Kirchen sterben aus – aber nicht Freikirchen. Tanzende und singende Menschen erleben Gott auf eine neue Art und Weise. Dabei gleichen Gottesdienste von Freikirchen mehr Rock- oder Pop-Konzerten als einer besinnlichen Andacht. In den Medien wird von Sekten gesprochen, die mit ihrem alterspezifischen Angebot vor allem Jugendliche überzeugen. ICF ist eine dieser populistischen Freikirchen.

Was heisst Bekehrung?

Jeden Sonntag besuchen 3'500 Menschen den ICF-Gottesdienst in Zürich, oder eben die „Celebration“, wie sie der Gründer Leo Bigger nennt. Meist werden Konvertiten durch einen Kontakt des sozialen Netzwerkes in ICF eingeführt. Obwohl mit einer Bekehrung ein aktiver Glaube und eine Partizipation bei ICF verbunden sind, kennen Freikirchen keine Mitglieder, und Gottesdienstbesucher sind grundsätzlich konfessionslos. Das heisst, obwohl wir in einer globalisierten, „säkularisierten“ Welt leben, bleibt die Religion ein stetiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Trotzdem aber sprechen ICF „Mitglieder“ von einer Bekehrung zur Kirche bzw. zum Glauben oder Gott. Wie können solche Bekehrungen zu Freikirchen heute verstanden werden und wie wird vom Bekehrungserlebnis berichtet?

In einer qualitativ-sozialwissenschaftlichen Analyse wurde im Rahmen einer Bachelorarbeit dieser Frage nachgegangen. Kann anhand der religiösen Biographie erklärt werden, wieso Menschen sich bekehren? Oder verleitet das soziale Netzwerk dazu, in eine neue Religionsgemeinschaft einzutreten? Muss eine Bekehrung einzig als Bericht verstanden werden, in welchem der Erzähler die Zeit vor der Bekehrung negativ beschreibt und die Zeit danach im positiven Kontrast dazu stellt? Oder verläuft eine Bekehrung in einem Prozess über verschiedene Stufen hinweg?

Gemeinsamkeiten in den Bekehrungserzählungen

Um diesen Fragen auf die Spur zu kommen wurden drei Interviews mit Konvertiten geführt. Tatsächlich lassen sich Gemeinsamkeiten und Muster in den Bekehrungserzählungen von ICF-Gottesdienst-Teilnehmern feststellen. Erstens ist eine Bekehrung nicht an ein bestimmtes Alter gebunden, beispielsweise an das Jugendalter, sondern erfolgt dann, wenn lebenswichtige Entscheidungen anstehen. Der Einfluss der religiösen Biographie sowie eine schlechte Beziehung zu den Eltern können zu einem gewissen Grad bei der spirituellen Suche und Entscheidung bezüglich der Religionszugehörigkeit eine Rolle spielen. Zweitens wuchsen alle drei Interviewpartner nicht in einem atheistischen Kontext auf, sondern machten deutlich, dass sie nie an der Existenz Gottes gezweifelt haben. Alle Probanden beschrieben eine unbefriedigende Vorsituation bezüglich ihres persönlich gelebten Glaubens. Drittens wurden die Bekehrungsberichte dreigeteilt: In eine Zeit vor der Bekehrung, dem Bekehrungserlebnis als lebenswichtiger Wendepunkt und eine veränderte Zeit nach der Bekehrung.

Diese Muster bezüglich der Bekehrungsberichte bedingen keine Kausalität, sondern es handelt sich lediglich um Muster. Das heisst, diese Gemeinsamkeiten können eine Bekehrung begleiten, müssen aber nicht eine Bekehrung verursachen. Daran schliessen sich die Fragen, inwieweit die hier erkannten Muster allgemeingültige Merkmale von Bekehrungsberichten bei ICF oder bei anderen schweizerischen oder internationalen Freikirchen sind. Dass jemals eine allgemeingültige Theorie die allumfassend jegliche Arten von Bekehrungen weltweit analysieren kann, entwickelt wird, ist eher unwahrscheinlich. Denn Bekehrungen sind primär persönliche Geschichten von Individuen und müssen als solche verstanden werden. Auch wenn Gesetzmässigkeiten und Muster gefunden werden können, müssen sie stets als eigenständige Berichte betrachtet werden.

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