Joe M.

An Weihnachten vorzulesen...

Jetzt findet man sie wieder regelmässig in der Zeitung, die Anzeigen der Agentur C mit der biblischen Weihnachtsgeschichte. „An Weihnachten vorzulesen" werden wir im Titel angewiesen, und viele werden der Aufforderung an Heiligabend Folge leisten. Schliesslich soll ja das zum Kommerz verkomme Weihnachtsfest an die Geburt Jesu erinnern, und dem Konsumrausch unterm Weihnachtsbaum eine besinnliche Note geben. Nachdem dann die rührende Erzählung vom Christkind aus dem Lukasevangelium vorgelesen wurde, dürfen sich die Kinder mit gutem Gewissen über die Berge von Geschenken hermachen, derweil die unsägliche Lichtverschmutzung in Form funkelnder Lichterketten, blinkender Rentiere und Coca-Cola farbener Santa Cläuse in den Vorgärten den Messias verkündet, der uns vor 2000 Jahren geboren wurde. Soweit die biblische Legende. Doch wie verhält es sich mit der Authentizität und dem Ursprung dieser Geschichte?

Karlheinz Deschner weiss in seinem Buch „Abermals krähte der Hahn" in dem Kapitel über die Entstehung des Weihnachtsfestes Interessantes zu berichten: Der Geburtstag des Mithras, der dies natalis solis, war der 25. Dezember, heute bekanntlich der Geburtstag Christi. Die Urchristenheit allerdings feierte nur ein Fest, das Passah, und bis ins 4. Jahrhundert blieben Ostern und Pfingsten die einzigen allgemeinen Feste der Kirche. Anscheinend erinnerte man sich damals noch, dass Jesus nicht gepredigt hatte: Setzt Feiertage ein! Der Geburtstag Christi wurde lange nicht begangen und dann höchst verschieden bestimmt. Steht doch nicht einmal das Jahr der Geburt fest, die Historizität des Herrn vorausgesetzt. Als sein Geburtstag galt um 200, nach Clemens von Alexandrien, den einen der 19. April, den anderen der 20. Mai, während Clemens selbst den 17. November für das richtige Datum hielt.

Das Weihnachtsfest ist im 2. Jahrhundert in Ägypten aufgekommen und dort am 6. Januar (11. Tybi) gefeiert worden, dem Geburtstag des Gottes Aiôn oder Osiris. Erst im Jahre 353 hat die Kirche den Geburtstag Christi auf den 25.Dezember, den Geburtstag des Mithras, des unbesiegbaren Sonnengottes verlegt, um diesen aus dem Volksbewusstsein zu verdrängen. Die Adventszeit als Vorfeier des Weihnachtsfestes kam sogar erst im 6. Jahrhundert auf. Das neue kirchliche Fest wurde um so rascher beliebt, als es nur die Umgestaltung des heidnischen Sonnwendfestes war, der Aionfeier – eine mythische Darstellung der Geburt der neuen Sonne. Vom 24. auf 25. Dezember versammelten sich dabei die Mysten in einem unterirdischen Adyton, um gegen Mittemacht die Einweihungsriten zu vollziehen. In der Morgendämmerung verliessen dann die Gläubigen in einer Prozession den Kultort, wobei sie die Statuette eines Kindes als Symbol des eben von der Jungfrau, der Dea Caelestis, geborenen Sonnengottes mit sich führten. Sobald die Sonne aufging, stimmten sie die liturgische Formel an: „Die Jungfrau hat geboren, zu nimmt das Licht." Aber auch folgende Wendung ist überliefert: „Der grosse König, der Wohltäter Osiris ist geboren". Bei der Geburt des Gottes soll sogar eine Stimme aus der Höhe erschollen sein: „Der Herr des Alls tritt ans Licht hervor". Bei Lukas spricht der Engel: „Heute wurde euch der Heiland geboren".

Die christliche Weihnachtserzählung ist uns allen so vertraut, dass viele glauben, sie stünde in allen Evangelien. Sie steht aber nur bei Lukas. Und Lukas hat sie aus alttestamentarischem und mehr noch aus paganem Gut herausgesponnen. Wie stark gerade der heidnische Einfluss in der lukanischen Legende ist, wurde erst unlängst von der theologischen Forschung wieder gezeigt: 

1. Die leicht sentimentale Schilderung der reisenden Mutter, die keinen Platz findet, ihr Kind zu gebären. Hier denkt jeder griechische Leser an die Mutter Apolls, die auch keine Stätte fand, und die die Dichter ähnlich schildern. 

2. Wie das Zeuskind bei Kallimachos in Windeln gewickelt wird und das Dionysoskind in einer Getreideschwinge liegt, so liegt bei Lukas das in Windeln gewickelte Jesuskind in einer Krippe.

3. Die bukolische Hirtenerzählung wird ganz ähnlich bei der Geburt des Kyros und des Romulus überliefert, wohl auch in Mithraskindheitsgeschichten. Mit alttestamentlichen Hirtengeschichten hat sie nichts zu tun, da diesen das Wesentliche, die Begrüssung des göttlichen Kindes, fehlt.

4. Die Lichterscheinung in der Nacht gehört in die Stimmung der Mysterien. „Mitten in der Nacht sah ich die Sonne strahlend im leuchtenden Licht", heisst es von der Isisweihe.

5. Aus den Mysterienfeiern stammt der Ruf: „Euch ist heute der Heiland geboren." In Eleusis lautet der Jubelruf der Hierophanten: „Einen heiligen Knaben gebar die Herrin", bei der hiervon abhängigen alexandrinischen Aionfeier: „In dieser Stunde, heute, gebar die Jungfrau den Aion", und: „Die Jungfrau hat geboren, das Licht geht auf." Bei Osiris heisst der Ruf: „Der Herr aller Dinge geht ans Licht hervor... ein großer König und Wohltäter, Osiris, ist geboren", und im Herrscherkult: „Ein König ist euch geboren... und er nannte ihn Charilaos, weil alle sehr froh wurden".

6. Aus der Herrscherfrömmigkeit stammen die Ausdrücke: „große Freude verkündigen", „Heiland", „allem Volke".

7. Die Verkündigung der großen Freude bei der Heilandsgeburt ist ein religionsgeschichtliches Motiv, von dem wir nur nicht wissen, ob es im Lachen der Himmel und Welten bei der Buddhageburt oder im kosmischen Zarathustrajubel oder ob nicht beides erst im Hellenismus seine Wurzel hat. Vielleicht darf man bei Lukas die gleiche hellenistische Quelle voraussetzen wie in der 4. Ekloge Vergils.

8. Die himmlischen Heere entstammen bei Lukas alttestamentlichen Vorstellungen, erinnern aber auch an die als Soldaten gekleideten Kureten und Korybanten um die Wiege des Zeus oder an die den jungen Dionysos umgebenden Heerscharen.

Solche Aion- und Geburtsvorstellungen, wie sie in den Evangelien wiederkehren, waren der vorchristlichen Welt also wohlvertraut. Das bezeugen auch die vielbesprochenen „Religionsgespräche am Hofe der Sassaniden": „Herrin, sprach eine Stimme, der grosse Helios hat mich abgesandt zu dir als Verkünder der Zeugung, die er an dir vollzieht... Mutter wirst du… eines Kindleins, dessen Name ist ‚Anfang und Ende'". Auch die berühmte, 40 v. Chr. entstandene vierte Ekloge Vergils verheisst die Geburt eines Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden und ihr den ersehnten Frieden bringen soll. „Gekommen ist die Endzeit", liest man in dem Gedicht. „Schon hat Apollo seine Königsherrschaft angetreten... Ein Sohn des höchsten Gottes wird geboren". Entsprechend schreibt Paulus: „Als aber die Erfüllung der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn". Oder das Markusevangelium: „Erfüllt ist die Zeit und das Königreich Gottes nahe herbeigekommen". (Vgl. Karlheinz Deschner: Abermahls krähte der Hahn, Seite 91-93, btb Verlag.)

Ist im Lukasevangelium also alles nur geklaut? Nein, es wurden nur die Geschichten jener Zeit gesammelt und aufgeschrieben - schliesslich ist die Bibel die größte, berühmteste und meist gelesene Märchensammlung der Welt.

Was ist das Erstaunlichste in dieser Welt? (Vom Um...
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