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MünzenJeder ökonomische Akt ist ein Akt des Glaubens

Da ein Kreditschein nicht mehr den Nominalwert von Geld materiell ausdrückt, gilt für das Funktionieren der Wirtschaft einzig und allein der Glaube an den realsymbolischen Wert desselben (vgl. Schnaas 2012: 23-30). Börsen als Institutionen, deren Kerngeschäft gerade der Handel mit Wertpapieren ist, aktualisieren diesen Glaubensakt im täglichen Wirtschaften immer wieder. In Analogie zum Kirchen(raum) als Ort, in dem der Gläubige betet, über Gott nachdenken kann und dadurch seinen Glauben aktualisiert und bekundet, kann meines Erachtens die Institution der Börse verstanden werden.

Die Schnittstelle zwischen Börse (Präsenzbörse) und Kirche zeigt sich in der räumlichen Möglichkeit den Glauben zu aktualisieren. In der Börse manifestiert sich dieser als Glaube an zweierlei Phänomene: einerseits an das materiell, räumlich nicht präsente und abstrakte Wertgeld, andererseits an das zeitlich Nicht-Präsente, weil der Spekulant in einer Zukunftserwartung handelt.

Die Tätigkeit an der Börse basiert auf einem religiösen Akt per se

Gemäss Luckmanns Einteilung in Transzendenzen stellen diese Formen von nicht präsenten Gegenständen „kleine Transzendenzen“ im Sinne eines aufgrund zeitlicher und räumlicher Schranken entstandenen Nichterfahrens dar (vgl. Luckmann 1991: 167f. ). Da Luckmann Religion als „gesellschaftliche Konstruktion“ von Transzendenzerfahrung (vgl. Ibid.: 171) definiert, wird die Tätigkeit an der Börse nicht nur zu einem auf Glauben basierenden Handeln, sondern zu einem religiösen Akt per se. Die aufgrund der Unfähigkeit, die Zukunft vorherzusehen, gegebene Transzendenzerfahrung im Akt der Spekulation wird an der Börse kollektiv ausgehandelt, denn über das zeitlich noch Transzendente bzw. über das, was die Zukunft bringt, wird diskutiert und spekuliert. Das Nicht-Präsente, das durch den Glauben an den realen Wert von blossem Wertpapier konstituiert ist, wird in Präsentes umgewandelt, sobald Wertpapiere wieder verkauft und der erzielte Gewinn in Material umgewandelt wird, womit Transzendentes zu Immanentem wird. Die Börse stellt demnach einen Ort dar, wo eine Überwindung „kleiner Transzendenzen“ stattfindet. In ähnlicher Weise bestätigt der Kirchgänger in der Kirche durch das Hören von Gottes Wort aus der Bibel den Glauben an das materiell Nicht-Präsente (deus absconditus).

Live Ticker und die "kleine Transzendenz"

Der Aktienkurs, der mit dem Ticker und heute im Internet realzeitlich verfolgt werden kann, vermag die „kleine Transzendenz“ als das zeitlich Nicht-Erfahrbare zu überwinden, indem in Sekundenschnelle jede „kleine Transzendenz“ als Potentialität in Aktualität (vgl. Ibid.: 82) umgewandelt wird. Insofern erbringt der Aktienkurs ähnlich wie Religion, wenn deren Funktion denn als das Überführen von Unkontrollierbarem in Kontrollierbares verstanden wird (vgl. Stolz 2001: 13f.), die vergleichbare Leistung, die Unkontrollierbarkeit von Weltgeschehnissen und die durch die subjektive Beschränktheit des menschlichen Horizonts gegebene Unwissenheit über das Handeln der Mitmenschen einer Gesellschaft – wann kauft ein Mensch Aktien und was genau bewegt ihn wann dazu? - technisch kontrollierbar bzw. einschätzbar zu machen.

Schuld: Spekulation und negative Konnotation

Schuld stellt eine weitere Schnittstelle zwischen Börse und Kirche dar, denn, während diese in der christlichen Theologie zweifellos eine prominente Rolle einnimmt und im Gottesdienst durch Gottes Wort vergeben wird, spielt sie an der Börse eine ebenso entscheidende, wenn auch gegenteilige Rolle. An der Börse wird der Börsenspekulant gerade durch diejenige ihn konstituierende Tätigkeit zum Hersteller von Schuldverhältnissen: Er erhält einen Schuldschein und macht einen anderen zum Schuldner. „Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“ (Benjamin 1991: 100).

 Ferner, gleichsam wie, wenn man die Religionsgeschichte von monotheistischen Weltreligionen betrachtet, neue Religionen vorerst als häretische Bewegungen verurteilt oder zumindest mit negativer Konnotation behaftet wurden, der historische Jesus als Sektierer bezeichnet und Mohammed aus Mekka vertrieben wurde, stellte die Börse, wenn man sie als korporative Ausformulierung der neuen Religion des Kapitalismus versteht, eine nicht vertrauenswürdige Institution dar, wenn etwa Urteile von Leuten über die Börse davon handeln, dass „Hiob die Börse erfunden haben“ muss, „da er seine Anhänger lehrte, Beleidigungen und Verleumdungen mit Geduld zu ertragen“, oder dass Lucifer als der Gegner des Volkes Israels oder gar der dem Volk Israel missgünstige Bileam die Börse erfunden haben muss (vgl. Vega 2010).

Glaube braucht keinen Ort

Eine letzte Analogie zwischen Börse und Kirche zeigt sich in der Deinstitutionalisierung der kollektiven Orte der Aktualisierung von Glauben. Gleichsam wie das Marktgeschehen durch den Ticker plötzlich an verschiedenen, ausserhalb von Börsengebäuden gelegenen Standorten mit verfolgt werden konnte (vgl. Stäheli 2004: 251), Aktienkäufe und -verkäufe heute online von zuhause aus getätigt werden können, ist der Gläubige heute in der Lage, sein religiöses Programm z.B. via „Bible TV“ u.Ä. von zuhause aus gestaltbar zu machen. Dadurch verlieren sowohl die Börse wie auch die Kirche ihren Charakter als exklusive Klubs.

Die Analogie zwischen Börse und Kirche gelingt dann, wenn...

Die Analogie zwischen Börse und Kirche gelingt, so kann festgestellt werden, dann, wenn der Religion des Kapitalismus eine von der Immanenz nicht unterscheidbare Transzendenz zugrunde liegt, die sich durch die Unkontrollierbarkeit und Undurchschaubarkeit des Handelns durch eine unkontrollierbar grosse Menge von Menschen konstituiert. Insofern entsteht Transzendenz als Unkontrollierbares durch den Prozess der Akkumulierung von subjektivem Handeln von Individuen, den keines derselben aus einer objektiveren Perspektive beobachten kann. Der Spekulant hat nur „kleine“ Transzendenzen als durch räumliche und zeitliche Begrenzung nicht mögliche Erfahrbarkeit und „mittlere“ Transzendenzen als Unmöglichkeit der Überwindung des subjektiven Horizonts jedes Menschen zu überwinden, während der Kirchgänger Transzendenz als ausseralltägliche Erfahrung versteht und zu bewältigen versucht. In dieser Feststellung liegt die grosse Schwäche der Analogie, denn, wenn selbst die unsichtbare, marktregulierende Hand als diejenige des Kapitalisten-Gotts verstanden wird, so ist ihre Handlung letztlich Produkt der Akkumulation jedes einzelnen Individuums, der Gott des Kapitalismus eine Menschen-Gottheit. Die Überwindung „kleiner“ und „mittlerer Transzendenzen“ beschreibt zudem einen alltäglichen Prozess der Deutung von Zeichen und Symbolen, der sich daher nicht nur als Handelsspezifikum von Spekulanten zeigt, sondern auf vielerlei Lebensbereiche ausweitbar ist. Ferner kann die Erfindung des Tickers, die, wie argumentiert wurde, das Nicht-Erfahrbare durch ständige Umwandlung von Transzendenz in Immanenz erfahrbar machte, nicht nur als Umgang mit dem Transzendenten, sondern geradezu als Überwindung desselben im Sinne einer effizienten Technik, die das Unkontrollierbare als den Bereich, mit dem sich Religion auseinandersetzt, reduziert, Glauben und Hoffen durch Wissen ersetzt, verstanden werden.

Angriffspunkte

Eine kritische Reflexion der These des Kapitalismus als Religion stellt folglich verschiedene Angriffspunkte fest, die gleichzeitig auch die Idee dieses Essays, Börsen als analoge Formen von Kirchen zu verstehen, unterhöhlen. Dennoch, so kann festgehalten werden, scheint die Analogie besonders dann fruchtbar, wenn Börse und Kirche als institutionelle Grössen miteinander parallelisiert und als (abstrakte) Räume der Aktualisierung des Glaubens an das Nicht-Erfahrbare verstanden werden, die im Sinne einer Deinstitutionalisierung stetig in die Privaträume der eigenen Stube verlagert werden.


Literatur

Benjamin, Walter (1991): Kapitalismus als Religion [Fragment], in: Tiedemann, Rolf & Schweppenhäuser, Hermann (Hg.): Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main: Suhrkamp, Bd. VI, 100-102.

Luckmann, Thomas (1991): Die unsichtbare Religion, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Schnaas, Dieter (2012): Kleine Kulturgeschichte des Geldes, München: Wilhelm Fink Verlag, 2. Überarbeitete und erweiterte Auflage.

Stäheli, Urs (2004): Der Takt der Börse. Inklusionseffekte von Verbreitungsmedien am Beispiel des Börsen-Tickers, in: Zeitschrift für Soziologie 3 (2004) 245-263.

Stolz, Fritz (2001): Weltbilder der Religionen, Zürich: Pano Verlag.

Vega, Joseph de la (2010): Confusion de Confusionses; deutsch: Verwirrung er Verwirrungen, oder merkwürdige Gespräche zwischen einem scharfsinnigen Philosophen, einem umsichtigen Kaufmann und einem belesenen Aktionär über den Aktienhandel, seinen Ursprung, seine Entwicklung, seine Wirklichkeit, sein Spiel und seine Verwirklichungen, Hamburg [erstmals Amsterdam 1688].

 

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