Attentate in Paris

Einmal mehr haben Terroristen, die sich Muslime nennen, Menschen verletzt und getötet bei Selbstmordattentaten. Was im Irak, in Pakistan und andern Ländern längst zum traurigen Alltag gehört und von uns in den Nachrichten unter „ferner liefen" eingeordnet wird, erschüttert uns bis in die Grundfesten, wenn es denn mitten im Herzen Europas passiert. Auch ich bin traurig, entsetzt und wütend zugleich. Traurig, weil so viele Menschen (nicht nur in Paris) auf sinnlose Art sterben mussten und nun ihren Angehörigen und Freunden fehlen, traurig auch, weil so viele Verletzte leiden – vielleicht mit körperlichen Folgeschäden und sicherlich auch psychischen Langzeitfolgen. Entsetzt, weil die Anschläge kaltblütig geplant und ausgeführt wurde und wütend, weil einmal mehr meine Religion in den Dreck gezogen wurde.

Natürlich sehen sich auch diesmal alle Muslime in der Pflicht, die Attentate als unislamisch zu verurteilen. Dies wurde bereits früher gemacht, aber oft nicht wahrgenommen (weil von den Medien nicht veröffentlicht) oder es wurde nicht geglaubt, dass wir das ernst meinen. Unbestritten ist nämlich, dass ich als Muslimin denselben Koran als Grundlage für meinen Glauben habe, dieselbe Terminologie benutze, wenn ich von einer Ummah (Gemeinschaft) und Brüdern und Schwestern im Islam rede und mich fünfmal täglich in Richtung Mekka wende um zu beten wie diejenigen, die verantwortlich für die Anschläge sind. Genauso wie Mllionen anderer Muslime. Verständlich, dass sich Nichtmuslime fragen, wo denn der Unterschied sei, dass die einen (die Mehrheit) friedlich sind und die andern im Namen Allahs morden, und ob Verhältnis nicht eines Tages kippen könnte... denn die momentane Situation in den sogenannt islamischen Ländern und die Zunahme der Terroranschläge lässt Schlimmes vermuten. Erstmals in der Geschichte des Terrors sind wir mit dem Auftreten vom IS nämlich mit der Situation konfrontiert, dass sowohl Anschläge im Westen Verunsicherung bringen sollen und gleichzeitig in den Gebieten mit einem Machtvakuum ein Khalifat erschaffen wird – ein Staat, der sich nach und nach in der ganzen Welt ausbreiten soll und die zwangsrekrutierten oder –konvertierten Bürger mit einem korankonformen Leben „beglückt" und einem Rechtssystem, das jeder vernunftgeleiteten und besonnenen Interpretation des Korans und jeder Menschlichkeit spottet.

Ja, ich verurteile all dies, aber es genügt nicht. Ich denke, es ist höchste Zeit, dass wir einen Schritt weitergehen. Wir müssen uns wehren. Militärisch wird das ja schon gemacht, von verschiedensten Gruppierungen und Nationen. Aber wir Muslime müssen uns auch ideologisch wehren. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Religion zu einer Waffe verkommt und in einer Schreckensherrschaft endet. Ich spreche im Folgenden ein paar Punkte an, womit wir uns auseinandersetzen müssen:

1. Die Kriegsverse, die den Terroristen als Legitimation für ihre Taten gelten. Wir müssen lernen, sie in ihrem geschichtlichen Hintergrund eingebettet zu sehen. Wer den Koran sorgfältig und zusammenhängend liest, das heisst, auch die Verse vor und nach den Kriegsversen, stellt fest, dass Waffengewalt nur im Verteidigungsfall erlaubt ist. Natürlich argumentieren die Terroristen, dass sie sich verteidigen – in Fall von Paris gegen den militärischen Einsatz Frankreichs in Syrien und vergessen ganz, dass die verschiedensten Nationen ja nur gekommen sind, weil der IS die Region mit seiner Grausamkeit überzogen hat. Aber ist das Verteidigung, wenn man Tausende von Kilometern entfernt Menschen in den Tod reisst, deren einzige Schuld ihre Freude am Fussball, Essen und Musik ist? Im Koran steht im Gegenteil: Und die Diener des Allerbarmers sind diejenigen, die sanftmütig auf der Erde schreiten; und wenn die Unwissenden sie anreden, sprechen sie friedlich zu ihnen; (25/63)

2. Ein weiterer kritischer Punkt ist der Glaube an die abrogierten Verse. Ein harmlos aussehender Koranvers hat in Verbindung mit verschiedenen Interpretationen wahre Sprengkraft erhalten: Und wenn Wir eine Aya (Vers, Zeichen, Botschaft) aufheben oder der Vergessenheit anheimfallen lassen, so bringen Wir eine bessere als sie oder eine gleichwertige hervor. (2/106) Einige Muslime denken, dass Teile des Korans nach der Offenbarung wieder vergessen gingen und dies durch Gott so gewollt sei. Andere denken, dass sie zwar noch drinstehen, aber durch später offenbarte Verse (der Koran wurde in 23 Jahren offenbart) abrogiert, das heisst aufgehoben worden und deshalb nicht mehr verbindlich seien. Welche, und wie viele das seien, ist nicht bekannt, und die Meinungen der Gelehrten klaffen weit auseinander: zwischen 5 und 500 Verse sollen es sein. Es ist typisch, dass die Terroristen die friedlichen und versöhnlichen Verse aus der Anfangszeit in Mekka als aufgehoben betrachten und sich dafür umso freudiger bei den Versen „bedienen", die später in Medina während der kriegerischen Auseinandersetzungen offenbart wurden. Dass man das Wort Aya auch als „Botschaft" übersetzen kann und es sich somit nicht auf Koranverse, sondern auf die früheren offenbarten Religionen bezieht, wie Muhammad Asad zu bedenken gibt, wird von den wenigsten in Betracht gezogen. Gleichwohl, egal welcher Interpretation man anhängt, wir Muslime dürfen nicht zulassen, dass der Friede aus unserer Religion gestrichen wird, denn damit würden wir uns auch über die sich 113 mal wiederholenden Worte Im Namen des Allerbarmers, des Barmherzigen hinwegsetzen, und die Aussage Und Wir entsandten dich (Muhammad) nur als Barmherzigkeit für alle Welten. (21/107). Wir würden uns auch hinwegsetzen über die von der Geschichte verbriefte Rückkehr Muhammads mit 10 000 Kriegern nach Mekka und der Generalamnestie gegenüber den Bewohnern, die ihn zuvor ausgegrenzt und vertrieben haben und viele der ersten Muslime getötet hatten.

3. Ein wichtiger Punkt ist der Umgang mit den ausserkoranischen Texten, den Ahadith. Ein Hadith ist ein Bericht von Leuten, welche den Propheten Muhammad etwas sagen hörten oder tun sahen. Trotz grosser Sorgfalt beim Sammeln dieser Berichte sind bis heute auch gefälschte Aussagen dabei. Am einfachsten sind diejenigen zu enttarnen, welche dem Koran widersprechen, sollte man meinen. Aber leider versuchen noch immer viele Muslime, die Widersprüche zu vereinen, oder sie stellen sogar die Ahadith über den Koran, und dies, obwohl nur der Koran von Gott kommt! Der Koran wird durch die Lupe der Ahadith interpretiert, und dies ist auch der Grund für die schreckliche Behandlung der Nichtmuslime. Im Koran finden wir Religionsfreiheit: Es gibt keinen Zwang im Glauben. (2/256) In gewissen Ahadith finden wir die Pflicht zur Ermordung von Apostaten und Götzendienern. Warum wird solchen Berichten Beachtung geschenkt und der Koran vernachlässigt, obwohl steht: Und wenn einer der Götzendiener bei dir Schutz sucht, dann gewähre ihm Schutz, bis er Gottes Worte vernehmen kann; hierauf lasse ihn den Ort seiner Sicherheit erreichen. (9/6)?

Dies sind Punkte, mit denen wir Muslime uns in Zukunft intensiv auseinandersetzen müssen, sei dies in den Moscheen oder im Islamunterricht für unsere Kinder. Es reicht nicht mehr, dass wir den Koran schön auf Arabisch rezitieren und auswendig lernen und alle Verbote und Gebote aufzählen können. Wir müssen ihn verstehen. Wir müssen lernen, ihn richtig zu lesen, müssen wagen, frühere Interpretationen zu hinterfragen und eigene Argumente zu entwickeln und diskutieren. Wir müssen unser bisheriges Gottesbild je nachdem revidieren und wieder eine gesunde Beziehung zu Gott aufbauen. Wir müssen Dankbarkeit, Bescheidenheit, Gottes- und Menschenliebe sowie Verantwortung und Ethik aus dem Koran herausarbeiten. Und zwar längst nicht mehr nur im Hinblick darauf, dass junge Muslime heutzutage Antworten haben möchten auf Fragen, die sich im Austausch mit einer andersgläubigen Gesellschaft stellen. Sondern als Terrorprävention. Der beste Schutz für unsere Kinder und die Gesellschaft ist die Friedensarbeit mit dem Koran.

Holen wir uns den Islam, die „Hingabe an Gott", welche auch den liebevollen und verantwortungsvollen Umgang mit seiner ganzen Schöpfung (Menschen, Tiere, Umwelt) einschliesst, wieder zurück! Ich weiss, dass dies jetzt vermessen klingt, aber ich bin überzeugt, dass verantwortungsvoller, flächendeckender Religionsunterricht die beste Prävention sein könnte, um zumindest die hiesige muslimische Jugend resistent gegen Dschihadisten-Ideen zu machen.

Zurück in die Barbarei?
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