Krishna Premarupa das

Ausgeglichen? Ich arbeite daran!

Der Blick auf meinen Kalender bestätigt es, in wenigen Tagen fliege ich nach Indien! Da kommt Vorfreude auf, aber auch etwas Unruhe. Schließlich gibt es vor meiner Abreise noch so viel zu erledigen. Da ich für zwei Monate abwesend sein werde, warten auf mich, neben den üblichen Reisevorbereitungen noch viele andere Aufgaben: Renovation im Haus abschliessen, Verkaufsverhandlungen Liegenschaft Frankreich, Brief Einsprache Bundesamt für Migration, Notizen für Referat Abdankungsfeier, Schulbesuche im Tempel, Vorbereitungen Jubiläumsfeier im Mai, Blog schreiben für www.religion.ch - Ok, tief durchatmen Krishna Prema, sag ich zu mir selbst, das ist doch jetzt eine perfekte Möglichkeit Ausgeglichenheit zu bewahren, in mitten des ganzen Stresses; eine Herausforderung, ein Test! Mit diesen Gedanken stürze ich mich in den Tag.

Nach den priesterlichen Tätigkeiten auf dem Altar und den ganzen Vormittag vor dem Computer mach ich mich am späteren Nachmittag auf den Weg zur Physiotherapie. Während ich etwas später auf dem Behandlungstisch liege und mein rechter Fuss mit einer Ultraschallbehandlung „verwöhnt" wird, komme ich mit meiner Therapeutin ins Gespräch. Ich erzähle ihr von meiner Lebensweise und der anstehenden Pilgerreise nach Indien. „Als Mönch ist man ja sicher immer sehr gelassen, sehr ausgeglichen, nicht wahr?" fragt sie mich. Ich muss schmunzeln und antworte: „Nun ja, ich arbeite noch daran!"

Durch die tägliche Meditation wird schon eine gewisse innere Kraft aufgebaut, welche zu einer Ausgeglichenheit führt. Aber schlussendlich ist die morgendliche Meditation eine Sache, die Umsetzung davon, dass heisst diese meditative Erfahrung wieder mit in den Alltag zu bringen, eine andere! Auf dem Meditationskissen ist man noch schnell ausgeglichen, obwohl auch dies viel Übung benötigt, da der Geist mit so vielen Gedanken beschäftigt ist. Ausgeglichen zu bleiben mitten in den schwierigsten Alltagssituationen ist der wahre Prüfstein, welcher uns aufzeigt, wie fortgeschritten wir wirklich sind.

Sri Krishna betont in der Bhagavad Gita immer wieder, wie wichtig es ist sich durch das unbeständige Erscheinen von Glück und Leid, was dem Kommen und Gehen von Sommer und Winter gleicht, nicht verwirren zu lassen. Der Geist des Transzendentalsten bleibt stehts auf das Objekt der Meditation gerichtet. Selbst in schwierigen Situationen behält er Ruhe wie ein Licht, das an einem windstillen Ort nicht flackert.

Wie wertvoll solche innere Ausgeglichenheit ist, kommt auch in der folgenden Franziskusgeschichte deutlich zum Ausdruck, welche mir kürzlich von einem Kapuziner Mönch erzählt wurde: Wahre Freude oder Erfolg liegt nicht darin, dass sich alle Bischöfe, der König von Frankreich und England uns anschliessen oder dass wir alle Ungläubigen bekehren (also nicht im äusseren Missionseifer). Was aber ist wahre Freude? Franziskus beschreibt es durch folgendes Szenario: Ich komme von einer langen Reise, zur Winterszeit, durchgefroren, erschöpft und mit blutendem Schienbein Zuhause an. Aber erst nach langem klopfen kommt ein Bruder und macht auf, nur um mich wegzuschicken und mir zu sagen, dass ich nicht erwünscht sei. Ich sage Dir, meint Franziskus, wenn ich meine Geduld nicht verliere und nicht aggressiv werde, liegt darin wahre Freude, echte Tugend und das Heil der Seele!

Doch wie kann man solch eine Ausgeglichenheit und Toleranz entwickeln? Es ist wie mit den Bäumen: Wer eine grosse Krone tragen will, muss auch tiefe Wurzeln schlagen. Erst in der tiefen Beziehung zu Gott entwickle ich eine innere Stärke, welche mich die Turbulenzen in dieser Welt gut überstehen lässt. Innere Ausgeglichenheit ist also etwas, was sich über eine lebenslange Praxis entwickelt.

Ich verlasse die Physiotherapie und sinne auf der Heimfahrt im Bus über meine Antwort nach: „Ich arbeite noch daran!" Bald bin ich in Indien, das perfekte Umfeld um sich in Toleranz und Geduld zu üben, und um „Wurzeln zu schlagen", sprich: meine Beziehung zu Gott zu vertiefen!

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