MannlichkeitDie kritische Männlichkeitsforschung in der Religionswissenschaft ist ein sehr junger Forschungszweig. In Nordamerika konnte sich die Männerforschung seit den 1970ern akademisch etablieren, im deutschsprachigen Raum begann sich diese Forschungsrichtung erst in den 1990ern zu entwickeln. Die Kombination aus ‚Religion’ und ‚Mann’ als Forschungsgegenstand ist nicht neu, der Blickwinkel, der darauf geworfen wird, hingegen schon.

Weder der Religionsbegriff, noch der Mannesbegriff werden unreflektiert als starre Größen aufgefasst, sondern als dynamische Konstrukte. Diese neue Art der Männlichkeitsforschung nennt sich nicht alleine deswegen kritisch, sondern auch, weil sie implizite und normative Geschlechtervorstellungen infrage stellt. Sie befasst sich intensiv mit dem Verhältnis zwischen den Männern und der Religion sowie der Religion und deren Einfluss auf Männer und Männlichkeitsvorstellungen.

Konstruierte Männlichkeit

Männlichkeit

Männlichkeit nach Connell ist nichts Angeborenes oder Biologisches. Vorherrschende normative Vorstellungen und Praktiken einer bestimmenden gesellschaftlichen Gruppe definieren, was Männlichkeit bedeutet. Vermeintlich objektiv feststellbare Verhaltensweisen, Handlungsmuster, Ausdrucksformen, Mimiken, Gangarten, Tonlagen etc. werden in verschiedenen Männlichkeitstypen kategorisiert. Nach dieser Definition sind die verschiedenen Männlichkeiten nichts Starres: Es wird stets aufs Neue verhandelt, was als männlich gilt und was nicht.

Körper als Objekte, Körper als Akteure

Besonders an Connells Männlichkeitsverständnis ist, dass er die körperliche Dimension mitberücksichtigt. Denn nicht nur das Verhalten oder Ausdrucksformen werden von den normativen Geschlechtervorstellungen beeinflusst, sondern auch der Körper respektive körperliche Fähigkeiten. Einerseits wirken soziale Strukturen auf den Körper und das Individuum ein. „Rennen, Werfen, Springen oder Schlagen sind außerhalb dieser Strukturen [den Strukturen des sportlichen Handelns] überhaupt kein Sport.“ (Connell 1999, S. 74.) Andererseits sind Körperpraktiken immer auch an der Entstehung, Reproduktion oder Veränderung von sozialen Strukturen beteiligt. Nur indem Männer 100 Meter Freistil schneller schwimmen, wird die Dominanz des Mannes gegenüber der Frau aufrecht gehalten. Schlussfolgernd gestalten körperreflexive Praxen die Wirklichkeit stets mit. In Connells Worten, sie sind ontoformativ.

Suprimatie der Männer

"Es reicht nicht, die Mannigfaltigkeit von Männlichkeitsformen zu erkennen. Es geht auch um die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Arten von Männlichkeit: Bündnisse, Dominanz, Unterordnung. Diese Verhältnisse entstehen durch Praxen, die ein- oder ausschließen, einschüchtern, ausbeuten und so weiter. Männlichkeit bedeutet auch Geschlechterpolitik."
(Connell 1999, S. 56)

Hegemoniale Männlichkeit beschreibt Beziehungen unter Männlichkeiten, die Pluralität von Männlichkeiten und die Hierarchisierung von Männlichkeiten. Das Modell der hegemonialen Männlichkeit verfügt über eine „doppelte Distinktions- und Dominanzlogik: im Verhältnis von Männern gegenüber Frauen und von Männern untereinander“ (Meuser 2010a, S. 327). Connells Konzept ist demzufolge ist sowohl durch hetero- wie auch durch homosoziale Machtbeziehungen strukturiert. Auf heterosozialer Ebene treffe für die meisten Kulturen zu, dass Männer ungemein von der Unterordnung der Frau profitieren. Im Verlauf der Geschichte seien androzentrisch geprägte soziale Strukturen und Praktiken institutionalisiert worden, die diese Suprematie aufrechterhalten. Männer geniessen demzufolge alleine aufgrund ihres Mannseins Vorteile gegenüber Frauen.

Hierarchisierung der Männlichkeiten

Mannlichkeit

Innerhalb der Männlichkeitshierarchie steht gemäss Raewyn Connell die hegemoniale Männlichkeit auf der obersten Stufe. Der Begriff ist irritierend, weil damit sowohl das gesamte Theoriemodell, als auch eine bestimmte Form der Männlichkeit bezeichnet wird. Die hegemoniale Männlichkeit übernimmt innerhalb einer Gesellschaft eine normative, bestimmende Funktion. Viele Männer richten sich nach ihr und versuchen ihr Auftreten, Verhalten, Denken weitgehend den Vorgaben der hegemonialen Männlichkeit anzupassen. Die Komponenten der hegemonialen Männlichkeit variieren je nach Gesellschaft. Folgende Elemente könn(t)en dabei entscheidend sein: Der Körper(-bau) als Identifikationsbasis, der Blick der Frau auf den Mann, die Bestätigung der eigenen Identität durch andere Männer, die Stellung unter anderen Männern, das öffentliche Auftreten, die sexuelle Potenz, das Einkommen, die Berufswahl, das Bildungsniveau, Charaktereigenschaften oder die Rangordnung im Privaten. Nur wenige Männer können genügend Kriterien erfüllen, um unter den Männern eine führende Position einnehmen zu können – der großen Mehrheit bleibt dies verwehrt.

In der Kategorie der komplizenhaften Männlichkeit befinden sich Männer, die den Kriterien der hegemonialen Männlichkeit weitgehen angepasst sind, aber dennoch zu wenige davon ausreichend erfüllen, um eine Stufe aufzusteigen in der männlichen Hierarchie. Die beiden unterlegenen Männlichkeitsformen nennt Connell zum einen die untergeordnete Männlichkeit, zum anderen die marginalisierte Männlichkeit. Erstere bezieht sich auf die kulturelle Dominanz einer Gruppe gegenüber einer anderen. Das offensichtlichste Beispiel liegt bei der Unterordnung der homosexuellen im Vergleich zu heterosexuellen Männern vor. Die Marginalisierung wird vor allem auf die ethnische Zugehörigkeit zurückgeführt.Allerdings überschneiden sich diese beiden Kategorien in vielen Bereichen.

Verschiebungen in der Hierarchie

"«Hegemoniale Männlichkeit» ist kein starr, über Zeit und Raum unveränderlicher Charakter." (Connell 1999, S. 97) Weder gibt es die hegemoniale Männlichkeit – ebenso wenig wie die komplizenhafte, marginalisierte oder untergeordnete Männlichkeit –, noch ist eine Form davon für ewig in Stein gemeißelt. Männlichkeiten werden unter Druck und durch gesellschaftliche Konfigurationen gebildet wie auch angenommen. Sie können letztlich als Positionierungen im Geschlechterverhältnis verstanden werden.

Zum Beispiel galten Manager im Finanzsektor und hoch positionierte Angestellte im Bankenwesen lange Zeit als Vertreter der hegemonialen Männlichkeit. Seit der Finanzkrise im Jahr 2007 und den darauf folgenden Betrugsenthüllungen durch Whistleblower_innen hat sich das Bild dieser Berufsgattung massiv verschlechtert. Die Männer dieser Wirtschaftsbranche galten plötzlich nicht mehr als Vorbilder und zuvor erstrebenswerte Qualitäten fielen aus der hegemonialen Männlichkeit.

Drohende Gefahren

Männlichkeit

Erfolg in der Arbeitswelt ist trotz der Finanzkrise ein wichtiges Kriterium der hegemonialen Männlichkeit geblieben. Die Inklusion der Frauen in die Berufswelt und vermehrt in bisher rein männlich dominierte Metiers, birgt daher Gefahren für die männliche Suprematie. Noch prekärer wird die Situation für die Männer, wenn die Kluft zwischen ihnen und der Frauen kleiner wird. Wenn zum Beispiel auch Frauen Führungspositionen in Großkonzernen übernehmen.
Auch das veränderte Geschlechterverständnis birgt Gefahren für das Konzept der hegemonialen Männlichkeit. Die gesellschaftliche Vorstellung eines bipolaren, rein biologisch vorgegebenen Geschlechtersystems verliert an Gewicht. Es beginnt sich verstärkt ein Bewusstsein für die Historizität des Geschlechts sowie der Geschlechterverhältnisse herauszubilden. Die männliche Herrschaft – die Grundlage der hegemonialen Männlichkeit – wird damit infrage gestellt.

Fragen für die Religionswissenschaft

Aus einer an kulturwissenschaftlichen Strömungen angelehnten religionswissenschaftlichen Perspektive wäre es interessant, wie religiöse Organisationen mit dieser Ausgangslage umgehen. Wird versucht, Männer in ihrer Männlichkeit zu bestärken? Oder reagieren die Organisationen auf die überlappenden Geschlechterentwürfe und trennen die weibliche nicht mehr so strikte von der männlichen Geschlechtsidentität? Entspringen neue religiöse Strömungen, die sich spezifisch an den Befürchtungen der Männer orientieren?


Literatur

Blindow, Katharina (2010): "Wir haben alle auf Zukunft gelebt!" (Paul Ahaus, Junior in Mergers & Acquisitions), in: Honegger, Claudia / Neckel, Sighard / Magnin, Chantal (Hg.): Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 114–120.

Boyd, Stephen (2009): Trajectories in Men’s Studies in Religion: Theories, Methodologies, and Issues, in: Björn Krondorfer (Hg.): Men and masculinities in Christianity and Judaism. A critical reader, London: SCM Press, 52–55.

Burren Susanne & Bühler, Caroline (2010): "Da kann man sich nicht einfach sagen: Ich bin nicht dabei gewesen." (Dr. Simon Vollenweider, Leiter Investment Office), in: Honegger, Claudia / Neckel, Sighard / Magnin, Chantal (Hg.): Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 101–106.

Connell, Raewyn (2010): Im Innern des gläsernen Turms: Die Konstruktion von Männlichkeit im Finanzkapital, in: Feministische Studien, Vol. 28, Nr. 1, 8–24.

Connell, Raewyn & Wood, Julian (2005): Globalization and Business Masculinities, in: Men and Masculinities, Vol. 7, Nr. 4, 347–364.

Connell, Robert W. (1999): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen: Leske + Budrich.

Glauser, Andrea (2010): "Bankrott, das ist einfach unmöglich gewesen." (Dirk Mayer, Kundenberater im Devisenhandel), in: Honegger, Claudia / Neckel, Sighard / Magnin, Chantal (Hg.): Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 107–113.

Meuser, Michael (2010a): Geschlecht, Macht, Männlichkeit – Strukturwandel von Erwerbsarbeit und hegemonialer Männlichkeit, in: Erwögen Wissen Ethik (EWE), Vol. 21, Nr. 3, 325-335.

Meuser, Michael (2010b): Replik / Response, in: Erwögen Wissen Ethik (EWE), Vol. 21, Nr. 3, 415-431.

Thrunwald, Andrea K. (2010): «Fromme Männer». Eine empirische Studie zum Kontext von Biographie und Religion, Stuttgart: Kohlhammer, 2010.

 

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