Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) befasst sich derzeit mit der Frage nach einer Revision seiner Verfassung. Diesbezüglich hat die SEK eine Studie zur Zukunft der Reformierten in Auftrag gegeben. Jörg Stolz und Edemée Ballif vom Institut L'Observatoire des religions en Suisse (ORS) der Universität Lausanne haben sich dieser Forschung angenommen – mit höchst brisanten Ergebnissen, die im noch unveröffentlichten Forschungsbericht "Die Zukunft der Reformierten" geschildert werden. Mit Blick auf diese Ergebnisse verfasste der Rat der SEK einen Bericht und Antrag an die Abgeordnetenversammlung  bezüglich der Teil- beziehungsweise Totalrevision seiner Verfassung.

Die religionssoziologische Studie von Stolz / Ballif über die Zukunft der Reformierten beruht auf 53 Interviews mit Mitgliedern und Mitarbeitenden der SEK sowie mit Verantwortlichen der Mitgliedkirchen der SEK sowie auf der Analyse kircheninterner Dokumente. Sie macht auf in der Gesellschaft stattfindende Megatrends, d. h. globale soziale Veränderungsprozesse aufmerksam, die gewichtige Auswirkungen auf die Mentalität der Gesellschaft und damit auf die Mitgliedkirchen besitzen.

Acht "Megatrends"

Der erste Megatrend stellt die zunehmende Entflechtung der einzelnen nach eigenen Funktionslogiken handelnden gesellschaftlichen Teilsysteme dar. In unserem Zusammenhang von besonderer Relevanz ist die Abkoppelung des Staats von der Kirche, sowie der Schule von der Kirche. Schliesslich zeigt die Studie einen zweiten Megatrend in Richtung einer zunehmenden Individualisierung auf: Das Individuum wird vermehrt aus den traditionellen Sozialstrukturen entlassen, die Wahl des Bildungsniveaus, der Konfession oder des Wohnorts stehen ihm prinzipiell frei. Ein dritter Megatrend bezieht sich auf die Entstehung neuer Lebensformen, ausgedrückt etwa im Zusammenleben im Konkubinat oder in einer religiös gemischten Ehe. Der zunehmende Schwund traditioneller Pflichtwerte zugunsten von Selbstentfaltungswerten umfasst der vierte Megatrend. Schliesslich sehen sich die Kirchen im Rahmen des fünften Megatrends mit ihren „Produkten“ zunehmend der Konkurrenz säkularer Angebote (z. B. Esoterik) ausgesetzt. Als sechster Megatrend wird eine zunehmende religiöse Pluralität in der Schweizer Gesellschaft beschrieben: Während grössere traditionelle Kirchen schrumpfen, wachsen parallel dazu kleinere Gemeinschaften,  etwa die der Evangelikalen oder die der Hindus. Darüber hinaus macht die Studie deutlich, dass die Zahl der Konfessionslosen stetig ansteigt.  Schliesslich spiegelt sich eine veränderte Medienlogik im siebten Megatrend wider: Soll ein Medienprodukt Aufmerksamkeit erzielen, so muss es das „Sensationsbedürfnis“ befriedigen können. Der achte Megatrend weist darauf hin, dass die Medien vermehrt Interesse an religiösen Themen zeigen – eine Relativierung folgt aber unmittelbar: Dieses Interesse ist fast gänzlich an der weltpolitischen Debatte rund um den Islam sowie an Huntingtons These eines Clash of Civilizations (1993) gekoppelt.

Diese Megatrends haben insgesamt zentrale Auswirkungen auf die Situation der Gemeinden und Kirchen:  Die Zahl der Mitglieder der reformierten Kirchen nimmt kontinuierlich ab: Gehörten um 1900 noch rund 60 Prozent der Bevölkerung der reformierten Kirche an, so sank diese Zahl gegenwärtig auf 33 Prozent. Diese Zahl wird künftig – so die Prognose der Studie – weiter abnehmen. Parallel dazu geht auch der Gottesdienstbesuch stark zurück – nur 10 Prozent der gegenwärtigen Kirchenmitglieder besuchen den Sonntagsgottesdienst wöchentlich.

"Für einen Kirchenbund in guter Verfassung"

Mit Blick auf die von der Studie erstellten Prognosen schlägt der Bericht eine Neuorientierung des Kirchenbundes und der Mitgliedkirchen unter Berücksichtigung der Megatrends, die die Rahmenbedingungen festlegen, vor. Denn obwohl die Mitgliedkirchen meist mit eigenen Strategien auf die Auswirkungen der Megatrends reagieren – man denke an die Neugestaltung von Gottesdiensten oder eine veränderte Medienpräsenz – bedürfe es einer gemeinsamen Strategie angesichts dieser neuen Herausforderungen. Inhaltlich werden vom Bericht eine Ausdifferenzierung der nationalen wie internationalen kirchlichen Identität, eine Positionierung der Kirche angesichts ihres veränderten Verhältnisses zur Gesellschaft, eine Neustrukturierung und Neuorganisation der kirchlichen Führung sowie eine verbesserte Koordination der überregionalen kirchlichen Gemeinschaft und der überregionalen Kooperation gefordert. Im Hinblick auf die Organisation und die Struktur sowie dem Aufgabenbereich der SEK unter Berücksichtigung dieser inhaltlichen Forderungen skizziert der Bericht drei alternative Modelle zur Teil- bzw. Totalrevision der Verfassung des SEK.

Notwendigkeit einer Einbindung in den "religiösen Wettbewerb"

"Als Christinnen und Christen wirken wir auf die Megatrends in der Gesellschaft und werden durch sie beeinflusst" (SEK 2010: 33). Dieses Zitat zusammen mit den oben dargestellten inhaltlichen, strukturellen und organisatorischen Bestrebungen des Rates der SEK scheinen darauf zu deuten, dass die Kirche allmählich zu akzeptieren gewillt ist, was der Religionssoziologie José Casanova bereits 1994 festgestellt hat: Erstens werden religiöse Gemeinschaften in westlichen modernen Gesellschaften besonders seit ihrer Trennung vom Staat massgeblich durch den gesellschaftlichen Wandel beeinflusst. Daraus folgt zweitens, dass religiöse Gemeinschaften, wollen sie nachhaltig gesellschaftliche Relevanz besitzen, ihre Trennung vom Staat akzeptieren und sich dem Wettbewerb verschiedener Formen der säkularen und religiösen Heils- und Sinnsuche auf der Ebene der Zivilgesellschaft öffnen müssen. Nach Casanova führt in diesem Wettbewerb im Umfeld moderner Gesellschaften kein Weg an einer religionsinternen Auseinandersetzung mit den modernen gesellschaftlichen Strukturen vorbei – denn nur so steigt ihre Chance auf gesellschaftliche Akzeptanz und einer damit verbundenen Stabilisierung der Mitgliedschaften.


Interview mit Theo Schaad, Geschäftsführer des SEK (religion.ch)

Stolz, Jörg & Ballif, Edmée (2009): Die Zukunft der Reformierten: gesellschaftliche Megatrends - kirchliche Reaktionen, Zürich: TVZ.

PDF LogoVerfassungsbericht des SEK zur Umfeldanalyse von Jörg Stolz & Edmée Ballif

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