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In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Warum die Bolognareform die Demokratie beschädigt

Auf dem Dies academicus der Universität Bern am 5.12. hat der Erziehungsdirektor in einer schwungvollen und prinzipienfesten Rede darauf bestanden, dass liberale Bildungspolitik beim Vertrauen zu den jungen Leuten und ihren Entscheidungen beginne. Er distanzierte sich von einem Vorstoss der Nationalräte Amstutz und Keller vom März, die mittels Zulassungsbeschränkungen junge Leute nötigen möchten, einen Lehrberuf zu ergreifen oder, wenn sie studieren, statt Geisteswissenschaften die Ingenieursfächer zu belegen.

Danach gefragt, wie sich denn die Anwendung seiner liberalen Grundsätze mit der Bolognareform vertrage, gestand Bernhard Pulver den Konflikt der Prinzipien sofort.


Im Oktober konnten wir diese Fragen mit Jochen Krautz („Ware Bildung", 2006) und Bruno Moretti diskutieren. Herr Moretti sagte mir, Bologna sei nun das gegebene System, das nicht mehr zur Debatte stünde. Es könne nur darum gehen, es pragmatisch zu verbessern. Ich halte dagegen: Jede universitäre Bildung hat sich vor den kategorischen Werten der Aufklärung – Ausgang aus der Unmündigkeit, Instrumentalisierungsverbot – zu rechtfertigen. Daran lässt die Universität Bern es fehlen.


1. Wenn Bildung als Markt organisiert wird, mit Punkten als Währung – ist der_die Student_in gezwungen, zu fragen: Wo kriege ich sie am billigsten? Diese Frage ist Gift für das Neugierdeverhalten. Dieses aber ist der Lebensnerv nicht nur der Wissenschaft, sondern auch von mündiger Charakterbildung und demokratischer Mitverantwortung.


2. Herr Moretti sagte mir, die Universität brauche kein Menschenbild, die humanistischen Werte seien ja ohnehin selbstverständlich. Stimmt das? Wenn der Jugend nur Anpassung und Flexibilität als Zielbild ihres Werdens vor Augen gestellt werden und Werte wie Distanzfähigkeit, Kritikfähigkeit, politische Verantwortung und menschlicher, auch emotionaler Reife nicht ebenso ausdrücklich gestärkt werden – dann entsteht faktisch das Leitbild eines modulartigen Molchmenschen, eines leicht manipulierbaren Wesens ohne Rückgrat. Die Universität Basel hat diese Werte noch im Leitbild, leider ohne sich in ihrer Strategie auf sie zu beziehen. Die Universität Bern hat das Bekenntnis zu diesen Werten unter Rektor Urs Würgler ersatzlos entsorgt. Sollen wir wirklich glauben, dass die Werte der Aufklärung und des Humanismus dadurch keinen Schaden genommen haben?


3. Jede Bildungsanstrengung impliziert ein Zielbild des Menschen. Wenn wir die aufklärerische Mündigkeit ernst nehmen, sind diese Zielbilder diskurspflichtig. Sie unterliegen der republikanischen, öffentlichen Debatte. Es geht nicht an, dass eine Bildungsinstitution wie die Universität Bern kein Menschenbild formuliert und dass die Eigendynamik des Menschen, das Werden seiner Haltung, sein Reifen in ihrer Strategie keine Rolle spielt.


Gern weise ich auf unsere Tagung Welche Bildung braucht die Wirtschaft? hin. Wenn die Wirtschaft versteht, dass die wirtschaftsförmige, auf Tempo und Effizienz getrimmte Bildung, die in ihrem Namen gefordert wird, ihr gar nicht dient – dann könnte ein politischer Hebel daraus werden. In Bern z.B. sehen fünf Jahre VWL- oder BWL-Studium keine einzige Stunde Ethik vor – aber, wie man hört, wirkt sich fehlende Ethik auf den Erfolg eines deutschen Autobauers durchaus negativ aus. Die Ausschreibung ist unter www.aki-unibe.ch, Tagung Bildung und Wirtschaft, leicht zu finden.

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