Joe M.

Bloss das freundliche Gesicht?

In der Volksabstimmung vom 18. Mai 2014 nahm das Schweizer Stimmvolk die Pädophilen-Initiative mit 63,5 Prozent an. Personen, die wegen Sexualdelikten an Kindern oder abhängigen Personen verurteilt wurden, sollen nie mehr eine berufliche oder ehrenamtliche Tätigkeit mit Minderjährigen oder Abhängigen ausüben dürfen – unabhängig von den Umständen des Einzelfalls. Die Forderung der Stimmbürger war eindeutig: Kein Pardon für Pädosexuelle. Hat diese Botschaft auch die katholische Kirche erreicht? Papst Franziskus rief zu härteren Sanktionen gegen pädophile Priester auf und muss dabei gegen starre Dogmen und Traditionen kämpfen. Gelingt es Bergoglio als Pontifex die Kirche zu reformieren und sie mit der Gesellschaft zu versöhnen?

Seit mehreren Jahrzehnten beunruhigt den Vatikan vor allem ein Thema: Die Familie und damit auch alles rund um Fortpflanzung und Sexualität. Während die Kirche beim Thema Sexualität eisern an ihrer Doktrin festhält, schweigt sie beharrlich, sobald sie die Kindermissbrauchsfälle erklären soll, die sich in ihren Reihen abgespielt haben. Das Schweigegesetz, ein Stützpfeiler der kirchlichen Kultur, dient der Kirche als Schutzschild. Nichts konnte den Willen der Kirche erschüttern, die Pädophilie-Fälle in den eigenen Reihen zu vertuschen. Dabei wussten die Kirchenoberen seit 1985 von dem drohenden Skandal. Thomas Doyle, Anwalt in der Botschaft des Vatikans in Washington, verfasste mit zwei Prälaten einen Bericht, in dem er aufdeckte, dass 3'000 der amerikanischen Priester pädophil seien. Die Autoren des Berichtes appellierten an die Bischöfe, die Täter nicht mehr zu decken und die Opfer zu unterstützen. Sie legten sogar nahe, das Zölibat in Frage zu stellen. Doch man liess Gras über den Bericht wachsen.

Der erschreckende Fall des Paters Lawrence Murphy, der 200 gehörlose Kinder missbraucht hatte, führte zu einer geheimen Untersuchung in dieser Erzdiözese. Die Sache wurde nach Rom, dem damaligen Kardinal Ratzinger, gemeldet. Niemand bestritt die Fakten. Alles, was die gehörlosen Opfer wollten, war, dass dieser Mann nicht weiter Priester sein dürfe. Aber Kardinal Ratzinger tat nichts, er liess ihn unerkannt weiterarbeiten als Priester in anderen Gemeinden im Staat Wisconsin.

Von den USA aus schwappte die Skandalwelle nach Europa über, wo das Ausmass der Missbrauchsfälle so gross war, dass selbst die Regierungen Rechenschaft forderten. Der Vatikan zog es hingegen vor, die beschuldigten Geistlichen weiterhin zu schützen, anstatt die Justiz tätig werden zu lassen. Es war auch nicht zu erkennen, dass die Bischöfe und Kardinäle sich wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig fühlten weil sie nicht dagegen vorgingen. Sie erweckten vielmehr den Eindruck, Mitleid mit den Priestern zu haben, die blossgestellt wurden. Öffentlich die Vergehen eines Priesters einzugestehen könnte die Institution schwächen, denn Priester sind die Grundpfeiler der Kirche – ohne sie gäbe es keine Kirche.

In der katholischen Kirche kann man als verheirateter Mann nicht Priester sein; man kann als Frau kein Priester sein und wer homosexuelle Paare segnet, darf auch kein Priester sein – aber als Kinderschänder kann man sehr wohl Priester sein! Solange das so bleibt, ist Papst Franziskus bloss das freundliche Gesicht eines von Macht und Arroganz geprägten, alten Systems.

Buchauszug: Für ein besseres Miteinander I
Am Vorabend der Apokalypse

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