Thomas Philipp

Bildung – oder bloss Ausbildung?

Ein Besuch auf der Homepage der Universität Basel

Ohne Ziel engagiert sich niemand. Jede Bildungsanstrengung setzt ein Zielbild voraus, wie der Mensch sein soll. Nach diesem befragt, gibt die Homepage der Basler Universität eine doppelte Antwort.

Im Leitbild von 1993 heisst es:„Die Universität Basel fördert die Entwicklung von kritikfähigen und toleranten Menschen, die imstande sind, Initiative zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Sie setzt sich zum Ziel, ihnen Vertiefung ihrer Bildung und fachbezogene wissenschaftliche Aus- und Weiterbildung zu ermöglichen. Die Universität ... lässt sich vom Prinzip der Sinnhaftigkeit und nicht der Machbarkeit leiten. Die Universität ist sich der Verpflichtung bewusst, die durch Wissen entsteht. Sie kommt ihr nach durch kritische Reflexion"

21 Jahre tauchen in der Strategie Menschen, die sich selbst entwickeln, nicht mehr auf. Unter dem Titel „Eine an Lernergebnissen orientierte Bachelor- und Masterstufe" heisst es: „In der Verteilung der Ressourcen stehen die Sicherung vertretbarer Betreuungsverhältnisse und eine konsistente Gestaltung der Lehre entlang des universitären Profils im Vordergrund. Die forschungsgestützte Lehre steht im Mittelpunkt ... Bachelor- und Masterprogramme werden im Hinblick auf ein inhaltlich attraktives, qualitativ hochstehendes Studienangebot weiterentwickelt und auf die Lernergebnisse ausgerichtet."

Zwischen den beiden Texten liegen Welten. Der erste setzt beim jungen Menschen an, seiner Kritikfähigkeit, seiner Fähigkeit, Distanz zu nehmen und sich eine Meinung zu bilden. Der Mensch steht hier dem alltäglichen Funktionieren immer auch gegenüber. Der zweite Text unterwirft den Studierenden dem Funktionieren, der Effizienz der Institution. Das leitende Prinzip ist die Verteilung knapper Ressourcen. Das ist nur noch Ausbildung. Nicht mehr Bildung.

Diesen Bruch haben die Universitäten nicht freiwillig vollzogen; sie werden genötigt: aber von wem? Von der Bildungspolitik? Oder vom Zeitgeist? Der Konflikt zwischen autonomer Bildung und effizienter Ausbildung zieht sich durch die Leitbilder und Strategien der Universitäten. St. Gallen, Luzern und das Basler Leitbild von 1993 halten das Niveau des aufgeklärten Humanismus am überzeugendsten fest.

Heute findet sich das Werden des jungen Menschen von einem Zeitgeist bestimmt, den der St. Galler Wirtschaftsethiker Peter Ulrich definiert als Weltanschauung, „die sich hinter dem Jargon wertfreier Sachrationalität versteckt, dabei aber die ökonomische Rationalität (Effizienz) zum obersten Wertgesichtspunkt verabsolutiert und einer nahezu grenzenlosen Ökonomisierung unserer Lebensformen, der Gesellschaft und der Politik das Wort redet".

Dieser Zeitgeist versteht Bildung als Markt und verkauft diese Barbarei als Fortschritt. Das erste Lernziel ist das reibungslose Funktionieren unter dem Druck von Marktbedingungen, nicht mehr das eigenständige, kritisch erarbeitete Urteil. Staunen, Fragen und Verstehen treten hinter Rechnen, Organisieren und Optimieren zurück. Die Frage, wo es am billigsten ist, kann hier nicht anders als allgegenwärtig sein. Die ECTS-Punkte werden von Lehrenden wie Lernenden nach workload bemessen, ein Wort von Orwellscher Schönheit. Das Wort Bulimielernen gab es vor acht Jahren an der Universität noch nicht. Heute kennt es jeder.

Leider kann man der liberalen Gesellschaft den Vorwurf nicht ersparen, dass ihr Freiheit nur noch Freiheit der Wirtschaft bedeutet. Deren Wachstum ist wichtiger geworden als jene Würde des Menschen, jene Menschenrechte, die der Liberalismus des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Entsprechend mutete die liberale Universität dem Einzelnen viel Freiheit zu, sein Studium selbst zu organisieren. Er hatte am Ende in umfassenden Prüfungen die Beherrschung seines Fachs zu zeigen; wie er zu ihr kam, war seine Sache. Er wurde nicht durch permanente banale Prüfungen unter ständigem Druck gehalten, der das eigenständige und kritische Denkens bei sehr vielen Studierenden unterbindet. Dies immerhin effizient.

Muss man so streng sein? Wenn man die Aufklärung ernst nimmt: ja. Kant gibt das Zentrum seiner Ethik, den kategorischen Imperativ, auch in der Form „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." Der Mensch, seine Vernunft und sein Werden sind in ihrer Eigendynamik und Selbstbestimmung streng zu achten. Sie dürfen nicht instrumentalisiert werden, ohne zugleich ausdrücklich Raum für ihre Eigendynamik zu schaffen. Die Bolognareform selbst, nicht nur ihre Umsetzung, unterwirft das Werden des Menschen wirtschaftlicher Sprache und Interessen. Das ist keine Frage politischer Vorliebe, sondern von gut und böse. Hier liegt ein offensichtliches und massives Ethikdefizit vor.

Seine Heilung verlangt als einen wesentlichen Baustein das aktive Hören der Universitäten. Die Menschenwürde fordert, dass die Jugend für die Art, wie sie das Studium (nicht nur einzelner Vorlesungen) erlebt, menschliches Gehör findet: etwa für die Erfahrung, sich durch beständigen Druck in eine stumpfe Praxis der Selbstausbeutung gedrängt zu fühlen. Wen das nicht interessiert, der hat die Studierenden schon instrumentalisiert als Objekte, in die Wissen abgefüllt wird.

Die Schweiz ist eine Demokratie: Die Unterwerfung des werdenden Menschen unter ökonomistische Ziele wird nur so lange Bestand haben, wie der Souverän sie unterstützt.

Frieden beginnt im eigenen Herzen
Blogbeitrag: Drei Fragen an...

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