Christian RutishauserIm Frühjahr startet das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn gemeinsam mit dem Romero-Haus Luzern und dem Zentrum Theologie Interkulturell der Universität Salzburg den Studiengang Spirituelle Theologie im interreligiösen Prozess. Jesuitenpater Dr. Christian Rutishauser war führend bei der Konzeption des Lehrgangs, der einen Masterabschluss zum Ziel hat.

Ann-Katrin Gässlein: 'Interreligiöser Dialog' ist das Stichwort. Das liegt im Trend. Wie man sieht, auch in der Nachdiploms-Bildungslandschaft…
Christian Rutishauser: Wir beobachten heute in der Schweiz zwei 'Dialog-Phänomene', die wenig miteinander zu tun haben. Das erste ist ein typisches Migrations-Phänomen und betrifft weitgehend den Dialog mit dem Islam: Die Schweizer Bevölkerung hat mit muslimischen Einwanderern zu tun, mit Arbeitern, die nicht akademisch gebildet sind und ihre religiösen Traditionen kaum reflektieren. In der Debatte geht es um politische und soziale Fragen, wie den Bau von Minaretten oder die Teilnahme von muslimischen Kindern am Schwimmunterricht – und die Lösungen, die gesucht werden, sind praktischer Natur. Diese Debatte wird in unserer Gesellschaft technisch geführt.

Davon zeugen die zahlreichen Dialog-Gruppen, die sich in fast allen Kantonen gebildet haben. Und daneben?
Auf der anderen Seite steht der Dialog mit 'Asien' im weitesten Sinn, mit dem Buddhismus, mit der Lehre des Dalai Lama, mit Yoga und Ähnlichem. Hier sucht eine schweizerische Mittel- und Oberschicht, die sich sinnentleert fühlt und den religiösen Sinn verloren zu haben scheint, einen Weg zurück zur Spiritualität. Diese Personen sind gut etabliert und ausgebildet und in ihrer Auseinandersetzung mit östlichen Religionen geht es eigentlich kaum um politische Fragen.

Es gibt unglaublich viele religiös entwurzelte Menschen

Suchen diese Menschen überhaupt einen inter-religiösen Dialog? Lehnen sie nicht vielmehr den Begriff 'Religion' für sich selbst ab?
Nicht unbedingt. Viele von ihnen kommen langsam wieder zum Religionsbegriff zurück, verstehen ihn aber als privaten, geistlichen Weg, der sicher nichts mit einer Institution, einer Kirche oder Ähnlichem zu tun hat. Oft wird der Begriff auch ganz durch das Wort 'Spiritualität' ersetzt.

Und das ist die Zielgruppe für den neu konzipierten Studiengang?
Angesprochen sind Menschen, die ihr interreligiöses Wissen vertiefen und sich auf eine spirituelle Weiterbildung einlassen wollen; Männer und Frauen, die im Bildungsbereich, in Kirchen und Orden oder sozialen Berufen tätig sind. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die eigene religiöse Verortung! Und die ist nicht immer gegeben.

Wie ist das zu verstehen?
In der heutigen Zeit gibt es unglaublich viele religiös entwurzelte Menschen. Sie erliegen der Illusion, dass sie ihre eigene Tradition – das ist in den meisten Fällen noch die christliche – kennen. Faktisch befinden sie sich aber auf einem späten Teenager-Stand. Sie erinnern sich vage an Aussagen und Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Jugend und beschliessen, dass das Christentum eine naive Kinderreligion sei. So glauben sie, das Christentum würde den Ansprüchen rational denkender, aufgeklärter Menschen nicht genügen – ein fataler Irrtum.
Dazu kommt, dass sich seit zwei, drei Jahrzehnten das Christentum auf der Anklagebank befindet. Christen hätten allen Grund, stolz auf ihre Tradition zu sein. Schauen wir uns nur die karitativen und sozialen Institutionen an, Spitäler, Schulen, Heime etc, die oft von der Kirche, Orden oder christlichen Gemeinschaften gegründet und später dem Staat oder säkularen Institutionen übergeben wurden. Auch der interreligiösen Dialog selbst wird gerade von Christen forciert. Leider wird heute oft nur die „Kriminalgeschichte des Christentums“ wahrgenommen. Das liegt unter anderem daran, dass sich viele Menschen nur noch über die Medien über das Christentum informieren und für diese sind Geschichten von Hexenverbrennungen, Kreuzzügen und pädophilen Priestern natürlich interessant. Einer Religion mit einer solchen Geschichte will man nicht mehr angehören – so die Haltung vieler Menschen. Es braucht wieder konkrete Erfahrung des Christseins vor Ort.

Wie sieht das Profil der Personen aus, die sich bislang angemeldet haben?
Im Moment haben wir 22 Anmeldungen für den Lehrgang; die Obergrenze liegt bei 30 Personen. Die Anmeldungen zeigen ein breites Spektrum: Vom Pfarrer über Gerichtsmediziner, Juristen und Sozialarbeiterinnen handelt es sich um Menschen, die gesellschaftlichen Entwicklungen mit offenen Augen wahrnehmen. Zum Teil hat persönliches Interesse zu einer Anmeldung geführt, aber zwei Drittel können durch den Lehrgang Kompetenzen für ihren Arbeitsplatz erwerben.

Schrecken die hohen Kurskosten nicht etwa potentielle Interessenten ab?
Im Vergleich zu ähnlichen Abschlüssen liegen wir mit den Kosten im Mittelfeld. Und man muss den Preis auf drei Jahre verteilt sehen. Schliesslich haben wir nur beste Leute als Referenten und Referentinnen ausgesucht, die natürlich nicht billig sind und ausserdem oft mit dem Flugzeug anreisen müssen.

Unser Ansatz ist kein religionswissenschaftlicher

Unter den Dozenten befinden sich viele bekannte Personen, aber kaum klassische Religionswissenschaftler. Warum?
Wir haben klar festgehalten, dass der Zugang zur Spiritualität, den wir in diesem Studiengang vermitteln, nicht nur ein religionswissenschaftlicher ist. Religionswissenschaft will in der Auseinandersetzung mit Religionen oft einen übergeordneten Standpunkt einnehmen und vergisst dabei, dass es einen solchen nicht gibt. Die scheinbar neutrale Position ist eine aufklärerische, rationale, westeuropäische! Das ist kein Problem, doch sollte man dazu stehen und seine Interesse offen legen. Unser Studiengang wird von christlichen Institutionen getragen. Bei den Dozenten handelt es sich um Angehörige der verschiedenen Religionen und um christliche Theologen mit speziellen Schwerpunkten im interreligiösen Bereich. Von der eigenen religiösen Tradition aus mit den anderen in einen Dialog zu treten, ist gerade das entscheidende. Dabei wird auch die eigene Identität erneuert. Um es in einem Bild auszudrücken: Es geht darum, dem eigenen „Baum“ Wurzeln zu geben und die Äste so weit wie möglich zu den anderen auszustrecken. Oder anders gesagt: Im Spiegel des Anderen erkennt man sich selbst – ich tendiere dazu, zu sagen: Nur durch den Anderen.

Religionen unter sich würden reaktionär werden

Das Programm des Studiengangs liest sich ganz traditionell: Aufgeführt werden die „Grossen Fünf“, immer geht es um Impulse aus den so genannten Weltreligionen Islam, Judentum, Christentum, Buddhismus und Hinduismus. Eine Auseinandersetzung mit dem Atheismus ist nicht vorgesehen?
Doch, zum Teil wird das in den Modulen Religionssoziologie und –philosophie abgedeckt. Jeder Dialog muss sich auch der säkularen Welt stellen, muss die Auseinandersetzung mit der kritischen Philosophie suchen. Die Religionen allein unter sich würden sonst reaktionäre Züge annehmen. Das Christentum hat über die Jahrhunderte hinweg immer auf die philosophischen Zeitströmungen reagiert, sich an Aristoteles, Platon und anderen gerieben. Ausserdem steckt schon in der Theologie selbst ein solcher Ansatz. Sie meint ja nicht einfach 'Christlicher Glaube', sondern ist eine kritische, reflektierte Tradition, die durch die Aufklärung gegangen ist.


Lassalle HausDas Lassalle-Haus Bad Schönbrunn ist ein Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung und steht im Dienst der Erwachsenenbildung für die Schweiz und das benachbarte Ausland. Es wird vom Jesuitenorden geführt und ist eine gemeinnützige Institution in der rechtlichen Form eines Vereins. Das Leitbild beschreibt das Lassalle-Haus als Zentrum für ganzheitliche Bildung, Ort der Begegnung und Zugehörigkeit, christlich geprägt und offen für Menschen aller Disziplinen, Kulturen und Religionen. Über 150 Eigenkurse des Lassalle-Hauses stammen aus den Rubriken Zen-Meditation, ignatianische Exerzitien, Kontemplation, Begegnung der Religionen, Spiritualität im Alltag, Gesundheit und Liturgie-Kunst-Tanz.

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