Thomas Philipp

Blogbeitrag: Drei Fragen an...

Psycholog(inn)en der Universität Heidelberg zeigten, dass das Bologna-System mehr Stress für die Studierenden verursacht. Macht das neue Hochschulsystem krank?
Diese Frage ist charakteristisch für unsere Zeit. Doch interessanter zu wissen wäre doch eher: „Tut unsere Bildung gut?“ Nehmen wir ein dreijähriges Kind als Beispiel. Es ist sehr neugierig, es will alles kennenlernen, die Eltern können es kaum zurückhalten. Wenn das Kind lernt und selbstständig Schritte machen darf, dann freut es sich. Bildung macht glücklich. Die Universitäten sollten sich mehr für die Studierenden interessieren und mit ihnen reden. Es reicht nicht, einzelne Vorlesungen zu evaluieren. Wichtige Aspekte der menschlichen Entwicklung wie ein frohes, lebendiges Heranreifen haben sich völlig von unserem Bildungssystem abgekoppelt, das nur noch auf das Abfüllen von Wissen aus ist. Zudem hat der Druck auf die Studierenden zugenommen: Man lässt ihnen weniger Platz als früher.

Wie können die Studierenden ihre Freiräume zurückgewinnen?
Manche finden auch im neuen Hochschulsystem Freiräume, indem sie sich beispielsweise für einfache Prüfungen weniger gründlich vorbereiten und die gewonnene Zeit anders nutzen. Die Studierenden suchen zudem verstärkt Nischen, in denen sie selbst etwas gestalten können. Bei uns im Akademikerhaus bieten wir eine solche Nische, in welcher sie sich kreativ betätigen und eigene Ideen umsetzen können. Das Bedürfnis ist gross, selbst etwas zu gestalten und nicht immer nur auf die Fragen anderer zu reagieren.

Ist Hochschulbildung nicht auch dazu da, Berufsleute auszubilden, die in der Wirtschaft eingesetzt werden können?
Natürlich brauchen wir gut ausgebildete Leute. Wir können aber nicht wirtschaftliche Interessen gegen unsere Bedürfnisse ausspielen. Wir brauchen Berufsleute, die mit Verantwortung und auch mit Scheitern umgehen können. Diese gewinnt man nicht, indem man kurzfristig so viel Wissen wie möglich aufnimmt, nur um es wieder zu vergessen. Der Begriff „Bulimie-Lernen“ sagt alles: Studierende „fressen“ Wissen für bevorstehende Examen und spucken es drei Tage später wieder aus. Es fragt sich, ob Studierende, die sich immer nur an die Anforderungen des Studiums anpassen mussten und keine Zeit hatten, um sich politisch oder sozial zu engagieren, im späteren Berufsleben Verantwortung übernehmen können. Belastbarkeit und Kommunikationsfähigkeit eignet sich der Mensch beim Heranreifen an.


 

Interview: Joël Frei, erscheinen in psychoscope 11 / 2014

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