Der Schweizer Psychologe C. G. Jung gilt als Pionier der Märchenforschung

Was können die Bilder der Märchen für den modernen Menschen bedeuten? Können Märchen auf der Suche nach Sinn und Lebensorientierung helfen? Und sie sind gar als Religionsersatz zu verstehen? Ein Gespräch mit Pater Bruno Lautenschlager SJ, der sich mit der Märchendeutung nach Carl Gustav Jung beschäftigt.

Bruno Lautenschlger

 

 

 

 

Pater Bruno Lautenschlager SJ wurde 1936 geboren. Er war nach dem Studium der Theologie mit Doktorat zwanzig Jahre lang in der praktischen Seelsorge tätig. Gleichzeitig liess er sich am C.G. Jung Institut zum Psychologen ausbilden und trat 1984 dem Jesuitenorden bei. Seit 2003 lebt er in Bern und arbeitet als Psychotherapeut und geistlicher Begleiter.

 

 

 

 

 

Ursina Wälchli: Ganz kurz: Gibt es Gemeinsamkeiten, etwas Verbindendes zwischen Märchen und Religion?
Pater Bruno Lautenschlager: Ich glaube, dass zwischen Religion und Märchen ein enger Zusammenhang besteht. Beide bieten uns ein Weltbild an, das uns helfen kann, uns in der Welt zu orientieren und das uns gewisse Wertvorstellungen von Gut und Böse vermittelt. Sie verweisen uns auf einen Weg, auf dem wir uns als Menschen entwickeln und reifen sollen. Dabei wird uns ein gutes Ende, auf das wir uns hinentwickeln sollen, bzw. eine Verheissung vor Augen geführt. Es gibt aber auch einen Unterschied: Die christliche Religion ist auf dem Boden einer konkreten Heilsgeschichte gewachsen, wohingegen die Märchen zeitlos sind.

Das Unbewusste ist ein Reich seelischer Inhalte

Ein Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist Carl Gustav Jung. Was hat er für die Märchendeutung bewirkt?
Jung hat eine ganz wichtige Stellung in der Märchendeutung. Er arbeitete eine Zeit lang sehr eng mit Sigmund Freud zusammen und übernahm einiges von dessen Konzept. Die Pioniertat Freuds bestand darin, das Unbewusste neu entdeckt zu haben. Verdrängte (sexuelle) Impulse verschwinden laut Freud nicht einfach, sondern leben im Unbewussten weiter, von woher sie immer wieder, beispielsweise durch Träume, in unser Leben treten. Das Unbewusste ist gleichsam die 'Rumpelkammer' unserer verdrängten Wünsche. Jung stimmte dem zu, entwickelte diese Vorstellung aber weiter. Das Unbewusste ist für Jung ein ganzes Reich seelischer Kräfte und Inhalte, das danach drängt, vom Menschen bewusst wahrgenommen und anerkannt zu werden. Im Gegensatz zu Freud ist dieses Unbewusste für Jung nicht nur individuell, sondern eine gemeinsame Wirklichkeit, die alle Menschen verbindet. In diesem allen gemeinsamen Unbewussten sind auch die Archetypen anzusiedeln. Unter Archetypen versteht Jung eine seelische Grundstruktur, die in typisch menschlichen Situationen wie Geburt, Liebe, Kampf zwischen Gut und Böse zum Tragen kommt und in urtümlichen Bildern und bestimmten Verhaltensmustern ihren Ausdruck findet.
Jung hat festgestellt, dass Märchen verschiedener Kulturen sehr viel gemeinsam haben. Die seelischen Tiefenschichten, die sich sowohl in Märchen wie auch in Träumen Ausdruck verschaffen, stellen ein Feld dar, das uns mit allen Menschen verbindet. Die Märchen sind für Jung ein Spiegel, in dem wir unser eigenes Leben mit seinen verschiedenen Stationen, seinen Wünschen, seinen Kämpfen und Auseinandersetzungen gespiegelt finden und an dem wir uns orientieren können.

Carl Gustav Jung

 

 

 

 

C. G. Jung war ein Schweizer Mediziner, Psychologe und Begründer der Analytischen Psychologie. Geboren als Sohn eines reformierten Pfarrers in Kesswil TG studierte er in Basel Medizin und arbeitete in der Klinik „Burghölzli“, lehrte in Zürich, unternahm ausgedehnte Reisen nach Afrika und Asien und war jahrzehntelang in eigener Praxis tätig.

 

 

 

 

Die Muster betreffen wirklich unser Leben

Wie steht man heute zu solchen Erklärungen?
Die Tiefenpsychologie nach Jung und Freud steht  an den Universitäten leider nicht sehr hoch im Kurs. Es gibt aber einige sehr bekannte Autoren, die sich mit tiefenpsychologischer Märchendeutung beschäftigen, beispielsweise Eugen Drewermann oder Verena Kast. Moderne Märchen wie Harry Potter, der Herr der Ringe oder Star Wars lösen eine regelrechte Hysterie aus. Dies, weil die Menschen spüren, dass diese Märchen etwas mit ihnen, mit ihrer eigenen Entwicklung und Auseinandersetzung mit Gut und Böse zu tun haben. Es sind alte archetypischen Muster, die sich immer wieder neu in verschiedenen Geschichten und Kulturen verkörpern. Dies zeigt, dass diese Muster wirklich unser Leben betreffen.

Sind Märchen so etwas wie religiöse Weltentwürfe, die dem Leben Sinn geben?
Märchen sind sicher keine Religionsersatz, aber sie sind ein Medium, das uns auf unserer Su¬che nach Sinn und Lebensorientierung helfen kann, voranzukommen und konkrete Schritte zu tun. Das Eigentliche, das uns den tiefsten Sinn gibt und uns erfüllt ist, auch für Jung nicht etwas, was wir machen können, sondern eine Gnade. Es übersteigt, transzendiert das Menschliche.

Einige biblische Geschichten tragen märchenhafte Züge

Bei Jung werden auch Gott und der Teufel zum Teil zu Archetypen reduziert. Ist das nicht eine implizite Abschaffung von Religion?
Nein, Jung reduziert Gott und den Teufel nicht auf Archetypen. Für ihn sind diese psychologischen Deutungsmodelle nur ein Mittel, ein Vehikel, um an die religiösen Inhalte heranzuführen. Sie sind eine Hilfe, um dem Transzendenten näher zu kommen. Denn für Jung ist Religion nicht etwas Freischwebendes, sondern durch die Psyche vermittelt. Kurz: Es gibt keine Religion ohne Psyche.

Doch beeinflussen sich Märchen und Religion gegenseitig und behandeln manchmal ähnliche Inhalte?

Sicher durchdringen sich Märchen und Religion teilweise. Auch in der Bibel gibt es bestimmte Bücher, von denen man sagen kann, dass es eigentlich Märchen sind, beispielsweise das Buch Tobit im Alten Testament. Einige biblische Geschichten tragen wohl gewisse märchenhafte Züge. Märchen sind in ihrem Sinne auch wahr, sie spiegeln eine Wahrheit des Lebens wieder. Wir müssen anfragen, was die Märchen uns eigentlich sagen wollen, welche Wahrheit sie in ihren Bildern zur Sprache bringen.bene...

 

erschienen 31.8.2008 (17/08, S. 28f.) in forumKirche

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