Simon Pfeiffer

Begegnungen

Kürzlich durfte ich in der türkischen Moschee in Wohlen (AG) aus dem Neuen Testament vorlesen. Im Anschluss an die Lesung erhielt ich von den versammelten Muslimen und Christen Applaus. Nicht nur der Applaus nach dem Vorlesen war neu für mich, auch der Ort und die Umstände des Lesens.

Die reformierte Landeskirche Aargau hatte eine Begegnungswoche mit den Muslimen und Muslimas im Kanton angestrebt. Mit mehreren Anlässen sollten Begegnungen zwischen reformierter und muslimischer Bevölkerung gefördert werden. Der Kirchenrat hatte Geld gesprochen, wir konnten einen erfahrenen Eventorganisator beiziehen, der Verband der Aargauer Muslime war zur Mitarbeit bereit. In gemischten Teams wurden die einzelnen Anlässe dann bis ins Detail ausgefeilt: Eine Eröffnungsfeier in einer Kirche, ein Filmabend mit Diskussion, eine Podiumsdiskussion im Aargauer Lokalradio Argovia, ein Frauenabend, ein Jugendabend mit Rapper Black Tiger und Ammar 114 und eine Abschlussfeier in einer Moschee.

Die Anlässe waren leidlich bis ordentlich besucht. Die grosse Medienwirkung blieb aus, ausser dass ein Filmteam von Euronews am Jugendanlass auftauchte und auch die äusserst berührenden Statements der beiden Künstler und ihrer Interviewerin festhielt. Das Highlight war schon der Abschlussabend in der Moschee. Nachdem man verschiedenen Anlässen wieder zum Teil die gleichen Gesichter angetroffen hatte, war so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl entstanden. Die gemeinsame Vorbereitung, das Bangen, ob die Anlässe überhaupt Leute anziehen, und die wiederholten Begegnungen – ohne grosse Grundsatzdiskussionen ob und wie – haben wertvolle Kontakte zwischen reformierter Landeskirche und dem Dachverband der Aargauer Muslime eröffnet und gefestigt.

In der Moschee waren zwei ältere Damen aus Wohlen, die fanden: „Die Muslime gehören zu uns", ein Albaner mazedonischer Herkunft, dessen Bruder sich in Friedensprojekten engagiert, Frauen, die in einer Aargauer Gemeinde seit Jahren Begegnungen zwischen Christinnen und Muslimas pflegen, ein Türke, in der Schweiz aufgewachsen, der sich von der Begegnung tief berührt zeigte, ein Pfarrer, der zum ersten Mal in einer Moschee war, eine Gruppe junger Männer, die sich jeweils im Café der Moschee treffen, die Kirchenratspräsidentin, ein Imam, der sich von einem jüngeren Muslim übersetzten liess, eine Konfirmandengruppe, der Präsident des Verbands Aargauer Muslime mit Familie, insgesamt über hundert Leute.

Sehr eindrücklich war, wie die Leute nach muslimischem Abendgebet, Lesungen, Stille und Dankesworten zusammenblieben und vorerst Tee und Kuchen kaum beachteten. Anders als an Tagen der Offenen Moschee oder an Kirchenführungen war dies eine Begegung, wo zwei Körperschaften einen Schritt aufeinander zu gemacht haben. Dies macht Hoffnung und steckt mehr an als tausend Plakate mit verdrehten Botschaften.

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