Simon Pfeiffer

Besuch aus Syrien

Kürzlich schrieb mir mein Freund Hussein eine Mail: „Hi, holy man. I am sitting in old damascus next to our common friend Ziyad. I will be visiting your country. In ten days I will come to your church and we will pray together. Then we will drink wine and eat swiss chocolate."

Hussein war mein Zimmervermieter in Damaskus bei meinem dreimonatigen Aufenthalt dort. Eigentlich ist er Student, aber er hat immer irgendein Business am Köcheln. Mal etwas mit Studentenwohnungen, mal etwas Touristisches, mal Dienstleistungen für Westler in Syrien, immer wieder etwas Neues. Vielleicht wird er in Zukunft einmal ein syrischer Sawiris.

Die kurze Nachricht liess Spielraum für Interpretationen: Erste Möglichkeit: Hussein und der Freund hatten bereits eine Flasche Wein geöffnet und waren in bester Stimmung um ihre fantastischen Reisepläne in alle Welt übers Internet zu verbreiten. Für muslimische Syrer ist es nahezu unmöglich ein Visum für ein westliches Land zu bekommen. Letztes Jahr hatte ich vergeblich versucht, für einen anderen syrischen Freund ein Visum für meine Hochzeit zu erlangen. Heiterkeit beim – öffentlich verbotenen – Wein kann ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sein. Abwarten!

Zweite Möglichkeit: Hussein hatte tatsächlich einen guten Kontakt mit Einfluss in der Schweiz. Folglich wäre die Ankündigung ernst zu nehmen, das Gästebett zu richten, Termine abzusagen etc. Doch eine Mail mit Fragen nach präziseren Angaben blieb ohne Antwort. Also weiter warten!

Dritte Möglichkeit: Hussein verwechselte die Schweiz mit Schweden. In Syrien lernen Schüler bloss die arabischen Länder. Geographiekenntnisse über die Welt ausserhalb sind wie in den USA ziemlich dünn gesät. Also hat sich Hussein, wie sich andere in der Tür irren, im Land geirrt? Irgendwie schien er mir cleverer. Ich war ein wenig enttäuscht, dass er mein kleines Land, das beste aller Länder, nicht auf der Weltkarte lokalisieren konnte.

Vierte Möglichkeit: Nachdem das Doppelte von zehn Tagen verstrichen war, musste ich mir Sorgen machen. War Hussein etwas zugestossen? Hatte ein syrischer Geheimdienst oder die Polizei etwas gegen die Reise, und Hussein wurde eingekerkert? Das war ihm bereits einmal zugestossen, als er einer Studentin aus einer Beduinenfamilie helfen wollte, was ihn zuerst nach Beirut und schliesslich in den Prügelkeller eines Polizeigefängnisses brachte. Ich nahm mir also vor, demnächst einem weiteren gemeinsamen Freund zu schreiben, um meine Sorge zu teilen und mehr herauszufinden.

Fünfte Möglichkeit: Hussein meinte „in zehn Tagen" nach syrischer Zeitrechnung. Diese ist noch etwas generöser als die italienische. So können „zehn Tage" auch zwanzig Tage oder sogar einen Monat bedeuten.

Jedenfalls ist Hussein letzten Sonntag in Zürich angekommen. Und er scheint ein befrachtetes Programm zu haben, wie ich in diesem Monat vor der pfarramtlich strengsten Zeit im Jahr auch. So haben wir uns für übermorgen verabredet. In Syrien wäre ein solchermassen vertagter Empfang eines Freundes undenkbar und fast eine Beleidigung. Egal wie lange die angekündigten „zehn Tage" gedauert hätten.

Syrische Höflichkeit
"Du Jud!" - Verlorene Wurzeln

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