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Mit Religionsunterrichts die "drohenden Ignoranz" der kulturellen Hintergründe verhindern

Ausgehend von der Aufklärung und der Französischen Revolution – bis hin zum Versuch der ganzheitlichen Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Raum – ist der Begriff der Säkularisierung in Europa fester Bestandteil des Diskurses geworden, unter anderem in Bezug auf die Rolle des Christentums in der öffentlichen Schule. Nicht zuletzt konnte das Christentum mit Hilfe des Begriffs der Säkularisierung quasi konserviert werden. Der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) hat in seiner Position vom letzten Oktober "dramatische Veränderungen" in den letzten Jahrzehnten festgestellt: Das Kruzifix an der Wand und die Schulgebete seien mit einigen wenigen Ausnahmen aus dem Schulzimmer verschwunden; die christlichen Feste verkämen immer mehr zu einem "kulturhistorischen Bildungsgegenstand".

"Zwei grosse Herausforderungen"

Der Verband stellt fest, dass es in der schweizerischen Gesellschaft bezüglich der Konfessionszugehörigkeit Veränderungen gegeben hat; immerhin bezeichnen sich gemäss der im Jahr 2000 stattgefundenen Volkszählung 11 Prozent als konfessionslos. Allerdings ist wohl anzunehmen, dass der Prozentsatz noch höher ist, da es bestimmt viele Leute gibt, die zwar formell einer Kirche angehören, ihre Zugehörigkeit aber nicht religiös begründet ist. Viel mehr vermischen sich die verschiedenen Glaubensinhalte; der Dachverband glaubt, dass "die binnenschweizerische Mobilität der Bevölkerung […] überdies in vielen ehedem konfessionell homogenen Gebieten zu einer Durchmischung verschiedener Konfessionen geführt“ hat. Auch die Immigration habe dafür gesorgt, dass sich die Prozentzahlen der jeweiligen Glaubensgemeinschaften verändert haben. Aus dieser Tatsache entstehen für den LCH "zwei grosse Herausforderungen", die mit den Fragen gekoppelt sind, ob einerseits die religiöse Bildung noch Teil des öffentlichen Bildungsauftrags sei und wie andererseits mit den verschiedenen religiös begründeten Ansprüchen und Bedürfnissen der jeweiligen Glaubensrichtungen der Schüler im Unterricht umzugehen sei.

Das sind durchaus zentrale Fragen, die sehr wichtige Problemstellungen thematisieren. Soll der Religionsunterricht, falls man ihn wieder verbindlich einführen soll, christlich gefärbt sein? Oder sollen die verschiedenen Religionen und die damit verbundenen Kulturen aufgezeigt werden, um das Verständnis anderer Kulturen sicher zu stellen und mögliche Stereotypen aus dem Weg zu räumen? Berechtigt das Staatssystem und seine Werte, worauf auch das Bildungssystem basiert, zu einer christlichen Wertevermittlung? Rechtlich gesehen gehört eine Bildung im Sinne der kirchlichen Lehren nicht zum Auftrag der öffentlichen Schulen. Jegliche religiöse Färbung sei sogar zu vermeiden. Nichtsdestotrotz können Angebote durch die Kirche platziert werden – der Besuch hiervon muss aber freiwillig sein.

Die Vermischung der Kulturen als Identitätsverlust?

Hier setzt der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer der Schweiz an: Es sei unumstritten, "dass der Wegfall kirchlich-konfessioneller Bildung als tragende Säule gesellschaftlicher Wertevermittlung nie kompensiert worden ist." Dies gründe unter anderem auf der Tatsache, dass eine "zunehmende Ignoranz" gegenüber der historischen Hintergründe unserer Gesellschaft festgestellt werden müsse. Zusätzlich würden durch Einwanderer und die damit verbundene Vermischung kultureller Hintergründe die Werte der bereits vorhandenen Gesellschaft sozusagen aufgeweicht. Diese Vermischung erfordere ferner Toleranz und Kenntnisnahme der hinzugekommenen Kultur. Aus diesen Gründen müsse die Religion, beziehungsweise dessen verbindliche Vermittlung, wieder fester Bestandteil des Schulunterrichts werden.

Offenkundig ist also ein gewisser Wertezerfall, der von einer Durchmischung mit anderen religiösen Gemeinschaften ausgeht. Haben wir es hier aber wirklich mit einem Verlust zu tun? Könnte man gegebenenfalls nicht auch von einer Bereicherung sprechen? Mit der Konfrontation einer Gesellschaft mit einer anderen Kultur ist unmittelbar der ausgeprägte Diskurs des bereits schon fast verpönten Begriffs des 'Multikulturalismus' verbunden. Aber was ist eine Multi-Kultur? Ein Kulturgebilde, das zwangsweise einwanderungsbedingt hauptsächlich durch Konfrontation und Kollision verschiedener Kulturen geprägt ist? Oder ist es ein Idealzustand, der angestrebt werden will, um eine Einheit und ein Zusammenleben verschiedener Kulturen sicher zu stellen – indem man zum Beispiel gemeinsame Elemente herausstreichen will? Damit stellt sich unweigerlich die Frage nach einer Kultur! Was ist eine Kultur? Eine Gemeinschaft? Wovon ist sie abhängig? Von einer Staatszugehörigkeit oder von einer Konfession? Besteht eine Kultur aus einer Gruppierung? Oder aus Individuen? Was sind Individuen? Und welche Bedürfnisse haben Individuen? Und was macht die Identität des Individuums aus?

Rückkehr der Religionsthematik ins Schulzimmer

Lässt sich eine Antwort auf all diese Fragen im Vorgehen des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer finden? Wäre also eine Aufnahme eines Programms „Werte und Religionen“ sinnvoll? – Die Frage kann, sofern der Titel des Angebots neutral, beziehungsweise rein deskriptiv zu verstehen ist, durchaus bejaht werden. Denn ganz offensichtlich ist Religion ein zentrales Thema, das immer wieder für Konflikte, Unstimmigkeiten und häufig auch für Missverständnisse sorgt. Hier ist es auch unbedingt zu begrüssen, dass der Dachverband qualifiziertes Personal anstellen will, um eine „Briefträgergeographie der Religionen“ als Vermittlungsbasis zu verhindern. Ob das Christentum hier aber besonders stark gewichtet werden soll, da ansonsten eine „kulturelle Entwurzelung“ drohe, den "kurzlebigen, gesellschaftlichen, bzw. kulturellen Moden" die "Herrschaft" überlassen werde, müsste wohl nochmals überdacht werden. Denn wenn damit zum Beispiel der Islam gemeint sein soll, dann wären diesbezüglich Begriffe wie "kurzlebige Mode" kaum angebracht. Die Idee, die in der Position des LHC sehr ausführlich präsentiert wird, insbesondere auch in Bezug zur Aufzeichnung der "Weltreligionen" unter Beachtung der damit verbundenen Philosophie und Lebensweise, ist aber zu begrüssen und bestimmt ein guter Ansatz.

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