anderer Teil der Angst vor dem Islam hat aber leider mit dem unrühmlichen Verhalten gewisser Muslime in der Schweiz zu tun.

Zuerst möchte ich aber in fettgedruckten Buchstaben festhalten:

Die Mehrheit lebt unauffällig und angepasst mitten unter uns.

Diejenigen, die es nicht tun, „schaffen" es in die Medien – reisserische Artikel verkaufen sich einfach besser. Leider neigen die Konsumenten der Berichte dazu, von Einzelbeispielen ausgehend zu verallgemeinern.

Der Ehemann, der seine Frau schlägt, wenn sie nicht gehorcht.

Der Vater, der seine heimlich mit einem Mann befreundete Tochter umbringt wegen der „Familienehre".

Die Familie, die ihre Tochter in den Ferien im Heimatland zwangsverheiratet.

Die Familie, die ihre Tochter in den Ferien im Heimatland beschneiden lässt.

Der unverhältnismässig hohe Anteil muslimischer Männer, die – zwar nicht im Namen Gottes, aber doch – kriminell werden.

Ja, solche Dinge geschehen, das will ich nicht schönreden. Aber sie geschehen gegen den Islam und sind auch nicht Praxis der Mehrheit der Muslime. Ich komme im 3. Teil dieses Buches ausführlich darauf zu sprechen.

Natürlich resultieren aufgrund dieser Berichte dann Klischees wie „alle sind doch gleich". Die wenigsten Nichtmuslime besitzen genügend Wissen über den Islam, um zu differenzieren zwischen der Theorie der Religion und der Praxis gewisser Anhänger. So werden der Islam und mit ihm die Muslime sowohl auf der Weltbühne als auch „zu Hause" als problembeladen wahrgenommen.

Verständlich, dass man sich dagegen wehren will, dass sich der Islam hier in Europa ausbreitet. Ich verstehe aus diesem Blickwinkel heraus die Angst sehr gut. Was mich aber stört, ist, dass man die Angst nicht ehrlich als solche benennt, sondern eine Stellvertreterdiskussion führt und noch weiter Ängste schürt. Uns werden Dinge unterstellt, die wir gar nicht getan haben – wie Scharia einführen –um uns dann Dinge zu verbieten, die damit gar nichts zu tun haben (Minarette, Burka).

Mit dem Minarettverbot und dem Burkaverbot will man an den hier lebenden Muslimen ein Exempel statuieren, und lässt ausser Acht, dass diese Menschen die weltweiten Entwicklungen weder beeinflusst noch mitgetragen haben.

Kann das wirklich die Lösung sein gegen die allgemeine Angst? Die Muslime sind ja immer noch hier, auch nach dem Nein zu Minaretten. Wird mit Restriktion ein besseres Zusammenleben erreicht?

Die Schweizer, welche die Initiative lanciert haben, sind sich nicht bewusst, wie ihre Kampagnen auf die Mehrheit der Muslime wirken, die ruhig und friedlich hier leben und einfach nur dazugehören wollen. Die Muslime in der Schweiz planen keine Eroberung, sie planen weder die Einführung der Scharia noch wollen sie eine Zwangsheirat oder Zwangsverhüllung der Frauen einführen. Wissen Sie was? So wie die Scharia in den sogenannt islamischen Ländern angewandt wird, macht sie sogar mir als Muslimin Angst, und ich glaube, ich bin nicht die Einzige!

Nein, die Muslime hier wollen einfach nur leben und arbeiten und anerkannt werden.

Manchmal reicht es schon, Muslim zu sein, um als Terrorist verdächtigt zu werden. Ein Schüler von mir musste sich nach Terroranschlägen von seinem Lehrer anhören, er sei als Muslim doch auch ein Terrorist!

Sogar islamische Frauengruppen werden durchleuchtet. Ich hatte eines Tages plötzlich Besuch von einem Polizisten und wurde zu den Aktivitäten der Frauengruppe befragt, bei der ich zehn Jahre zuvor die Öffentlichkeitsarbeit betreute. Auch wenn ich Verständnis dafür habe, dass alles unternommen werden muss, um Terroranschläge zu verhindern, frage ich mich doch, ob tatsächlich jemand glaubt, wir würden Bomben basteln bei unseren Treffen. Es tut weh, verdächtigt zu werden. Mit der Zeit untergräbt es die Motivation, sich auf die Gesellschaft einzulassen; man ist geneigt, sich zurückzuziehen in die eigene Gemeinschaft. So entstehen Ghettos.

Viele Muslime haben auch nicht bemerkt, wie sie benutzt wurden, um die Vorurteile gegen sie noch zu zementieren. Nachdem der Islam aufgrund der vorhin aufgezählten Taten bereits unbeliebt war, setzten gewisse Leute alles daran, dies die Öffentlichkeit auch ja nicht vergessen zu lassen. Die folgenden Dinge sind zwar nicht in der Schweiz geschehen, aber sie haben auch das Denken hierzulande beeinflusst:

2004 kritisierte der Film Unterwerfung vom niederländischen Regisseur Theo van Gogh die angeblich vom Koran vorgeschriebene Unterdrückung der Frauen. 2005 sorgten die Muhammad-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten für Empörung, 2006 drehten junge Vertreter der dänischen Volkspartei einen Film, bei dem sie selber einen äusserst primitiven Muhammad-Zeichnungswettbewerb veranstalteten, 2011 lancierte das französische Satireblatt Charlie Hebdo eine Scharia-Ausgabe mit dem Propheten als Chefredaktor, 2012 schockierte der Film Innocence of Muslims von einem in den USA lebenden ägyptischen Kopten die muslimische Welt.

Die Muslime wurden also mit verleumderischen und primitiven Hetz-Aktionen provoziert und viele reagierten genauso vorhersehbar, wie es das ungeschriebene Drehbuch der Macher dieser Kampagnen von ihnen verlangte: sie diskreditierten sich mit gewalttätigen Protesten, bei denen sogar Menschen starben. Somit war wieder einmal bewiesen, dass die Muslime die „Bösen" waren. Allerdings stelle ich in letzter Zeit mit Bitterkeit fest, dass solche Aktionen gar nicht mehr nötig sind, um den Islam in ein schlechtes Licht zu rücken; dafür sorgen viele Muslime schon selber: in den meisten islamischen Ländern herrschen Unterdrückung, Gewalt und Bürgerkrieg.

Dass man auch anders als gewalttätig reagieren kann, bewies die marokkanische Professorin Hind Essayegh von der Universität Montgomery in den USA. Sie drehte einen Dokumentarfilm über das Leben des Propheten Muhammad.Leider wurde darüber in den hiesigen Medien nicht berichtet.

Die ägyptische Zeitung Al Watan hat ebenfalls Einfallsreichtum bewiesen, indem sie nach dem Hetzfilm eine 12-seitige Sonderbeilage veröffentlichte, in denen Cartoons waren, welche die westliche Sicht auf den Islam auf die Schippe nehmen.

Ebenfalls ein schönes Beispiel, alternativ zu reagieren, ist die Kampagne von StyleIslam.com. Während des Aufruhrs um die Muhammad-Karikaturen produzierte der in Deutschland lebende Gründer Melih Kesmen ein T-Shirt mit dem Spruch „I love my prophet".

Inmitten der gewalttätigen Proteste setzten all diese Menschen still und leise ein Zeichen, wie es auch anders möglich wäre. Und zeigten der Welt viel klarer, wie sehr die Muslime ihrer Religion und ihrem Propheten verbunden sind. Vielleicht kann dadurch sogar der eine oder andere Nichtmuslim nachvollziehen, warum die Muslime so verletzt waren.

Ich bin deshalb so ausführlich auf diese Vorkommnisse eingegangen, weil sie exemplarisch aufzeigen, wie sich Reaktion und Gegenreaktion hochschaukeln können und weder Nichtmuslime noch Muslime unschuldig sind am heutigen Zustand der verhärteten Fronten. Ebenfalls wird deutlich, wie ein Kampf der Kulturen herbeibeschworen werden kann, wenn einerseits die Meinungs- und Pressefreiheit missbraucht wird, um schamlos zu verleumden und andererseits die Medienberichte mit ihrer Konzentration auf ein Geschehen und mit suggestiven Ausdrücken die öffentliche Wahrnehmung einseitig beeinflussen.

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