Theo SchaadEin Gespräch mit Pfarrer Theo Schaad über die Zukunft der Evangelischen Kirchen der Schweiz

Die Evangelischen Kirchen der Schweiz stehen vor grossen Herausforderungen. Einer Umfeldanalyse zufolge verliert sie in den nächsten Jahrzehnten einen Grossteil ihrer Mitglieder. Der Geschäftsleiter des SEK, des Evangelischen Kirchenbunds, nimmt dazu Stellung.

Ann-Katrin Gässlein: Eine grosse Phase der Herausforderungen stellt sich jetzt. Schliesslich liess der SEK verschiedene Untersuchungen anstellen.
Theo Schaad: Wir wollten bei der Frage der Zukunftsplanung nicht einfach am Grünen Tisch anfangen. Uns hat es interessiert, wie sich die Welt um uns herum entwickelt. Aus diesem Grund haben wir die Umfeldanalyse von Jörg Stolz erstellen lassen, die aktuell in den Schlagzeilen steht.

Die Studie liefert überraschende Aussagen. Zum Beispiel, dass im Jahr 2050 zur noch 20 Prozent der Bevölkerung zur Reformierten Kirche gehören werden. Sind Sie von dieser Prognose erschrocken?
Der Autor Jörg Stolz hat immer betont, dass er die Studie aus Sicht eines Soziologen vorgenommen hat. In der Studie spielen die Hoffnungen des christlichen Glaubens keine Rolle, dass es sich nicht so entwickeln wird, wie die Analyse vermuten lässt. Er betont auch, dass die Untersuchung keine Hinweise darauf gibt, wie geplant werden soll. Sie zeichnet ein Bild, in dem man sich bewegen kann. Aber was die Kirche heute und in den nächsten Jahren zu tun hat, muss sie aufgrund ihres eigenen Auftrags entscheiden!

Stolz hält fest, dass es Mega-Trends gibt, denen sich die Kirchen selbst mit grössten Bemühungen nicht entziehen können. Wie sehen solche Mega-Trends aus?
Dazu gehört sicher einmal die Entflechtung von Religion und Schule, der Trend vom konfessionellen Religionsunterricht hin zu Fächern wie 'Religion und Ethik'. Aber auch die zunehmende Individualisierung, die den Anteil der Kirchenfernen in den letzten zwanzig Jahren stark anwachsen liess.

"Kerngemeinden des Glaubens bleiben bestehen"

Weiter wird angesprochen, dass sich Konkurrenzangebote zu den Kirchen entwickelt haben. Werte werden auch von Nicht-Regierungsorganisationen vertreten und vermittelt. Die Diakonie ist fast ganz vom Staat übernommen worden. Wozu braucht es die Kirchen noch?
Um die Botschaft des Evangeliums zu verkünden.

Und da reicht es nicht, wenn diese Werte auch ohne Bezug auf das spezifisch 'Christliche' vermittelt werden?
Nein, das reicht nicht. Werte brauchen eine Grundlage. Auch die Diakonie wurde uns nicht ganz vom Staat abgenommen. Die Kirchen sind weiterhin 'Lückenbüsser': in der Palliative Care, beim Einsatz für die Working Poor, bei der Migrantenseelsorge.

Der Bericht warnt, dass es ein Minimum an sozialen Beziehungen und einsatzwilligen Personen brauche, damit die Kirche fortbestehen könne. Und in dieser Hinsicht sei der Fortbestand der Evangelischen Kirchen nicht gesichert…
Vielleicht nicht gesichert, aber auch nicht hoch gefährdet. Neben dem Sport sind die Kirchen der Ort, wo am meisten Freiwilligenarbeit geleistet wird. Beim Internationalen Jahr der Freiwilligenarbeit 2011 werden wir diesen Aspekt besonders herausstreichen. Dazu bin ich überzeugt, dass die Kerngemeinden des Glaubens bestehen bleiben.

Bezieht man dieses Bild in die Zukunftsplanung mit ein, kommt man auch um die Frage der Organisation nicht herum.
Der SEK schlägt drei zukünftige Modelle vor: Das erste wäre ein "starker Bund", bei dem die Mitgliedkirchen autonome Grössen bleiben. Im zweiten Modell werden dem SEK alle gebietsübergreifenden Aufgaben übertragen, so auch die Aus- und Weiterbildung der Pfarrpersonen und die Medienarbeit. Das dritte Modell wäre, den Kirchenbund zur leitenden "Evangelischen Kirche Schweiz" umzubauen.

"Wenig Bewusstsein, dass man Teil eines Ganzen ist"

Für welche Option hat der Kirchenbund die grösste Sympathie?
Der Rat ist der Meinung, dass die Bundesebene gestärkt werden sollte. Aus verschiedenen Gründen: Einige Kantonalkirchen sind sehr klein und sind zunehmend auf die grösseren – wie Zürich, Bern und das Waadtland – angewiesen! Daneben gibt es heute wenig Synergien und Absprachen. Kirchliche Projekte entwickeln sich an zwei Orten gleichzeitig, ohne dass man voneinander Bescheid weiss.

An der Basis ist man von der Aussicht einer stärkeren Führung nicht begeistert.
In den Kirchgemeinden wird die bundesweite, oder gar die internationale Ebene kaum wahrgenommen. Es fehlt in der Reformierten Kirche an Bewusstsein, dass man selbst Teil eines grösseren Ganzen ist.

Tun sich nicht auch die einzelnen Mitgliedkirchen mit der Vorstellung einer gemeinsamen Identität schwer?
Kurt Marti hat einmal sinngemäss gesagt, der Protestantismus sei die einzige Konfession, die die Aufklärung verdaut habe. Aber wir leiden bis heute an Verdauungsbeschwerden. Im 19. Jahrhundert wurden in den Kirchgemeinden bewusst Pfarrer eingesetzt, die unterschiedliche theologische Positionen vertraten. Damit die Kirchen nicht auseinander fielen, einigte man sich nach langen Auseinandersetzungen darauf, eine „bekenntnisfreie Kirche“ zu sein. Damit ist auch das Profil der Reformierten ein stückweit verloren gegangen.

Gibt es eine Bewegung hin zu mehr 'Profil' und einem klaren Bekenntnis?
Im letzten Jahr wurde von einer Gruppe von Theologinnen und Theologen ein Werkbuch Bekenntnis herausgegeben. Wir haben es an die Kirchgemeinden geschickt und fragen sie, wie die Menschen im Gottesdienst, im kirchlichen Unterricht, in der Erwachsenenbildung damit umgehen können. Diese Vernehmlassung wird diesen Sommer beginnen. Das zeigt, dass in das Thema Bekenntnis eine gewisse Bewegung kommt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 


Eine Zeit voller Herausforderungen - die düstere Zukunft der Reformierten (religion.ch)

Stolz, Jörg & Ballif, Edmée (2010): Die Zukunft der Reformierten: gesellschaftliche Megatrends - kirchlöiche Reaktionen, Zürich: TVZ.

PDF LogoVerfassungsbericht des SEK zur Umfeldanalyse von Jörg Stolz & Edmée Ballif

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