Im Abstimmungs-Diskurs zur Anti-Minarett-Initiative wird von Seiten der Initianten und von gewissen Medien behauptet, das Minarett sei Symbol eines religiös-politischen Machtanspruchs der Muslime, welche in der Schweiz die Scharia einführen, an ihr orientierte Parallelgesellschaften aufbauen und den Schweizer Rechtsstaat unterwandern wollten. Zudem sorgten Medienmeldungen für Aufruhr, wonach ein Schweizer Professor zumindest die Einführung von bestimmten Elementen der Scharia fordere. Der folgende Beitrag beabsichtigt, einige grundlegende Informationen zur Scharia und ihrer gegenwärtigen Anwendung in islamischen und westlichen Staaten zu vermitteln und am Beispiel des Familienrechts die zentrale Frage der Vereinbarkeit von Scharia und Menschenrechten zu erörtern.

Ursprünglich stammt der arabische Begriff ‚Scharia’ aus der Sprache der Beduinen und bezeichnet dort den Weg zur Tränke bzw. einen deutlichen, gebahnten Weg. Der Begriff ist abgeleitet aus dem Verb 'schara'a', was "den Weg weisen" bzw. "vorschreiben" bedeutet. Für die meisten Muslime ist die Scharia die von Gott gesetzte Ordnung, also ein System von religiös fundierten Regeln. Auf Deutsch wird 'Scharia' meist mit dem Ausdruck 'islamisches Recht' übersetzt.

Gegenstand, Quellen und Entwicklung der Scharia

Die Scharia ist ein Rechtssystem, das alle Sphären des öffentlichen und privaten Lebens im Islam umfasst. Es regelt insbesondere die kulturellen und religiösen Pflichten der Muslime (Ritualrecht, u.a. die 'fünf Säulen des Islam'), aber auch wirtschaftliche Fragen (Vertragsrecht) und Fragen im Bereich des Straf- und des Personenstandsrechts. Zu Fragen der Staatsführung (Staatsrecht) finden sich in der Scharia hingegen keine Bestimmungen.

Die Scharia basiert auf vier Quellen. Die erste und wichtigste Quelle ist der Koran, der etwa 500 Verse (ca. 8 Porzent) mit juristischem Bezug enthält. An zweiter Stelle stehen die Hadithen, die überlieferten Aussprüche und Handlungen des Propheten. Um Antworten auf neue, in diesen beiden Quellen nicht behandelte Rechtsfragen zu finden, wurden Koran und Hadithen etwa ab dem 1. Jahrhundert islamischer Zeitrechnung von Rechtsgelehrten interpretiert. Den Konsens der Rechtsgelehrten in der Interpretation einer Rechtsfrage nennt man Idschma. Das Idschma-Prinzip wurde zur dritten Quelle der Scharia und ist fast gleichrangig wie Koran und Hadith. In der heutigen Zeit ist es nicht mehr möglich, einen Idschma zu finden, da es inzwischen zu viele Rechtsgelehrte gibt, die keine für die gesamte Glaubensgemeinschaft gültigen Urteile mehr fällen können. Deshalb gibt es noch den Analogieschluss (Qiyas) als vierte Quelle der Scharia. Dieses Verfahren wird bei Rechtsfragen angewendet, die anhand der drei oben genannten Quellen nicht gelöst werden können. Dabei wurden bereits vorliegende Rechtsvorschriften, die man aus den ersten drei Quellen abgeleitet hatte, durch Analogie auf die neu zu beantwortende Rechtsfrage übertragen.

Die Bewertung und Bestrafung einer Handlung in der Scharia

Damit eine Handlung rechtlich überhaupt relevant bzw. rechtsgültig ist muss sie auch im islamischen Recht verschiedene Voraussetzungen erfüllen. Eine dieser Voraussetzungen ist die "Absicht", die einer Handlung zugrunde liegen soll, sonst ist diese rechtlich irrelevant. Erfüllt eine Handlung alle Voraussetzungen, dann wird sie in eine der folgenden fünf Kategorien eingeteilt und je nach Einteilung sowohl im Diesseits als auch im Jenseits belohnt oder bestraft: (1) "Notwendige" bzw. "pflichtmässige" Handlungen (fard / wadschib); Handlungen in dieser Kategorie werden belohnt, ihr Unterlassen bestraft. Innerhalb dieser Kategorie wird noch unterschieden zwischen persönlichen Pflichten, denen jeder Muslim nachkommen muss (z.B. tägliches fünfmaliges Gebet), und gemeinschaftlichen Pflichten, bei denen es genügt, wenn eine ausreichende Anzahl der Muslime daran teilnimmt (z.B. Dschihad). (2) Die zweite Kategorie umfasst die "empfehlenswerten" Handlungen (mandub / mustahabb / sunna); diese Handlungen werden belohnt, ihr Unterlassen aber nicht bestraft. (3) Die dritte Kategorie betrifft "erlaubte", indifferente Handlungen (mubah / halal); hier kann das Individuum selbst über die Ausführung oder Unterlassung entscheiden, es sind weder Belohnung noch Bestrafung vorgesehen. (4) Die vierte Kategorie beschreibt "verwerfliche", "missbilligte" Handlungen (makruh); es sind Handlungen, die das Gesetz zwar nicht bestraft, deren Unterlassung jedoch gelobt wird. (5) Die fünfte Kategorie enthält schliesslich die "verbotenen" Handlungen (haram); der Täter wird hier bestraft, der Unterlasser gelobt. Zu den haram-Handlungen gehören z.B. der Genuss von Alkohol, Diebstahl, Unzucht, Geschlechtsverkehr zwischen Männern und das Abfallen vom Glauben. Das Strafmass für verbotene Handlungen ist in der Scharia v.a. im Koran und den Hadithen festgelegt. Als Strafen sind für bestimmte Vergehen auch das Auspeitschen, Steinigen und das Abhacken von Händen vorgesehen. Im Westen wird der Begriff Scharia vor allem mit solch drakonischen Körperstrafen assoziiert und häufig auch darauf reduziert.

Anwendung der Scharia in islamisch geprägten Staaten

In den islamisch geprägten Staaten wurde die Scharia anfangs nicht als 'islamisches Recht' verstanden, sie war vielmehr das einzig bekannte Recht. Das Prädikat 'islamisch' erhielt die Scharia erst durch den europäischen Kolonialismus, der in einigen Kolonien sein eigenes Rechtssystem einführte. Vor allem das öffentliche Recht wurde in vielen Staaten westlich geprägt, während das Privatrecht meist im islamischen Recht belassen wurde.
Seit der Mitte der 1970er Jahre nimmt die Bedeutung der Scharia in einigen islamisch geprägten Staaten im Zuge eines islamic revival wieder zu. Dessen Anhänger fordern u.a. die Wiedereinführung der Scharia im öffentlichen Recht. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen fehlt es in einigen Staaten an Rechtssicherheit durch die gleichzeitige Geltung der Scharia und des Kolonialrechts. Zum zweiten will man durch diese Forderung die politischen Eliten in Misskredit bringen, die es trotz Modernisierungsmassnahmen nicht geschafft haben, die Erwartungen der Bevölkerung nach einer Beendigung der Armut zu erfüllen.
Da die Scharia auf verschiedenen Quellen basiert und nie in Gesetzbüchern kodifiziert wurde sind je nach Land leicht abweichende Scharia-Versionen und unterschiedliche Interpretationen in Gebrauch. Derzeit wenden mehr als 50 Staaten in der Welt die Scharia an oder inspirieren sich an ihr. Staaten wie Saudi-Arabien, Oman und Pakistan setzen die Scharia – abgesehen von Ausnahmen in einzelnen Rechtsbereichen – mit ihrer Rechtsordnung gleich. In anderen Staaten wird die Scharia heute in der Verfassung als Quelle der Rechtsschöpfung anerkannt, z.B. in Ägypten, Libanon und den Vereinigten Arabischen Emiraten; in einigen Staaten wie Nigeria und Sudan gilt die Scharia nur in den islamisch dominierten Regionen. Eine dritte Gruppe von Staaten schaffte die Scharia ab, z.B. die Türkei mit der Verfassung von 1924 oder Tunesien mit der Verfassung von 1959.

Anwendung der Scharia in westlichen Staaten

Einige westliche Staaten lassen für ihre muslimische Minderheit Elemente der Scharia zu und akzeptieren somit wie viele ihrer ehemaligen Kolonien zwei parallele Rechtssysteme auf ihrem Territorium. So gilt für die etwa 100'000 türkischsprachigen Muslime im Norden Griechenlands bei erbrechtlichen und familienrechtlichen Angelegenheiten die Scharia, sofern sie dies wünschen. Die Vereinbarung geht auf den Vertrag von Sèvres zurück, in dem in erster Linie der Schutz von Minderheiten geregelt wird, deren Siedlungsgebiete seit 1913 Griechenland angeschlossen wurden. Die UNO und die Europäische Union haben Griechenland bereits mehrfach aufgefordert, die Scharia-Gerichtsbarkeit abzuschaffen.

In Kanada erlaubte es der 1991 in der Provinz Ontario eingeführte Arbitration Act Christen, Juden und Muslimen, häusliche Dispute wie Scheidungs-, Vormundschafts- und Erbschaftsklagen vor einem religiösen Schiedsgericht zu verhandeln, wenn alle Parteien damit einverstanden waren. Die Urteile dieser Schiedsgerichte waren rechtskräftig, sofern sie nicht kanadischem Recht widersprachen. Damit hatte die Scharia in Ontario in Spezialfällen Gültigkeit und wurde auch angewendet. 2005 wurde der Arbitration Act – auch aufgrund internationaler Proteste – so abgeändert, dass  Entscheidungen auf Grund von religiösen Gesetzen nicht mehr möglich sind.

In Grossbritannien sorgte im Februar 2008 das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Rowan Williams, für Kontroversen mit der Forderung, dass Teile der Scharia als geltendes Recht übernommen werden sollten, um Spannungen in der multikulturellen Gesellschaft abzubauen. Laut Williams ignoriere das gegenwärtige Rechtssystem, "dass die Bürger aus unterschiedlichen Kulturen kommen, verschiedene Glaubensrichtungen praktizieren. So kommen sie oft in den Konflikt, entweder dem Staat gegenüber loyal zu sein oder der eigenen Kultur. Da liegt die Gefahr im gegenwärtigen Rechtssystem."  Dieser Loyalitätskonflikt lasse sich durch die Übernahme von Elementen der Scharia z.B. im Bereich des Zivilrechts vermeiden. So könnten Ehekonflikte nach islamischem Recht gelöst werden, und nach islamischem Recht getraute Paare könnten sich auch wieder nach diesem Recht scheiden lassen, da die Scheidung nach englischem Recht im islamischen Recht oft nicht anerkannt werde. Die Forderung nach Einführung von Elementen der Scharia wird unterstützt von Lord Phillips, dem höchsten Richter Grossbritanniens, und auch von indo-pakistanischen Muslimen, die in ihren Heimatländern ebenfalls zwei Rechtssysteme und damit einen Rechtspluralismus kannten, das eigene Scharia-Recht und das Recht der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien. Britische Politiker, Medien und Vertreter von Kirchen äusserten teilweise heftige Kritik an dieser Forderung.

Inspiriert durch Williams' Forderung schlug Christian Giordano, Professor für Sozialanthropologie an der Universität Fribourg, in einem im Dezember 2008 veröffentlichten Essay vor, in bestimmten Bereichen des positiven Rechts andere Rechtsmechanismen zu integrieren, mit deren Hilfe kultureller und soziokultureller Vielfalt Rechnung getragen werden soll. In fast allen ethnisch und kulturell pluralistischen Gesellschaften herrsche nämlich bereits ein inoffizieller Rechtspluralismus, was aber meist verneint oder ignoriert werde, weil er als Gefahr für den sozialen Zusammenhalt und als Angriff auf den Grundsatz der Gleichheit aller Bürger gelte. Bei einem offiziell anerkannten, "integrierten" Rechtspluralismus müsse sich jedes Gericht dem Staat und der Verfassung unterstellen, und die Individuen sollten selbst entscheiden können, welchen Rechtsmechanismen und dazugehörigen Verfahren sie unterworfen werden möchten. Ein solcher Rechtspluralismus könne aber nur in bestimmten Rechtsbereichen angewendet werden, z. B. im Zivil- und Familienrecht sowie im Finanz- und Wirtschaftsrecht, nicht aber im Strafrecht. Ein integrierter, d.h. staatlich kontrollierter Rechtspluralismus sei besser als der jetzige Zustand inoffizieller Rechtsvielfalt. Ein solcher Rechtspluralismus fördere zudem die Integration von Migrantinnen und Migranten.

Vereinbarkeit von Scharia und Menschenrechten am Beispiel des Familienrechts

Die Forderung von Rechtspluralisten nach Einführung von Elementen der Scharia in europäische und nordamerikanische Rechtssysteme ist von verschiedenen Seiten kritisiert worden, so auch von der jemenitisch-schweizerischen Muslimin und Politologin Elham Manea. Sie hält die Argumente der Rechtspluralisten, wonach die teilweise Einführung der Scharia nur Einfluss auf zivilrechtliche und familienrechtliche Angelegenheiten habe und die Menschenrechte, insbesondere die Gleichberechtigung von Mann und Frau, nicht tangiert würden, für falsch. (Die folgenden Abschnitte sind eine Zusammenfassung eines unveröffentlichten Referates von Elham Manea, gehalten an einer Tagung der Gemeinschaft von Christen und Muslimen in der Schweiz zum Thema 'Schlagwort Scharia' vom 26.09.09 in Emmenbrücke / LU.)
Manea verweist zunächst auf historische Auseinandersetzungen unter muslimischen Gelehrten zu diesem Thema. So hätten islamische und arabische Intellektuelle und Schriftsteller beiderlei Geschlechts bereits ab Mitte 19. Jahrhundert einen kritischen Diskurs über die Scharia geführt, der sowohl die Geschlechterfrage als auch die Problematik der Scharia in Familien-Angelegenheiten beleuchtete. Zahlreiche Gelehrte betonten, dass die Emanzipation der Frau eine Bedingung sei für die Entwicklung der Gesellschaft. Diese Emanzipation könne jedoch ohne Änderung der Familiengesetze, die das Leben der Frauen regeln, nicht erreicht werden.

Der tunesische Scharia-Gelehrte Al Taher Al Hadad verlangte bereits 1930 folgende Reformen im Familiengesetz: Frauen sollten den Männern zivilrechtlich gleichgestellt sein; das Mindestalter für die Ehe sollte auf 18 Jahre festgesetzt werden; im Falle einer Scheidung sollten zivile Gerichte zwischen Ehemann und Ehefrau entscheiden; die Polygamie sollte abgeschafft und die Gleichberechtigung in Erbschaftsangelegenheiten eingeführt werden. 1956 reformierte Tunesien das Familiengesetz, indem dessen religiöse Grundlage durch einen zivilrechtlichen Code ersetzt und alle Forderungen Al Hadads übernommen wurden, mit Ausnahme der Gleichberechtigung in Erbschaftsangelegenheiten.
Das UNO-Entwicklungsprogramm untersuchte für seinen von arabischen Experten verfassten und 2005 erschienenen Arab Human Development Report den Status der Frauen in arabischen Gesellschaften. Der Bericht zeigt, dass viele arabische Frauen in ihren Gesellschaften weiterhin diskriminiert werden durch Behörden, Gesetze und ihre eigenen Männer und Verwandten. Der Bericht fordert deshalb eine Reform des Scharia-basierten Familiengesetzes und verweist dabei auf Tunesien als Vorbild.

Manea schliesst an diese Argumentation an und verweist darauf, dass es ganz einfach nicht möglich sei, "islamisches Gesetz in Familienangelegenheiten zu tolerieren, ohne auch in Kauf zu nehmen, dass grundlegende Menschenrechte verletzt werden." Das traditionelle islamische Recht beruhe auf der Ungleichheit der Geschlechter und beschränke die Rechte der Frauen, z.B. im Bereich des Eherechts. Manea spricht sich deshalb klar gegen Ideen und Forderungen aus, islamisches Gesetz in westlichen Rechtssystemen zuzulassen. Ein solcher Rechtspluralismus führe zur Entstehung von Parallelgesellschaften und verhindere dadurch die Integration der muslimischen Minderheit.


Mathias Tanner arbeitet bei der Fachstelle Migration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und ist Mit-Herausgeber von: Streit um das Minarett. Zusammenleben in der religiös pluralistischen Gesellschaft. Zürich: TVZ, 2009."

Rezension zu "Streit um das Minarett" - ein vielschichtiges Portrait eines brisanten Themas auf religion.ch

Hollenstein, Pascal: Scharia-Gerichte in der Schweiz? Freiburger Professor verlangt Sonderrecht für Muslime und andere, in: NZZ online, 28.12.2008.

PDF Logo Manea, Elham: Islamisches Recht in der Schweiz wäre verheerend, in: NZZ am Sonntag, 04.01.2009.

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