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In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Blogbeitrag zum Jahreswechsel - Zeit für ein persönliches "Jüngstes Gericht"

Wie die Christen glauben auch die Muslime an ein Jüngstes Gericht und die Wiederauferstehung. Wurden diese Verheissungen früher oft zur Angstmacherei eingesetzt, um Gehorsam gegenüber der Kirche, der Religion oder sogar den Eltern zu erzwingen, möchte ich den Blick diesmal auf einen anderen Aspekt lenken und zwar, weil ich es erstens falsch und kontraproduktiv finde, dass ein drohender und strafender Gott der Kern der Lehre sein soll; im Gegenteil, Gott erwähnt ja im Koran, dass Er will, dass die Menschen zurück zu Ihm ins Paradies gelangen und aus diesem Grund Propheten und Bücher sandte, damit sie die Menschen zum Wohlergehen im Diesseits und Jenseits anleiten. Natürlich wird im Koran auch vor der Hölle gewarnt, aber nicht mit der Absicht, dass wir leichter zu manipulieren sind, sondern weil Gott ja eben nicht will, das wir diese Konsequenz erleiden müssen. Zweitens, finde ich, entgeht uns auf diese Weise der Sinn unseres Lebens. Gott „zufriedenzustellen" und sich das Paradies zu „erarbeiten" mit punktgenauer, sturer und unüberlegter Befolgung von allen Regeln, Pflichten und Verboten ist ein Glaubensverständnis und Gottesverständnis auf sehr niedrigem, unzulässig reduzierendem Niveau. Religion hiess lange Vermeidung: Wie schaffen wir es mit einem Minimum von Aufwand, gerade noch so knapp an der Hölle vorbeizuschrammen und der Bestrafung zu entgehen.

Es wird Zeit, dass wir uns von dieser Kleinkindsicht verabschieden und uns auf die positive Seite im Koran konzentrieren, in dem wir Gottes Fürsorge, Seine Barmherzigkeit und Liebe wahrnehmen. Es hat einen Grund, dass wir auf dieser Erde sind und den Kampf zwischen Gut und Böse in jedem Moment im Herzen und oft genug mit Mitmenschen, sei es in Friedenszeiten oder im Krieg, austragen. Der Konflikt zwischen unserem Egoismus (Selbsterhaltungstrieb), welcher nützlich ist, solange er sicherstellt, dass wir uns um die Bedürfnisse unseres Körpers kümmern, aber leider zu Übertreibung neigt und sich dann in Geiz und Gier äussert, sowie zwischen den anderen Menschen und den Tieren und der Umwelt, welche ebenfalls ihre Bedürfnisse haben, beschäftigt uns das ganze Leben lang. Die Erde ist ein Ort des Lernens, und wir haben viel zu lernen: über Gott und die Schöpfung, welche mannigfach auf Ihn hinweist, über die Mitmenschen und vor allem über uns selber. Die vorhin erwähnten Pflichten und Verbote sind dabei nur Hilfsmittel, uns zu mässigen, damit der ganzen Gesellschaft wohl sein kann und wir uns in diesem befriedeten Rahmen auf Gott und unsere Beziehung zu Ihm konzentrieren können.


Und nun möchte ich auf ein wesentliches Merkmal in diesem Lernprozess eingehen: der Selbstkritik. Das Jüngste Gericht ist die Beurteilung durch eine Höhere Macht, allerdings mit Einbezug sämtlicher Erinnerungen des Menschen:

  • Und einem jeden Menschen haben Wir (Gott) seine Taten an den Nacken geheftet; und am Tage der Auferstehung werden Wir ihm ein Buch herausbringen, das ihm geöffnet vorgelegt wird: „Lies Dein Buch. Heute genügt deine eigene Seele, um die Abrechnung gegen dich vorzunehmen." (Koran, 17/13-14)
  • Wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Gutes tut, der wird es dann sehen. Und wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Böses tut, der wird es dann sehen. (Koran 99/7-8)

Die Selbstkritik hingegen ist eine Beurteilung von uns selbst. Wohlgemerkt, Kritik nicht im Sinne von sich selbst geisseln, sondern im Wortsinn „Beurteilung". Das schliesst das Gute ebenso ein wie das weniger Erfreuliche. Was würde sich dazu besser eignen als ein Zeitmarker wie die täglichen Gebete, der eigene Geburtstag oder eben der Jahreswechsel. Während die Medien meist nur einen Rückblick auf die Ereignisse machen, sollten wir Menschen diesen Rückblick ins persönliche Leben noch bereichern, indem wir uns die Frage stellen: waren unsere Taten oder Reaktionen auf Ereignisse gut, richtig, verantwortbar? Oder hätten wir besser anders gehandelt? Was hätten wir besser machen können? Gott sagt im Koran, dass wir immer wieder geprüft werden. Diese Prüfungen sind Lerngelegenheiten:

  • Sehen sie denn nicht, dass sie in jedem Jahr einmal oder zweimal geprüft werden? Dennoch bereuen sie nicht und lassen sich nicht ermahnen. (Koran, 9/126)

Haben wir diese Prüfung bewusst wahrgenommen, oder wird es Zeit, dass wir sie wenigstens im Rückblick erkennen? Was konnten/können wir daraus lernen? - Wo gibt es Grund, sich bei jemanden zu entschuldigen? Wo gibt es Grund, Gott um Verzeihung zu bitten? Wo wäre es angemessen, anderen zu verzeihen? Was an uns oder in unserem Leben wollen/müssen wir verändern? Im Gegensatz zum Jüngsten Gericht, wo alles abgeschlossen ist, haben wir bei dieser Selbstbeurteilung noch Gelegenheit, etwas zu verändern. Das Leben ist ein Geschenk, von dem wir nicht wissen, wie lange es dauert. Auf einem Kalenderspruch habe ich einmal gelesen, wir können es nicht verlängern und nicht verbreitern, sondern nur vertiefen.

Nutzen wir die wunderbare Gelegenheit, unser Leben neu auszurichten. Nutzen wir das neue Jahr, den neuen Tag, die neue Stunde, um unser Leben dankbar und freudvoll zu gestalten und die Beziehung zu Gott und den Menschen zu stärken. Damit wäre dann auch ein erster Schritt Richtung Weltfrieden gemacht, den wir vergangenes Jahr immer mehr verloren haben...

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein gesegnetes, lehrreiches, gesundes und wundervolles Neues Jahr!

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