Kevin De-Carli

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt...

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt...

oder: Warum ich trotzdem noch Chanukka feiere

Feierlich gedekter Tisch an Chanukka

​Am Abend des 12. Dezembers 2017 des gregorianischen Kalenders beginnt der 25 Kislev 5778 des jüdischen Lunisolarkalenders. Damit beginnt das Lichterfest Chanukka,dieser Tag wird in vielen Synagogen und jüdischen Familien gefeiert. Chanukka ist ein beliebter Familienyontef, ein Familienfest. Während acht Tagen und acht Nächten kommt man zusammen, zündet Kerzen an, isst, trinkt und singt gemeinsam. Am beliebtesten sind dabei fettige, in Öl gebratene Speisen wie Lattkes (in etwa wie Rösti) und Sufganyot (mit Marmelade oder Buttercreme gefüllte Berliner). Aschkenasische Juden singen dabei gerne das Lied «Maos Zur» und Sephardische Juden den Psalm 30. Ausserdem spielt man im Licht der Chanukkakerzen das Dreidelspiel (ein viereckiger Kreisel auf dessen Seiten hebräische Buchstaben geschrieben sind) und schenkt den Kindern Schokotaler und den Armen echte Taler. Im Licht der Kerzen ist zudem allen Familienmitgliedern jede Form der Arbeit verboten. Böse Zungen behaupten deshalb, dass die Mütter sich diese Tradition ausgedacht haben um sich von der Hausarbeit zu drücken. Das ist aber falsch, diese Tradition geht tatsächlich auf den Talmud zurück. Die Rabbiner wollten betonen, dass auch die Frauen eine wichtige Rolle in der Chanukka Geschichte spielten und deshalb auch von der Ruhepause vom Alltag profitieren sollten. Das Ganze soll schliesslich an die Geschichte des Wunders von Chanukka erinnern.

Grab des Matithyahu ben Yochanan HaKohen

Diese Erzählung des Wunders von Chanukka ist denkbar einfach:

Im Jahr 164v.Chr. hat der Seleukidenkönig Antiochos IV Jerusalem erobert. Er lässt die Beschneidung jüdischer Knaben verbieten, stellt im Allerheiligsten des Tempels eine Zeus Statue auf und befiehlt, dass dort jeden Tag Schweine geopfert werden sollen. Ausserdem führt er endgültig Griechisch als Umgangssprache ein und lässt das Studium und die Herstellung hebräischer Texte, wie die Torah, verbieten. Ein Teil des Volkes versucht sich mit den Herrschern zu arrangieren und beginnt sich zu hellenisieren, doch eine Gruppe treuer Juden sammelt sich unter Judah Makkabäus, dem «Hammer Gottes», und vertreibt die Griechen und ihre Sympathisanten aus Jerusalem und in der Folge aus einem Grossteil Judäas, Samarias und Galiläas. Sie begründen damit das Königreich der Hasmonäer, das während hundert Jahren das Überleben des hebräischen Judentums garantieren wird, bis ein römischer Günstling namens Herodes den letzten Hasmonäer König töten wird und Judäa damit zur römischen Provinz wird.
Die Freude über den Sieg in Jerusalem wird aber dadurch überschattet, dass die Griechen scheinbar alle Fläschchen des reinen Olivenöls, das man brauchte um die grosse Menora anzuzünden und den entweihten Tempel wieder Gott zu weihen, zerstört hatten. Nach einigem Suchen fand man in den Räumen unter dem Tempel aber noch eine Amphore mit reinem Öl. Leider reichte das Öl in der Amphore nur für einen Tag und die Herstellung neuen Öls dauerte acht Tage. Da ereignete sich das Wunder, dass das Öl, das nur genug war für einen Tag, acht Tage lang brannte, bis neues Öl bereitstand.

Einen Beleg für die Beliebtheit des Festes in der Antike liefert sogar das Neue Testament! So heisst es bei Johannes 10.22: «Um diese Zeit fand in Jerusalem das Tempelweihfest statt. Es war Winter und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos auf und ab.»

Trotz der reichen Traditionen und der grossen Beliebtheit liefert der Talmud nur drei konkrete Hinweise, wie das Fest gefeiert werden soll:

  1. Das Gebot verlangt nur ein Licht pro Nacht und Haushalt;
  2. Eine bessere Praxis ist es ein Licht pro Nacht für jedes Mitglied des Haushaltes anzuzünden
  3. Die bevorzugte Praxis sollte es sein, die Anzahl der Lichter jeden Abend zu verändern, wobei die Schule von Hillel sagt, man solle mit einem Licht beginnen und jeden Tag ein Licht mehr anzünden, bis man acht hat. Die Schule von Schammai sagt hingegen, man solle mit acht Lichtern beginnen und jeden Tag eins weniger anzünden, bis man nur noch eins hat.

Auch ich werde dann wieder Kerzen zünden, Lieder singen und Familie und Freunde einladen, obwohl mir zu letzterem manchmal die Lust fehlt. In den letzten Jahren hatte ich zu dem ein oder anderen Abend sogar Freunde von der Uni, Nachbarn und Bekannte eingeladen, habe mich dann aber oft genervt, wegen der Kollegen, die ständig erklären wollten was ich alles falsch mache, weil sie einmal in Rom einen Juden getroffen haben, der ihnen das anders erklärt habe oder einen Clip auf Youtube gesehen haben, indem sie das anders gemacht hätten.Wegen der Kolleg_innen, die sich noch ein halbes Jahr danach über das Kalorienhaltige essen beklagen. Wegen der Nachbarn, die etwas zu tief ins Weinglas schauen und Stühle und Geschirr zerbrechen und ihren Hunden, die sich auf meinem Parkettboden erleichtern. Und natürlich wegen all der Fragen, ob das denn heutzutage noch nötig sei, so ein Fest zu feiern, ob man in der Schweiz nicht besser den Adventskranz anzündet und Weihnachten feiert. Die Frage schien mir ihre Berechtigung zu haben: Wieso sollte man heute in der Schweiz Chanukka feiern?

Liest man sich diese drei Punkte nochmals durch, dann merkt man, dass es im Zentrum um das Anzünden der Lichter geht. Das wird noch verstärkt durch einen späteren Kommentar, man solle die Lichter draussen neben die Tür stellen oder zumindest an ein Fenster, das von der Strasse einsehbar ist, um alle an dem Licht des Wunders teilhaben zu lassen.

Ich sehe darin eine doppelte Bedeutung, eine humanistische und eine politisch-spirituelle. Als Humanist glaube ich an die grundlegende Gleichheit der Menschen. Daher fällt mir auf, dass viele Kulturen im beginnenden Winter Feste feiern, die den Erhalt des Lichtes und der lebendigen Natur im Zentrum haben. Beispiele dafür wären die Kerzen des Adventskranzes, das Weihnachtsfest, der Blasiussegen in Verbindung mit Mariä Lichtmess, das germanische Julefest, das keltische Mittwinterfest und sogar das hinduistische Diwali-Fest fallen in die gleiche Kategorie. Es scheint daher auf einer ganz menschlichen Ebene Sinn zu machen, zum Anfang der kalten, dunklen Jahreszeit ein Fest zu feiern, dass den Erhalt des Lichtes und des Lebens feiert und auf eine hellere, warme Zukunft hoffen lässt. Mit dieser Überlegung lassen sich viele der Traditionen erklären, die mit dem Fest zusammenhängen. Man kommt zusammen, schmückt den Saal, isst sättigende Speisen und erfreut sich guter Gesellschaft und schöner Spiele und der kalten Winternacht. In diesem Hinblick kann man zwischen den verschiedenen Lichtfesten sicher keinen grossen Unterschied finden.

Aber; so einfach ist es nicht. Es fehlt die zweite Ebene des Festes. Einen interessanten Hinweis liefert uns Flavius Josephus. Chanukka sei das Lichtfest, bei dem die Juden mit einer achttägigen grossen Feier, mit Festmählern und Psalmen dem grossen Wunder gedenken, dass sie trotz aller Widrigkeiten die Freiheit ihren eigenen Glauben zu leben, erhalten haben. Dieser Gedanke findet sich auch im Talmud. Die Rabbinen weisen darauf hin, dass auch und vor allem das Studium und die Weitergabe der Tora und des jüdischen Lebens verboten war. Daher sei das Licht von Chanukka auch das Licht der Tora, das wieder in den Familien scheint. Die Rabbiner betonen sogar den wichtigen Beitrag der Frauen zur jüdischen Kultur, denn «auch sie waren am Wunder von Channuka beteiligt».Für mich steckt in der Freude, die Flavius beschreibt und die die Rabbinen bestärken, auch das Licht der Glaubens- und Gewissensfreiheit, das gleichsam die Nacht der Leitkultur durchbricht und erhellt. Aus diesem Grund werde ich auch dieses Jahr wieder Lichter zünden und nervige Kollegen, tierliebe Nachbarn und kalorienfürchtige Bekannte zu mir einladen. Aber diesmal werde ich nicht nur mit ihnen essen, feiern, Lieder singen und die alte Geschichte von den Makkabäern erzählen, sondern auch, wie das Licht von Chanukka uns daran erinnert, wie einfach es scheint, eine Kultur und eine Lebensweise als die Richtige und Dominante zu definieren und damit vielen Menschen unmenschliches Unrecht anzutun.

Das Licht von Chanukka scheint auf alle, die jüdische Familie und die anderen, die an ihrem Haus vorbeigehen.

Es ist ein Licht der Gleichheit aller Menschen. 

Das Licht von Chanukka scheint auf alle, gleichermassen auf Männer wie auf Frauen.  

Es ist ein Licht der Gleichheit von Mann und Frau. 

Das Licht von Chanukka scheint auf alle. 

Es soll ein humanistisches Licht der Toleranz sein, dass uns an die Bedeutung und den Wert der Glaubens,- und Gewissensfreiheit erinnert.

Das werde ich dieses Jahr meinen Gästen erzählen!

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