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In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Paradies und Garten

Paradies und Garten


Er (Gott) ist es, Der Wasser aus den Wolken hernieder sendet; davon habt ihr zu trinken, und davon wachsen die Gebüsche, an denen ihr (euer Vieh) weiden lasset. Damit lässt Er für euch Korn spriessen und den Ölbaum und die Dattelpalme und die Trauben und Früchte aller Art. Wahrlich, darin liegt ein Zeichen für nachdenkende Leute. (Koran, 16/10-11)

Als leidenschaftliche Hobbygärtnerin beginnt mit dem Frühling jetzt wieder die spannende Zeit für mich. Ich weiss, dass ich damit nicht alleine bin, kenne aber auch viele Leute, welche nicht verstehen können, was an Gartenarbeit so schön sein soll. Zu erklären, weshalb dieses In-der-Erde-Herumwühlen so ausgleichend auf die Seele wirkt, ist fast unmöglich. Man muss es einfach tun, und dann fühlt man es. Allein mit dem Verstand kann man es nicht erfassen. Und damit sind wir wieder beim Glauben. Auch das Gebet, das Fasten und Spenden tun gut.

Vom Verstand her tönt alles nach Arbeit und Entbehrung. Aber sobald man es tut – natürlich immer aufrichtigen Glauben und aufrichtige Absicht vorausgesetzt – spürt man Ruhe, Frieden und ein Glücksgefühl. So wie die Seele auf den Körper einwirkt, wirkt auch der Körper auf die Seele ein.

Wie bei allen Dingen spielt aber sowohl bei der Gartenarbeit als auch beim Gottesdienst das richtige Mass eine entscheidende Rolle. 

Gartenarbeit ist für mich auch Lebensschule. Ein steter Kampf zwischen Gut und Böse findet statt: Zwischen Nutzpflanzen, welche mich ernähren und Unkraut, Pilzen und tierischen Schädlingen, welches ihnen den Platz streitig macht oder sie sogar abtöten. Das Unkraut mag ja im ersten Moment, wenn es klein ist, noch harmlos sein. So wie gewisse Probleme oder Unstimmigkeiten im Leben im ersten Moment harmlos erscheinen. Doch wenn man sie lässt, werden sie immer grösser und überwuchern schliesslich die schönen Dinge. Man soll das Unkraut mit der Wurzel ausreissen, denn sonst wächst es munter weiter, heisst es. Es gibt Pflanzen, da ist es einfach, alles kommt mit einem einzigen Ruck aus der Erde. Ich schätze ihre Geradlinigkeit.Doch andere sind richtig gemein. Sie unterwandern mit langen Fadenwurzeln den halben Garten. Sie erinnern mich an die Mafia, ein bösartiges unterirdisches Netzwerk. Andere bilden Knöllchen, da bin ich chancenlos, denn eines bleibt immer zurück. Irgendwie muss ich damit leben, dass sie einfach bleiben. Ist es nicht auch so im Leben? Gewisse Dinge, die uns stören, können wir dauerhaft beheben, aber anderes bleibt einfach, und wir müssen damit umgehen lernen, akzeptieren lernen, auch wenn es uns nicht immer gefällt. Denn natürlich hat auch das "Böse" im Lebenskreislauf der Natur einen Nutzen. Es gibt Unkraut, das gleichzeitig Heilkraut ist. Und Pilze und Tiere haben ebenfalls ihre Berechtigung und dienen wiederum anderen Lebewesen.


So sehe ich also das "Böse" im Garten als relativ an und überlege, ob dies auch im Leben so ist. Oft hat doch auch das, was wir als schlecht bezeichnen, seinen Nutzen oder erweist sich im Nachhinein als gut. Vom Islam her bin ich überzeugt, dass die Erde ein Lernort für uns Menschen ist. Am meisten lernen wir aus "bösen" Dingen oder Erlebnissen. Ich möchte an dieser Stelle an den Blog "Die Schöpfungsgeschichte und die Werbung" erinnern, an die ersten Menschen, die, weil sie so unschuldig waren, verführt werden konnten mit Versprechungen für Dinge, welche sie längst besassen, sich dessen aber nicht bewusst waren. So Gott will, werden wir unsere Reise zurück zu unserem Schöpfer in einem bewussteren Zustand antreten, weil wir auf der Erde dazugelernt haben: über unseren Status als Mensch, über die Schöpfung, und während der Betrachtung derselben, über unseren Schöpfer. Unsere Beziehung zu Gott wird eine andere sein, denn sie musste erarbeitet werden. Das Paradies werden wir bewusster geniessen, denn wir kennen auch den anderen Zustand, den Zustand der Bedürftigkeit, des Mangels, der Angst, die Versorgung könnte nicht genügen, um unseren Körper am Leben zu erhalten.


Der Garten ist für mich ein Sinnbild dieser Versorgung. Wenn ich Gemüse, Salate oder Beeren ernte, ist es, als käme es direkt aus den Händen Gottes. Es ist jedes Mal ein Geschenk, wofür ich danke. Denn auch wenn ich dafür verantwortlich bin, dass diese Dinge in meinem Garten sind, bin ich mir doch bewusst, dass ich den Samen nicht selber erschaffen habe, ebensowenig wie die Erde, in welche ich ihn hineinlege und auch nicht das Wasser, womit ich ihn giesse. Ich kann auch den Prozess des Wachstums nicht steuern, die Zellteilung, die Ausformung in ein bestimmtes Gewächs mit bestimmten Eigenschaften.

…und ihre Hände schufen sie nicht. Wollen sie da nicht dankbar sein? (Koran, 36 /35)

Und auch nicht das Wetter! All dies zeigt mir meine Abhängigkeit. Und doch bin ich mitverantwortlich für das Ergebnis, denn ich schaffe die Bedingungen, damit die Pflanze wachsen kann. Auch beim Glauben ist das so.

Als Religionslehrerin sehe ich mich auch als Gärtnerin. Ich möchte dem Samen des Glaubens, den Gott bereits in die Herzen der Kinder gelegt hat, optimale Bedingungen zum Wachstum bieten.

So richte dein Gesicht in aufrichtiger Weise auf den Glauben; (dies entspricht) der natürlichen Veranlagung, mit der Gott die Menschen geschaffen hat. (Koran, 30/30)

Der Glaube ist nämlich auch wie eine Pflanze, die wachsen muss. Wir können ihn nicht erzwingen oder weitergeben, sondern er muss in jedem Menschen selber wachsen. Nur dann hat er Wurzeln, und nur dann hat er Bestand, dass er auch den Stürmen der Pubertät standhält und von den Heranwachsenden neu entdeckt und vielleicht etwas zurechtgeschnitten wird.


Gartenarbeit lehrt Demut, Rücksicht und Disziplin. Demut, dass nicht alles erzwingbar ist, weil äussere Einflüsse nicht immer zu kontrollieren sind. Rücksicht, weil ich im Einklang mit den göttlichen Naturgesetzen handeln muss, um Erfolg zu haben, z.B. die richtige Jahreszeit zur Pflanzung, geeigneter Standort punkto Sonneneinstrahlung, geeignete Erde etc. Ein ganz wichtiges Naturgesetz ist die Kontinuität, das Dranbleiben. Ohne Disziplin kann die Arbeit von mehreren Monaten innert weniger Tage zerstört werden, z.B. wenn ich bei Trockenheit nicht giesse, oder wenn ich das Unkraut so lange wachsen lasse, bis es die Nutzpflanzen verdrängt. Genauso ist es auch im restlichen Leben. Nur die Kontinuität und Disziplin führen zum Erfolg, zu "Früchten".

Sehr oft denke ich im Garten, diesem grossen Lehrmeister, ans Jenseits. Im Islam wird das Paradies mit dem Gleichnis des Gartens beschrieben in welchem wir dank der Barmherzigkeit Gottes die Früchte unserer Handlungen geniessen können:

Gott hat Gärten für sie bereitet, durch welche Bäche fliessen; darin sollen sie auf ewig verweilen. Das ist die grosse Glückseligkeit. (Koran, 9/89)

Wahrlich, die Bewohner des Paradieses sind heute beschäftigt und erfreuen sich am Genuss. Sie und ihre Gattinnen liegen im Schatten auf Ruhebetten gestützt. Früchte werden sie darin haben und sie werden bekommen, was immer sie begehren. (Koran, 36/55-57)


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