LGBTI USAHomosexuelle, die einer evangelikalen Gruppierung angehören, können schnell in einen Gewissenskonflikt geraten, da ihre Sexualität nicht der geforderten Lebensweise entspricht. Seit den 1970er-Jahren lassen sich v. a in den USA evangelikale Homosexuelle von ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung heilen. Im Zuge dessen sind in den Vereinigten Staaten von Amerika sogenannte Ex-Gay-Organisationen entstanden. Doch bieten auch schweizerische Organisationen Heilungstherapien an. Mit Hilfe einer Kombination aus psychologischen Methoden und religiösen Aktivitäten, versuchen sie Homosexuelle von ihrer Homosexualität zu befreien.

Inwiefern sind religiöse Überzeugungen beim Heilungsprozess von Bedeutung? Und weshalb wirkt sich in den Augen vieler Evangelikaler die Heilung der Homosexualität positiv auf deren Gesundheit aus?

Die Ex-Gay-BewegungEXODUS International

Gruppierungen evangelikaler Homosexueller, welche sich einer Heilung ihrer Homosexualität unterzogen haben und nun andere Homosexuelle auffordern sich heilen zu lassen, werden als Ex-Gay-Bewegung bezeichnet. Entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse halten die Verfechter_innen der Ex-Gay-Gruppierungen die Homosexualität für eine heilbare Krankheit. Folgende Grundsätze werden von den Mitgliedern der Ex-Gay-Bewegung bejaht:

  • Niemand wird homosexuell geboren.
  • Niemand wird freiwillig homosexuell.
  • Jeder kann sich für eine Veränderung entscheiden und zur Heterosexualität, der Wahrheit und einzig richtigen Sexualität, finden.

Die Heterosexualität wird in evangelikalen Kreisen respektive in der Ex-Gay-Bewegung eindeutig als gottgegebene Norm betrachtet.  Alles davon Abweichende wird von Richard Cohen, einem populären Ex-Gay-Aktivisten, als Desorientierung, Entwicklungsstörung oder Krankheit bezeichnet. Homosexualität sei ihm zufolge eine Störung der eigenen Geschlechtsidentität, eine defizitäre psychosoziale Entwicklung. Im Grunde sei jeder Homosexuelle latent heterosexuell: Sobald die Ursachen für die Homosexualität behoben werden, verspüren die Klient_innen heterosexuelle Neigungen.

Ursachen

Die Ursachen, die Richard Cohen nennt sind vielfältig. Hier einige der zahlreichen Gründe, welche zur Homosexualität führen können:

  • Beziehungsstörung zum gleichgeschlechtlichen Elternteil in der Kindheit: Homosexuelle sind unterbewusst auf der Suche nach Liebe des gleichgeschlechtlichen Elternteils und erhoffen sich – ebenfalls unterbewusst – , diese in den Armen de_r Partner_in zu finden.
  • Überidentifikation mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil in der Kindheit: Ein_e Homosexuelle_r fühlt sich daher vom anderen Geschlecht abgestossen und kann nur gleichgeschlechtliche Beziehungen eingehen.
  • Kind entspricht nicht dem Wunschgeschlecht der Eltern: Die Eltern wünschen sich einen Jungen und bekommen ein Mädchen. Das Mädchen versuche sich bewusst jungenhaft zu verhalten, um die Liebe der Eltern zu gewinnen, verinnerliche die falsche Geschlechtsidentität und werde somit homosexuell.
  • Sexueller, körperlicher oder emotionaler Missbrauch während der Kindheit: Mädchen, die von Männern misshandelt wurden, würden sich später von Männern abwenden und Beziehungen mit Frauen eingehen. Seien Junge durch einen Mann missbraucht worden, betrachten diese die sexuelle Handlung als Dienstleistung, um Liebe zu gewinnen. Dieses Verhaltensmuster werde auch im Erwachsenenalter fortgeführt.

 

Ex GayDer Heilungsprozess

Ich bin überzeugt, dass Gott die Menschen komplementär zueinander geschaffen hat. Männer und Frauen zusammen bilden die Krone der Schöpfung. Jeder weiss, dass Gegensätze sich anziehen. Zwei Magneten unterschiedlicher Polarität bewegen sich aufeinander zu, zwei der gleichen Polarität dagegen stossen sich ab. Wenn ein Mann sich zu einem anderen Mann hingezogen fühlt, sucht er innerlich das, was ihm selber fehlt. Er versucht, den verlorenen oder fehlenden Teil seiner Seele 'einzuverleiben'. Ein Mann, dem seine eigene Männlichkeit vertraut und selbstverständlich ist und der sich darin sicher und wohl fühlt, wird sich zu seinem 'Gegenpol', einer Frau, hingezogen fühlen.
Richard Cohen

Die Behandlungsmassnahmen sind mindestens so vielfältig wie die Ursachen. Hier werden einige der Genesungsschritte skizziert:

  • Sämtliche Kontakte zu (homosexuellen) Freund_innen, welche die Homosexualität bejahen abbrechen
  • Konsum von pornographischen Magazinen und Filmen mit homosexuellen Inhalten unterlassen
  • homosexuelle Verhaltensweisen, insbesondere sexueller Art, unterlassen
  • Heilsames Beziehungsnetz aufbauen - zuerst mit gegengeschlechtlichen, später auch mit gleichgeschlechtlichen Menschen
  • Intensive Beziehung zu Gott pflegen: In der Liebe Gottes erfahre die_der Patient_in Bestätigung, wodurch sich das Selbstwertgefühl erhöht.
  • Meditation, Gebete, geistliche Lektüre, Teilnahme an Gottesdiensten oder Hauskreisen
  • Identifikation mit dem eigenen Körper erlernen (u. a. durch ausgewogene Ernährung, Sport, Massagen)
  • Positives Körpergefühl entwickeln
  • Innere Ruhe und Zufriedenheit schaffen
  • Gefühlsregulierung erlernen
  • Festigung der richtigen Geschlechtsidenität
  • Verstehen, dass gleichgeschlechtlicher Sex eine Ersatzhandlung für tieferliegende Bedürfnisse sei
  • Verarbeitung von Kindheitstraumata und Heilung des inneren Kindes
  • Mentor_in, die_der Patient_in in die Welt der 'richtigen' Frauen bzw. 'richtigen' Männer einführt und sie_ihn mit den geschlechtstypischen Aktivitäten vertraut macht
  • Mentor_in, die_der mit de_r Patient_in alle versäumten Kindheitsbedürfnisse
  • Selbstliebe

 

Der Gesundheitszustand nach vollendeter Heilung

"Gesundheit ist eine Fähigkeit zur Problemlösung und Gefühlsregulierung, durch die ein positives seelisches und körperliches Befinden – insbesondere ein positives Selbstwertgefühl – und ein unterstützendes Netzwerk sozialer Beziehungen erhalten oder wieder hergestellt wird (Badura/Hehlmann 2002, S. 32)." Nach der Betrachtungsweise der Ex-Gay-Verfechter_innen, erfüllen Homosexuelle kein Kriterium dieser Gesundheitsdefinition. Sie seien nicht fähig zur Problemlösung und Gefühlsregulierung, da "homosexuelle Gefühle […] für nicht bewältigte Kindheitstraumata, nicht verarbeitete Emotionen aus der Vergangenheit und versteinerte Gefühle für nicht verheilte seelische Wunden stehen (Cohen 2001, S. 50)". Sie würden weder über ein positives seelisches, noch über ein positives körperliches Empfinden verfügen. Sie seien von seelischen Schmerzen geplagt und sich selbst bzw. ihrem Körper entfremdet. Indem die Klient_innen lernen, ihre Gefühle angemessen auszudrücken und sich deren Hintergrund bewusst werden, machen sie einen grossen Schritt in Richtung Fähigkeit zur Problemlösung und Gefühlsregulierung. In der Beziehung zu Gott und ihren Mentor_innen sollen Klient_innen lernen, dass sie wertvolle Geschöpfe Gottes sind. Zudem bauen Klient_innen während der Therapie unterstützende soziale Beziehungen auf, denn die meisten Homosexuellen seien laut Cohen in einem ungesunden sozialen Netzwerk verankert. "Homosexualität als natürlich und normal gutzuheissen, heisst Schmerz und Zerrissenheit verherrlichen" (Cohen 2001, S. 293). Durch die Bekämpfung der gleichgeschlechtlichen Neigungen würden Betroffene ein Stück ihrer Gesundheit zurückerlangen. Dieser Prozess daure im Schnitt etwa drei Jahre lang. Zudem wirke sich eine Veränderung der gleichgeschlechtlichen sexuellen Orientierung hin zur Heterosexualität positiv auf die Heilserwartung aus. Homosexuellen, die gleichgeschlechtlichen Sex haben, bleibe der Weg ins Paradies verwehrt.

Ex-Ex-Gay EXODUS InternationalEx-Ex-Gay-Gruppierungen im Aufschwung

Ein erheblicher Teil jener, die sich für eine Heilung ihrer Homosexualität entscheiden, tragen schwere psychische Schäden davon. Der innere Druck, den sich die Klient_innen selbst auferlegen und der äussere Druck, den sie von ihrer kirchlichen Gemeinde oder den Therapierenden zu spüren bekommen, führen oft zu schweren Depressionen oder sogar zu Suiziden.  Vielmals haben die Berater_innen in den Beratungsstellen keine therapeutische Ausbildung oder psychologisches Wissen. Sie absolvierten maximal einige Seminartage. Diese signifikanten Details werden allerdings in keinem der konsultierten Ex-Gay-Bücher erwähnt. Ebenfalls verschwiegen wird, dass ehemalige Gründerväter von Ex-Gay-Organisationen sich heute zu ihrem homosexuellen Lebensstil bekennen.  Rückwirkend üben sie harsche Kritik an den therapeutischen Programmen der Ex-Gay-Organisationen. Die Aussteiger_innen aus den Ex-Gay-Organisationen haben sich mittlerweile zu neuen Gruppierungen, den Ex-Ex-Gay-Organisationen, formiert, welche zu zeigen versuchen, dass sich der christliche Glaube sehr wohl mit der Homosexualität vereinbaren lasse.


Literatur

Badura, Bernhard; Walter, Uta; Hehlmann, Thomas (Hrsg.) (2003): Betriebliche Gesundheitspolitik: der Weg zu gesunden Organisation, Berlin: Springer.
Cohen, Richard (2001): Ein anderes Coming Out. Homosexualität und Lebensgeschichte. Orientierung für Betroffene, Angehörige und Berater, Giessen: Brunnen Verlag.
Rauchfleisch, Udo (2002): Gleich und doch anders. Psychotherapie und Beratung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und ihren Angehörigen, Stuttgart: Klett-Cotta.
Rauchfleisch, Udo (2004): wer sorgt für die Seele? Grenzgänge zwischen Psychotherapie und Seelsorge, Stuttgart, Klett-Cotta.
Wiesendanger, Kurt (2001): Schwule und Lesben in Psychotherapie, Seelsorge und Beratung. Ein Wegweiser, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
  info@religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
  redaktion@religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk "religion.ch"
CH69 0900 0000 6069 3663 4